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Deutschland / Welt Daniel S. und Attila S. haben ihr Schweigen gebrochen
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18:01 19.08.2009
Der Angeklagte Daniel S. (l.) unterhält sich in einem Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes in Düsseldorf mit seinen Anwälten. Quelle: Lennart Preiss/ddp
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In der vergangenen Woche hatten bereits der mutmaßliche Rädelsführer der Gruppe, Fritz G., und Adem Y. gestanden, im Namen der Islamischen Dschihad-Union (IJU) 2007 Autobombenanschläge auf mehrere US-Einrichtungen geplant zu haben.

Daniel S. und Atilla S. distanzierten sich zugleich im Gegensatz zu ihren beiden Mitangeklagten deutlich von den Anschlagsplänen in Deutschland. Diese sehe er heute „konkret als Fehler an“, sagte Daniel S. Auch würde er die Entscheidung, in den „heiligen Krieg“ - den Dschihad - zu ziehen, heute so nicht mehr treffen. Er sei „froh“ über seine Verhaftung. Er habe jetzt „ein wesentlich leichteres Leben“ als früher, auch wenn es „mit Belastungen verbunden“ sei.

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Atilla S. sagte, er könne „nicht verleugnen“, das mit den geplanten Bombenanschlägen Menschen zu Schaden kommen sollten. „Aus heutiger Sicht möchte ich mit solchen Anschlägen nichts mehr zu tun haben“, stellte er dazu fest. Heute wisse er, dass es die „falsche Absicht“ sei, im Namen des Dschihad Menschen zu töten. Der Dschihad beziehe sich allein darauf, die Werte des Islam zu verteidigen. Es sei aber „nicht logisch“, den Krieg in ein Land wie Deutschland zu bringen, in dem es keinen Krieg gebe.

Adem Y. verteidigte dagegen mit deutlichen Worten den „heiligen Krieg“. „Allah hat den Muslimen das Recht gegeben, sich gegen die zu verteidigen, die uns bekämpfen“, sagte er. Deshalb sei er der Meinung, dass der Dschihad Pflicht für jeden Muslim sei. Sein Verständnis des Dschihad richte sich nicht gegen „Ungläubige“ im Allgemeinen, sondern gegen jene „Ungläubigen“, die den Islam bekämpften. Dazu gehörten auch die in Afghanistan stationierten Soldaten der Amerikaner, Briten, Deutschen und anderer Nationen. Die Amerikaner seien „der Kopf der Menschheit“. Wenn man diesen Kopf zerstöre, würden auch „die anderen“ geschwächt.

Der mit 23 Jahren jüngste Angeklagte Daniel S. berichtete, sein Übertritt zum Islam 2004 sei für ihn auch heute noch der schönste Moment seines Lebens. Bei einem Studienaufenthalt in Ägypten habe er dann die arabische Sprache gelernt. Mit wachsender „Systemkritik“ an der westlichen Welt habe er sich für den bewaffneten Kampf im „heiligen Krieg“ entschieden. Zunächst habe er sich sogar selbst den Beinamen „Dschihad“ gegeben.

Daniel S. hielt nach eigener Aussage schon vor seinem Übertritt zum Islam nicht viel vom westlichen Lebensstil und war deshalb 2003 nach Brasilien gereist, um im Urwald zu leben. Diesen Plan habe er aber verworfen. In Deutschland folgten dann verschiedene kleinere Jobs und der Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Dort habe er seine Begeisterung für Waffen entdeckt. Bei einem Besuch des IJU-Ausbildungslagers in Waziristan - einer Bergregion im nordwestlichen Pakistan an der Grenze zu Afghanistan - habe er zunächst auch an eine „Bundeswehr auf Islamisch“ gedacht.

Laut Anklage hatten sich die vier Männer zwölf Fässer mit Chemikalien beschafft und in einer Ferienwohnung im sauerländischen Medebach-Oberschledorn damit begonnen, daraus Sprengstoff herzustellen. Am 4. September 2007 wurden sie dort festgenommen. Seit April stehen sie vor Gericht. Gegen einen fünften Mann der Zelle, den Türken Mevlüt K., wurde am Montag Haftbefehl erlassen. Er soll geholfen haben, 26 Sprengzünder für die geplante Anschlagsserie nach Deutschland zu schaffen. K. wird in der Türkei vermutet.

ddp

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