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Deutschland / Welt Castor-Transport erreicht Verladebahnhof in Dannenberg
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Castor-Transport erreicht Verladebahnhof in Dannenberg
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17:11 09.11.2010
Der Castor-Zug hat am Montag den Verladebahnhof in Dannenberg erreicht.
Der Castor-Zug hat am Montag den Verladebahnhof in Dannenberg erreicht. Quelle: afp
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Die Polizei räumte die Gleise am Morgen. Rund 1500 Bahnblockierer im Wendland haben die Nacht zu Montag in Gewahrsam verbracht. Allerdings nicht in einer Zelle, sondern in einer improvisierten Polizeiwagenburg unter freiem Himmel. Es war ziemlich kalt.

Es ist vier Uhr morgens, der Atem gefriert, und die Wollddecke sieht nicht so aus, als würde sie Bettina Egert die Nacht über warm halten. Die Luft ist bitterkalt. Die 45-Jährige hat sich trotzdem entschieden, bis zum bitteren Ende des Protestes an den Gleisen in Harlingen auszuharren. Als ein Polizist sie vor einer Stunde gefragt hatte, ob sie freiwillig die Gleise verlassen und damit die Sitzblockade aufgeben wolle, hatte sie nur mit dem Kopf geschüttelt. Den Kopf zu schütteln heißt in diesem Fall: Ingewahrsamnahme in einer Burg aus Polizeibullis. Im Freien. Ende ungewiss.

Nach einer nächtlichen Zwangspause ist der Castor-Transport wieder unterwegs. Nächstes Etappenziel ist Dannenberg, wo der Atommüll auf Lkw umgeladen werden soll. In einer Nachtaktion hatte die Polizei Sitzblockaden aufgelöst.

Wie der Frau aus Dannenberg und ihrem Begleiter ging es in der Nacht zu Montag rund 1500 Demonstranten. "Wir sind wütend auf die Politik, deshalb nehmen wir das hier in Kauf", sagt Egert und blinzelt in die grellen Scheinwerfer, die das Gelände beleuchten. Die Wendländerin hatte sich erst abends spontan entschieden, zu den blockierten Gleisen zu kommen. "Um acht Uhr haben wir gedacht: Fernseher aus, raus auf die Gleise." Sie haben Decken, Tee und etwas Essen dabei. "Wir halten das schon ein paar Stunden aus."

Das mussten sie auch. Die letzten Demonstranten, die größtenteils schon seit Sonntagmittag auf den Gleisen ausharrten, wurden erst heute morgen gegen halb zehn Uhr wieder aus der improvisierten Wagenburg entlassen.

Zuvor hatten sie die Polizei jedoch vor große Probleme gestellt. In einer Mulde kurz vor Harlingen hatten sich mehrere Tausend Atomkraftgegner auf die Gleise gesetzt - die Polizei hatte offenbar nicht mit so vielen gerechnet und musste zusehen. "Wir haben unser Ziel erreicht, der Castor kann die Nacht über nicht mehr fahren", sagt ein junger Demonstrant. "Das ist eine Erkältung wert".

Decken und Seelsorger

Stundenlang stand die Polizei mit unzähligen Hundertschaften auf der einen Seite der Gleise, kam jedoch offenbar weder mit Wasserwerfern noch Räumfahrzeugen an die Gleise. Auf der anderen Seite stand, saß und tanzte die bunte Schar der Atomkraftgegner. Sie hatten Musik mitgebracht, es gab Decken und Seelsorger, Pressesprecher, Tee - eine Gruppe brachte sogar Körbe mit Butterbroten. Aber auch sie wussten lange nicht, was passieren sollte. Immer wieder geistern Schlagworte durch die Mengen, Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstockeinsätze werden vermutet - mit Verweis auf die harten Einsätze am Tag, wo die Polizei teils äußerst rabiat gegen sogenannte Schotterer vorgegangen war.

Doch nichts von dem passiert an den Gleisen. Vielleicht liegt es daran, dass es die übermüdeten Polizisten auf dem unwegsamen Gelände nicht auf eine Kraftprobe ankommen lassen wollen, vielleicht auch an dem Verhanndlungsgeschick von Bürgerinitiativen und Polizei, die hinter den Kulissen über die Bedingungen für ein friedliches Auflösen der Sitzblockade sprechen. Die Demonstrantenvertreter geben sich betont selbstbewusst und erklärten die Gleisblockade noch in der Nacht kurzerhand für "unräumbar". In der Tat musste der Castor bei Dahlenburg gestoppt und mit Stacheldraht umzäunt werden - ein sicheres Zeichen für einen längeren Halt.

Schließlich kommt es gegen zwei Uhr zu einem Abkommen. Die Bürgerinitiativen lassen sich zusichern, dass die in Gewahrsam Genommenen nach der Räumung nicht ihre Personalien abgeben mussten, wenn sie sich friedlich wegtragen lassen. Die Polizisten machen sich daraufhin gegen zwei Uhr nachts betont gelassen an die Arbeit. Sie gehen durch die Reihen, fragen, ob jemand freiwillig gehen möchte, oder es vorziehe, sich wegtragen zu lassen. Kaum jemand geht. "Wer jetzt noch hier ist, der bleibt auch", erklärt ein Demonstrant - dann wird er untergehakt und über die Gleise zum "Gefangensammelpunkt", der Autoburg, gebracht.

Dort wird die Lage bei Temperaturen um den Gefrierpunkt allerdings von Minute zu Minute angespannter. Nicht jeder hat ausreichend Decken für eine Nacht im Freien dabei, die "Volksküche" mit heißer Suppe hat zunächst Probleme, in den Gefangenenbereich zu gelangen. Auch die Seelsorger der evangelischen Kirche haben mehr zu tun, je später es wird. "Viele sind schon seit morgens hier, da machen Körper und Geist irgendwannn nicht mehr mit", sagt einer. Er kann trösten, heraus aus dem Polizeikessel kommen aber auch die nicht, die sich schlecht fühlen.

Erst am nächsten Morgen, nachdem der Castor-Zug sicher in Dannenberg eingetroffen ist, löst die Polizei die Wagenburg in Narlingen auf. Aufgeregt schicken die Bürgerinitiativen per Internet und SMS-Nachrichten Hilfsbotschaften in die Welt: Wer ein Auto hat, heißt es dort, solle doch bitte nach Harlingen kommen. "Die Inhaftierten wollen nach Hause. Ihnen ist kalt."

Dirk Schmaler

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