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Deutschland / Welt Sommer ’14, Zeit der Kriege
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00:22 30.07.2014
Von Klaus Wallbaum
Eine Staffel B-2 Doppeldecker aus dem 1. Weltkrieg im Formationsflug.
Eine Staffel B-2 Doppeldecker aus dem 1. Weltkrieg im Formationsflug. Quelle: Archiv
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Im Sommer des Jahres ’14 ist der Krieg allgegenwärtig. Das Thema bewegt die Menschen. Jeder hat eine Meinung. Welche Seite hat Schuld, welche trägt zur Eskalation bei, welche versucht, ihre Interessen rücksichtslos durchzusetzen? Auch weit weg von den eigentlichen Kriegsschauplätzen wird heftig diskutiert.

Diese Beschreibung gilt für Deutschland Ende Juli 2014 genauso wie für Ende Juli 1914. Damals war es der heraufziehende Erste Weltkrieg, der die Menschen in seinen Bann zog. Viele fürchteten sich, ahnten, welche Grausamkeiten Europa bevorstanden. Viele aber jubelten und sehnten sich die erste Schlacht regelrecht herbei. Von Begeisterung ist hundert Jahre später nichts zu spüren. Es gibt zu viel, das empört. Da ist der Bürgerkrieg in der Ukraine mit dem unheilvollen russischen Einfluss – und der Nahostkrieg zwischen Israel und der islamistischen Hamas. Da gibt es die vielen innerstaatlichen Konflikte: Der Vormarsch der Islamisten im Irak geht weiter, die Taliban verüben täglich neue Anschläge in Afghanistan, in Nigeria verfolgt die Terrorgruppe Boko Haram Unschuldige und in Syrien herrscht immer noch Krieg. Nach hundert Jahren scheint die Welt nicht friedlicher geworden zu sein. Feindschaft, Hass und Gewalt sind an der Tagesordnung.

Der Historiker Christopher Clark hat als Redner zur Eröffnung der Salzburger Festspiele gestern den Zustand im Sommer 2014 so beschrieben: „Wir befinden uns – wie die Zeitgenossen des Jahres 1914 – in einer zunehmend gefährlichen, multipolaren Welt, gekennzeichnet durch regionale Krisen.“ Haben die Menschen nichts gelernt?

„Doch“, behauptet der Berliner Politologe und Experte für internationale Politik, Prof. Michael Zürn. „Die Welt ist zumindest in einer Hinsicht friedlicher geworden.“ Seit dem Ende der beiden Weltkriege in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts habe die Zahl zwischenstaatlicher Kriege abgenommen. Die Mechanismen, gewaltsame Konflikte zwischen Staaten zu vermeiden, hätten eine gewisse Wirkung entfaltet.

Es gab trotzdem viele Kriegstote. Geschätzte 5,4 Millionen Menschen sind in den vergangenen 50 Jahren bei kriegerischen Konflikten ums Leben gekommen. Und die aktuellen Ereignisse imNahen Osten zeigen, wie begrenzt die Chancen sind, Kämpfe durch Intervention zu beenden. Dennoch bleibt Zürns Fazit positiv: Die Gefahr eines Weltkriegs zwischen den mächtigsten Staaten ist kleiner geworden – „denn keiner glaubt mehr an die Utopie, er wäre für irgendeine Seite beherrschbar“.

Hat das mit den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zu tun? Diese Woche gibt es zwei Jahrestage: Heute vor hundert Jahren, am 28. Juli 1914, erklärte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg. Am 1. August folgte die Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Damals geschah etwas, das der Historiker Clark als das Werk von „Schlafwandlern“ bezeichnet: Die Politiker und Militärführer seien wie schlaftrunken in den Krieg hineingestolpert, hätten die Folgen nicht bedacht.

Dieser These ist oft widersprochen worden, vor allem, weil die Staaten schon damals eine Vielzahl von Alarmsystemen hatten. Der Historiker Jörn Leonhard meint, die Akteure seien nicht benebelt, sondern „übersensibilisiert“ gewesen, hätten aber die vielen Hinweise und Warnungen nicht richtig eingeordnet. Trotz guter diplomatischer Vernetzung sei der Krieg nicht verhindert worden – am Ende hörte keiner auf die, die vor den furchtbaren  Konsequenzen warnten.

Und heute? Die Nachrichtendienste haben ganz andere technische Möglichkeiten als vor 100 Jahren – auf allen Seiten. Auch wenn in Kriegen so viel gelogen wird wie sonst nirgendwo, sorgt doch die Technik dafür, dass kaum ein Winkel der Erde den Blicken von außen verschlossen bleibt. Für einen Lerneffekt  aus dem Ersten Weltkrieg, dass Politiker einen kühlen Kopf bewahren müssen, gäbe es beste Voraussetzungen.

Eine Vielzahl gut ausgestatteter Geheimdienste sorgt dafür, dass alle Mächte mehr oder weniger darüber informiert sind, welches Kräftemessen bei den Islamisten im Nahen Osten herrscht oder welche politischen Absichten Präsident Putin in Moskau verfolgt. Gleichwohl tut sich die „westliche Welt“ schwer mit Entscheidungen etwa über Strafen gegen Putins Völkerrechtsbruch. Soll es scharfe Sanktionen gegen Russland geben? Oder soll man vielmehr einen neuen diplomatischen Vorstoß versuchen? Oder ist eine Kombination aus beidem der beste Weg?

Der Berliner Politologe Zürn hat eine Erklärung dafür: Esgebe zwei gegensätzliche Lehren aus den beiden Weltkriegen. Die Lehre aus dem Ersten Weltkrieg laute, dass die Staatenwelt im Zweifel lieber länger verhandeln soll, um die Motive der anderen Seite besser zu verstehen und nach einer friedlichen Lösung zu suchen.

Laut Zürn hat es mehrere wesentliche Fehlentwicklungen im Sommer 1914 gegeben: „Es gab ein ungebremstes Machtstreben der Staaten und eine eigene Dynamik bei der Eskalation der Konflikte. Außerdem war die Auffassung verbreitet, mit der Ausweitung des eigenen Territoriums die eigene Position stärken zu können. Schließlich wurde die Tatsache unterschätzt, dass Veränderungen in einer Region große Auswirkungen auf das gesamte Machtgefüge in Europa haben.“

Dieser Lehre aus dem Ersten Weltkrieg, die Konfliktdynamik beruhigen zu wollen, steht laut Zürn aber die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg gegenüber: „Man darf einen Aggressor nicht erst dann bremsen, wenn er schon zu stark geworden ist.“ Der britische Premier Neville Chamberlain habe Ende der dreißiger Jahre alles versucht, um die Dynamik, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs geführt hatte, zu bremsen. Das brachte ihm später den Vorwurf ein, er habe Hitler zu lange gewähren und ihn erst richtig stark werden lassen.

Besonders in der Ukraine-Krise ist derzeit ein Wettstreit der beiden Lehren zu sehen: Diejenigen, die den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor Augen haben, mahnen zur Mäßigung in den Reaktionen, fordern Verhandlungen und loten Möglichkeiten einer Befriedung aus. Sie sprechen Putin ein Recht auf Einfluss in der Ukraine zu. Diese Linie gilt für viele europäische Staaten, auch viele Deutsche denken so.

Die Denkrichtung, die sich an der Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg orientiert, ist in osteuropäischen Staaten wie Polen, dem Baltikum oder Tschechien stärker vertreten. Hier, in der Nähe zum russischen Einflussbereich, wächst die Angst vor einem Aggressor, für den die Destabilisierung der Ukraine womöglich nur ein erster Schritt ist, den russischen Machtbereich zu vergrößern. Hier wird Putin als Erbe Stalins angesehen.

Was denkt der Politologe Zürn? „Putin hatte nach dem Sturz ,seines’ Präsidenten Janukowitsch die Ukraine verloren – nicht zuletzt, weil er das Assoziierungsabkommen mit der EU unterbinden wollte. Also brauchte er die Krim, um seine Reputation als starker Politiker im Innern zu erhalten. Damit hat er bei prorussischen Kräften im Osten der Ukraine Hoffnungen geweckt, die er gar nicht erfüllen kann oder will.“ Zürn neigt deshalb dazu, jetzt die Lehre aus dem Ersten Weltkrieg zum Maßstab zu nehmen.

Was viele Akteure im Sommer 1914 geprägt hat, sind tiefe ethnische oder rassistische Vorbehalte, die bis an Hass grenzten. In vielen Ländern saßen Leute an den Schalthebeln der Macht, die eine intensive Abneigung gegen bestimmte Volksgruppen hegten. Auch das war sicher ein Grund, warum der Krieg ausgebrochen ist.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Völkerbund gegründet, ein Vorläufer der Vereinten Nationen. „Es begann damals die Disziplin der internationalen Politik“, sagt Zürn. Hat dies auch die Toleranz befördert? Heute werden Jugendaustauschprogramme gepflegt, und es gibt viele Möglichkeiten, andere Kulturen schätzen zu lernen.

Wie schnell trotzdem tief sitzende Ressentiments wieder wach werden, zeigen nicht zuletzt die Proteste gegen Israels Rolle im Nahostkrieg: Ganz schnell überschreiten Demonstranten die Grenze zum Antisemitismus. Da scheint es, als verpufften die Lehren aus den beiden Weltkriegen.

Die Woche der Kriegserklärungen

Es gibt einen Auslöser für den Ersten Weltkrieg – das Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni –, und es gibt den Kriegsbeginn. In dieser Woche häufen sich die Gedenktage für den Beginn des Krieges.
Am 28. Juli 1914 unterschrieb am frühen Morgen in Bad Ischl der österreichische Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung der österreichisch-ungarischen Monarchie an das Königreich Serbien. Wie es heißt, hatten die deutschen Bündnispartner ihn dazu gedrängt. Franz Joseph habe noch bis zum Abschluss der Mobilmachung Mitte August warten wollen.
Am 29. Juli erklärte der deutsche Kanzler Bethmann Hollweg dem britischen Botschafter, dass man Frankreich angreifen wolle. Am 30. Juli befahl Zar Nikolaus II. die Mobilmachung der russischen Armee. Die Deutschen stellten ihm daraufhin ein Ultimatum: Die Mobilmachung solle sofort zurückgenommen werden – und zwar bis zur Mittagszeit am 1. August. Das geschah nicht, und so erklärte Kaiser Wilhelm II. am 1. August abends Russland den Krieg. Am 2. August besetzten deutsche Truppen die Stadt Luxemburg, am 3. August folgte die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich. Am 4. August marschierten deutsche Truppen in Belgien ein. Großbritannien, die Schutzmacht des neutralen Belgien, erklärte daraufhin Deutschland den Krieg.
Am kommenden Sonntag, 3. August, gedenken Bundespräsident Joachim Gauck und Frankreichs Präsident François Hollande gemeinsam des 100. Jahrestags der deutschen Kriegserklärung an Frankreich. Sie treffen sich am Hartmannsweilerkopf in den Vogesen – dort, wo die Frontlinie zwischen beiden Armeen bestanden hatte.

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