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Deutschland / Welt Abrechnung
 eines Abgestürzten
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 eines Abgestürzten
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21:28 10.06.2014
Von Reinhard Urschel
Wie er es sieht: Christian Wulff beschreibt in einem Buch seine Zeit „Ganz oben Ganz unten“. Quelle: dpa
Berlin

Der Mann im dunkelblauen Anzug, das Bundesverdienstkreuz als Anstecker am Revers, wirkt ein bisschen geistesabwesend. Er guckt über die Besucher hinweg, er spricht mit der gleichen belegten Stimme, die ihn schon immer etwas beleidigt wirken ließ.

Christian Wulff macht an diesem heißen Dienstagnachmittag in Berlin den Eindruck, als rede er gar nicht über sich. Als sei der Mann auf dem Podium, der von den Verlagsleuten als „der Autor“ vorgestellt wird, ein ganz anderer: ein Christian Wulff, der eigentlich heute noch Bundespräsident sein und sich sogar auf eine zweite Amtsperiode vorbereiten könnte – wäre er nicht Opfer einer gewaltigen Intrige geworden, eines „Krieges“, den die Springer-Presse losgetreten und den dann die Staatsanwaltschaft zu Ende geführt habe.

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Alle Berichte und Hintergründe zur Wulff-Affäre finden Sie auf unserer Themenseite.

Wulff, so hat es der Verlag ausdrücklich mitgeteilt, schildert in seinem Buch die Umstände seines Rücktritts „aus seiner Sicht“. Das wirkt schon beinahe albern, denn eine andere Sicht als seine eigene kann Wulff kaum einnehmen. Aber der Hinweis hat doch eine gewisse Berechtigung, denn Darstellungen aus der Sicht seiner damaligen Gegner gibt es ja schon zur Genüge. Zuletzt haben zwei Boulevard-Reporter der „Bild“ auf mehr als 300 Buchseiten die „Affäre Wulff“ aus der Sicht jenes Blattes nacherzählt, das einen Bundespräsidenten dazu brachte, die Mailbox eines Chefredakteurs vollzusprechen und sich dabei zum Narren zu machen.

Der Verlag C.H. Beck hat ein großes Geheimnis um das Wulff-Buch gemacht. Es gab keinen Vorabdruck einzelner Kapitel, der sonst bei Politikerpublikationen übliche Werbewirbel fiel aus.

Im September 2012 hatte Wulffs frühere Ehefrau Bettina mit ihrem politisch-gesellschaftlichen Erstlingswerk „Jenseits des Protokolls“ eine derart beachtliche Version der Amtszeit abgeliefert, dass sich nicht wenige Buchkritiker fremdschämen mussten, das Werk überhaupt besprochen zu haben.

Ex-Bundespräsident Christian Wulff rechnet in seinem autobiografischen Buch "Ganz oben Ganz unten" mit Vertretern von Justiz und Medien ab. Am Dienstag stellte er das Buch in Berlin vor.

Natürlich sind die Wulffs aus ihrer Sicht Opfer der Medien geworden, dabei fühlte sich Frau Bettina eindeutig als das größere: „Ich werfe dies Christian auch manchmal vor, dass er mich ein großes Stück auch in diese Rolle hineingedrängt hat.“ 598 Tage ist Bettina Wulff First Lady gewesen, so wie das in ihrem Buch klingt, hätte sie es keinen Tag länger mehr ausgehalten.

Kein Bundespräsident vor Wulff wurde von so vielen Medien so hart angegangen – vom umstrittenen Hauskredit eines Freundes und Unternehmers, den er in der Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident annahm, über Hotelrechnungen bis hin zum Rutsche-Auto seines Sohnes. „Ich bin der am besten durchleuchtete Politiker in diesem Land“, sagt Wulff. Vom ersten Artikel in der „Bild“-Zeitung über seinen Hauskredit bis zu seiner Rücktrittserklärung am 17. Februar 2012 vergingen gerade einmal 68 Tage. Es muss eine atemlose, gehetzte Zeit gewesen sein, für die Berichterstatter vieler Medien, für das Ehepaar Wulff, seinen damaligen Sprecher Olaf Glaeseker, seinen Staatssekretär, engste Mitarbeiter.

Der neue Wulff hat alles Präsidiale abgelegt, er nimmt keine Rücksicht mehr. Es sei namentlich die Springer-Presse gewesen, die ihn von Anfang an nicht gewollt habe in dem hohen Amt und die deswegen eine unheilvolle Allianz mit der Justiz eingegangen sei. Übersieht Wulff da nicht, dass es andere Medien gab, die nicht mit Balkenüberschriften erscheinen und die den Verfolgungseifer der hannoverschen Staatsanwaltschaft durchaus kritisiert haben?

Nein, sagt Wulff, er renne nicht an gegen die Medien generell. Aber der juristische Freispruch „wiegt die mediale Vorverurteilung nicht auf“, sagt Wulff und fügt hinzu: „Die Unschuldsvermutung ist ein Menschenrecht, das niemandem entzogen werden darf.“

Von der Inanspruchnahme eines günstigen Privatkredits über kostenlose Urlaube bei Unternehmern bis zur staatlichen Mitfinanzierung einer umstrittenen Lobby-Veranstaltung: Bundespräsident Christian Wulff wurde vielen Vorwürfen ausgesetzt. Geblieben ist wenig.

Es kommt selten vor, dass ein Autor erklären muss, was sein Buch nicht sein soll. Also: Es handelt sich laut Wulff nicht um Memoirenliteratur, nicht um eine Rechtfertigungsschrift, auch nicht um eine Abrechnung. Dass Wulff letzterem am nächsten kommt, schimmert bei der Lektüre dann aber doch durch. Wulff sieht Fehler bei der Justiz, in der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens ohne einen hinreichenden Anfangsverdacht, und Wulff sieht Fehler auch bei politischen Freunden, die abgetaucht seien, oder schlimmer noch, die „das Ganze befeuert haben, ohne mit ihrem Gesicht dazu zu stehen“. Doch immerhin: Wulff sieht inzwischen auch Fehler bei sich selbst.

So sei es falsch gewesen, gegenüber dem Landtag zu betonen, er habe „nie eine Geschäftsbeziehung zu Egon Geerkens gehabt“ – nur weil es dessen Ehefrau Edith war, die den Privatkredit für Wulffs Haus unterschrieben hat: „Aus heutiger Sicht wäre es besser gewesen, die Anfrage offensiv anzugehen und den privaten Finanzierungskredit darzulegen.“ Als unklug empfindet Wulff es auch, dass er im Anwesen Carsten Maschmeyers Urlaub machte: „Ein großer Fehler.“ Und der Anruf beim„Bild“-Chefredakteur? Auf die Mailbox von Kai Diekmann zu sprechen war laut Wulff „eine Dummheit, eine Riesendummheit.“

Es klingt merkwürdig, wenn Wulff heute bei gleicher Gelegenheit sagt, der Rücktritt sei falsch gewesen – „ich wäre auch heute der Richtige im Amt“ – und dann wenig später: „Natürlich war der Rücktritt richtig.“ Das verstehe einer: Falsch deshalb, weil die Voraussetzung falsch war, richtig deshalb, weil ein Bundespräsident, gegen den ermittelt wird, nicht im Amt bleiben könne.

Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, da Wulffs Dasein in ruhigeren Bahnen verläuft. Er arbeitet wieder als Rechtsanwalt, sieht sich auf der Skala der menschlichen Befindlichkeiten (als Staatsoberhaupt: ganz oben, der Unschuldsvermutung beraubt: ganz unten) so ungefähr in der Mitte, „auf dem Weg wieder nach oben“. Was jetzt sein Ziel sei? Die Antwort klingt bescheiden: „Wieder ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein.“

Redakteure mit
„leuchtenden Augen“: Wulff über die HAZ

Am Anfang der zweiten Wahlperiode hieß es dann: Und was kommt jetzt? Man kann die Bezirksregierungen nur einmal abschaffen, man muss sich etwas Neues einfallen lassen. Ob ich vielleicht ein bisschen müde geworden sei, fragte ganz besorgt die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Zufällig lief mir der Redakteur, der den Artikel verfasst hatte, einige Tage später (...) über den Weg. „Was machen Sie denn demnächst?“, begrüßte ich ihn. Er war ganz verwundert.

„Na, Sie müssen doch einen neuen Job haben?“ Vollständiges Erstaunen. „Herr Wallbaum, Sie schreiben, dass ich nach fünf Jahren keine Ideen mehr hätte. Sie machen für die HAZ seit Ewigkeiten die Berichterstattung über die Landespolitik. So etwas können Sie doch nicht schreiben, wenn Sie nicht über sich selbst reflektieren.“

Solche Redakteure greifen zum Telefon, rufen ihre Kontaktleute an und fragen, was gibt’s Neues. Berichtet man von einer Anfrage, die man vorbereitet, oder einer Gesetzesinitiative, heißt es, das wissen wir doch schon alles, das ist doch normal, was gibt’s denn so außer der Reihe. Wenn sie hören, wer an welchem Stuhl sägt, wer am Wochenende wen kritisiert hat, dann allerdings bekommen solche Redakteure glänzende Augen. Das kann einen Politiker in den Wahnsinn treiben. (...)

Klaus Wallbaum gehörte zu den Journalisten, die das Ende meiner Amtszeit als Bundespräsident besonders kritisch begleiteten. Als dann die Ermittlungen eröffnet wurden und schließlich Anklage erhoben wurde, lief er zu Hochform auf.

Zwei Tage vor meinem Freispruch fasste Wallbaum seine gewonnenen Erkenntnisse in dem unübertrefflichen Satz zusammen: „Wenn ein Verdacht gegen einen Politiker besteht, muss dem nachgegangen werden. Dass der Verdacht allein oft reicht, die öffentliche Karriere zu beenden, ist eine Begleiterscheinung, die hingenommen werden muss.“

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