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Deutschland / Welt Das lange Warten auf die Therapie
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10:00 03.01.2019
Ein Jahr Wartezeit und länger: Schlange vor einer Couch. Quelle: Montage/RND
Hannover

Er hatte schon kaum noch damit gerechnet. Als am 13. November 2018 sein Handy klingelt, ist Markus Bock überrascht. Der Psychotherapeut, bei dem er sich ein Jahr zuvor auf die Warteliste setzen ließ, ist dran – und fragt, ob es noch aktuell sei. Bock, so schildert er es heute, stutzt, überlegt. Und bejaht. Es komme nicht oft vor, dass er sprachlos sei, erzählt Markus Bock. In diesem Moment ist er es. „Ich wusste gar nicht mehr, ob ich mich noch freuen sollte.“

Mehr als ein Jahr zuvor hatte sich Markus Bock wegen einer erneuten depressiven Phase auf die Suche nach einem Therapieplatz gemacht. Seit mehr als 20 Jahren leidet der heute 37-jährige Hildesheimer unter Depressionen – einer chronischen Form, bei der die Patienten oft ihren Alltag noch bewältigen können, bei der aber auch besonders schwere Krisen drohen. Er hat Klinikaufenthalte und mehrere Therapien hinter sich; zweimal hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Im Herbst 2017 erhält er in einer Praxis rasch einen Termin. Bock fasst Vertrauen, sie machen einen Plan für eine Therapie.

Dann geschieht sehr lange Zeit nichts.

„Einige große Feuer habe ich für mich mittlerweile löschen können“: Markus Bock wartete zwölf Monate auf eine Psychotherapie. Quelle: diverse

Was Markus Bock erlebt hat, kennt so oder ähnlich fast jeder, der sich in Deutschland um eine Psychotherapie bemüht: Sie warten. Lange. Sehr lange. Rund 20 Wochen dauert es laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer im Schnitt, bis ein Patient hierzulande einen Platz bekommt, manchmal auch ein Jahr und länger. Am schlimmsten ist es in Thüringen, dem Saarland, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Doch praktisch überall klagen psychisch Kranke über vergebliche Anrufe in Praxen und lange Wartelisten. Bock berichtet inzwischen in Vorträgen in ganz Deutschland über das Leben mit Depressionen und spricht überall mit Betroffenen. „Das Problem kennen alle“, sagt er.

Umso erstaunlicher ist deshalb auf den ersten Blick der Zorn, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf sich zog, als er Ende vergangenen Jahres ein klares Ziel ausgab: Er wolle die therapeutische Versorgung psychisch Kranker beschleunigen und verbessern, kündigte der CDU-Politiker an.

Mit dem Weg, der ihm dahin vorschwebte, rief er jedoch Wut und Empörung von Therapeuten und Betroffenen hervor: Sein Vorschlag für eine „gestufte und gesteuerte Versorgung“ im Terminservice- und Versorgungsgesetz sah vor, dass bestimmte Ärzte und Therapeuten darüber entscheiden, wer wo welche Hilfe bekommt. Kranke, so die Horrorvision der Kritiker, sollten fremden Menschen in einer vorgeschalteten Prüfbehörde ihr Leid offenbaren, die dann über den Bedarf entscheiden. Eine „Diskriminierung psychisch Kranker“ sah die Bundespsychotherapeutenkammer darin – und einen Angriff auf das Recht zur freien Wahl des Therapeuten. Binnen weniger Wochen unterzeichneten 200 000 Menschen eine Petition gegen Spahns Pläne – offenbar mit Erfolg.

„Wie lässt sich das erreichen?“: Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister. Quelle: imago/Jürgen Heinrich

Auf den Gesetzestext will Spahn jetzt nicht mehr bestehen. „Es macht Sinn, das anders zu formulieren“, sagte er jetzt. Ein Treffen mit den Psychotherapeutenverbänden vergangene Woche in Berlin verlief offenbar überraschend harmonisch: Spahn rückte nach Darstellung von Teilnehmern von seinen Plänen ab – und bat um Vorschläge, wie es denn anders laufen solle. Wichtig sei ihm aber das Ziel, „den Patienten unnötige Odysseen von Praxis zu Praxis zu ersparen“. Nur: Wie lässt sich das erreichen?

Denn eigentlich sollten die Wartezeiten längst viel kürzer sein. Bereits vor fast zwei Jahren, im April 2017, trat eine Richtlinie in Kraft, die die Situation verbessern sollte. Seitdem müssen Psychotherapeuten Sprechstunden anbieten, bis zu 150 Minuten pro Patient – zur Ersten Hilfe, Einordnung und Orientierung. Die Terminservicestellen vermitteln kurzfristig Termine. Auch Markus Bock profitierte von dieser Regelung, als er zunächst binnen kurzer Zeit ein Vorgespräch bekam. Danach jedoch blieb ihm nur der Platz auf der langen Warteliste.

„Nach so einem ersten Gespräch ist die Euphorie groß“, sagt Markus Bock heute. „Aber wenn danach monatelang nichts mehr kommt, wirft einen das heftig zurück.“

Spahn kommt seinen Kritikern entgegen

Was ist also nötig? Mehr Psychotherapeutensitze, wie die Bundespsychotherapeutenkammer schon lange fordert?

Spahn war bisher dagegen. In den Verhandlungen hatte er sich skeptisch gezeigt, ob mehr Psychotherapeuten tatsächlich zu einer Verkürzung der Wartezeiten führen. So argumentierte er unter anderem, die Wartezeiten seien dort am längsten, wo es die meisten Therapeuten gebe.

In der Antwort auf eine neue parlamentarische Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vorliegt, kommt Spahn den Forderungen seiner Kritiker entgegen. Zwar hätten die im vergangenen Jahr eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde und die neue Akutbehandlung bereits zu einer Verbesserung der Situation geführt, heißt es aus dem Ministerium. Die positiven Wirkungen „könnten aber nur dann vollständig zum Tragen kommen, wenn den Versicherten auch genügend Therapieplätze für die Aufnahme einer Richtlinientherapie zur Verfügung stehen“.

Oliver Kunz begrüßt Spahns angedeuteten Kurswechsel. Auch er hält mehr Therapeutensitze für unabdingbar. Der 49-jährige Diplom-Psychologe behandelt im städtischen Hotspot der psychotherapeutischen Mangelverwaltung: im Ruhrgebiet, dem am schlechtesten versorgten städtischen Raum in Deutschland. Seine Praxis liegt in einem ehemaligen Bankgebäude in der Innenstadt von Mülheim, in großen Räumen mit hohen Decken. Vor sechs Jahren hat sich Kunz als Therapeut selbstständig gemacht – doch schon vor seinem ersten Tag in der Praxis waren alle Termine für die ersten Wochen vergeben. „So groß war der Andrang“, sagt Kunz.

Hotspot der psychotherapeutischen Mangelverwaltung: Psychotherapeut Oliver Kunz in seiner Praxis in Mülheim / Ruhr. Quelle: Stefan Arend

Die Situation hat sich seitdem nicht verbessert, im Gegenteil. Eineinhalb Jahre lang müssen Interessenten im Schnitt ausharren, bevor sie eine Therapie bei ihm beginnen können. Symbol des Elends ist ein grauer Ordner mit der Aufschrift „Warteliste“. Phasenweise schaffen es die Interessenten aber nicht mal in diesen Ordner. Er bekomme pro Woche etwa 15 Anfragen, könne im Schnitt aber nur einen Patienten pro Woche neu aufnehmen. „Da muss ich zeitweise auch die Warteliste schließen, eine noch längere Wartezeit hat keinen Sinn.“ Ob er mehr arbeiten könnte? Kunz trifft im Schnitt 28 Patienten pro Woche – und liegt damit im Schnitt der deutschen Psychotherapeuten mit vollem Sitz. Mit Vor- und Nachbereitung kommt er auf 42 bis 45 Arbeitsstunden. Mehr, sagt er, sei weder sinnvoll noch möglich.

An diesem Nachmittag kommt ein Patient zur ersten Sitzung, der tatsächlich 18 Monate gewartet hat: ein 36-Jähriger mit wiederkehrenden Depressionen. Am Telefon hatte der ihm vorab erklärt, dass er inzwischen nur noch selten zur Arbeit könne – und sich die Schübe verschlimmert hätten. Für Oliver Kunz ist es ein typisches Bild: „Wir sehen im Ruhrgebiet in den Praxen viele Patienten mit chronifizierten Leiden“, dauerhaften psychischen Erkrankungen also – für ihn eine deutliche Folge überlanger Wartezeiten.

Aus Kunz’ Sicht sind deshalb mehr Psychotherapeutensitze zwingend nötig. Den Rahmen dafür gibt der Gesetzgeber vor, die konkrete Ausgestaltung leisten Ärzteschaft und Kassen. 1680 zusätzliche Praxissitze sind auch nach Ansicht der Kammer nötig, um auf dem Land und im Ruhrgebiet die ärgsten Nöte zu lindern. Tatsächlich würde dies den Trend der vergangenen Jahre fortsetzen: Seit Ende 2007 sind bereits 3332 Sitze neu geschaffen worden, insgesamt sind es nun 23 717. Zugleich teilen sich immer mehr Psychotherapeuten einen Sitz. Auch das hat das Angebot vergrößert – weil zwei Therapeuten auf halben Sitzen mehr arbeiten als einer auf einem vollen Sitz.

Erzeugen Therapeuten ihren eigenen Bedarf?

Verkürzt hat dies die Wartezeiten allerdings kaum – denn die Nachfrage nach Psychotherapie wächst. Studien zeigen, dass die Deutschen zwar psychisch nicht kränker geworden sind als früher – aber sie tun das, wozu Mediziner seit Langem raten: Sie nehmen ihre Leiden ernster und suchen Hilfe.

Verkürzen zusätzliche Therapeuten die Wartezeit – oder erzeugen sie selbst ihre eigene Nachfrage? Zahlen belegen, dass Patienten in Gegenden mit vielen Psychotherapeuten tatsächlich eher Hilfe bekommen. In Freiburg zum Beispiel warten psychisch Kranke im Schnitt nur 12,5 Wochen auf einen Therapieplatz. Allerdings kommen dort auch 121,5 Psychotherapeuten auf 100 000 Einwohner, fast fünfmal so viele wie im Bundesschnitt.

Dennoch ist es allein mit mehr Therapeuten nicht getan – sagt ausgerechnet Matthias Theophil, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im brandenburgischen Nauen. Seine Klinik liegt im Landkreis Havelland, westlich von Berlin – und damit in einer weiteren psychotherapeutischen Problemzone: Hier kommen gerade mal 13,8 Psychotherapeuten auf 100 000 Einwohner. Und diese wenigen Therapeuten, so beschreibt es Theophil, sind im Havelland auch noch ungleich verteilt: „Die meisten sitzen in Falkensee, nahe an Berlin. Doch schon in Nauen und dahinter wird es sehr, sehr dünn.“

„Allein mit mehr Therapeuten nicht getan“: Matthias Theophil, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Nauen. Quelle: diverse

Die Situation, sagt Theophil, sei „aus Krankenhaussicht ausgesprochen misslich“: Viele Patienten, die im Anschluss an den stationären Aufenthalt eine ambulante Therapie brauchen, fänden nur mit Mühe einen Platz – wenn überhaupt. Oft seien selbst die Wartelisten geschlossen. Doch ihn besorgt noch etwas anderes: „In dem System, wie es jetzt ist, finden nicht unbedingt die am schwersten Erkrankten als Erstes einen Platz, sondern die mit dem effizientesten Suchverhalten.“ Diejenigen also, die nach dem 19. Anruf auch noch die Energie und den Mut für einen 20. Anruf haben – statt nach der dritten Absage zu resignieren. Theophil diagnostiziert eine Art psychotherapeutisches „Survival of the Fittest“, bei dem die Kränksten auch mal leer ausgehen. Ein Befund, den Professor Andreas Heinz, Direktor der Psychiatrie der Berliner Charité sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, bestätigt: „Komplex erkrankte Patienten haben nicht nur hohe Wartezeiten, sondern finden oft gar keine ambulant arbeitenden Psychotherapeuten.“

Für Chefarzt Theophil bräuchte es daher beides: „Vor allem auf dem Land mehr Therapeuten – und eine bessere Koordination der Angebote. Eine Stelle, die weiß, wo es freie Plätze gibt – und für wen sie geeignet sind.“

Für Markus Bock waren die zwölf Monate des Wartens eine schwierige Zeit. Mehrmals durchlief er weitere Krisen. „Aufgelöst“, sagt er, „habe ich sie jeweils für mich alleine.“ Dass ihm dies letztlich gelang, lag an Erfahrungen und Techniken aus früheren Therapien – und daran, dass er den Sport für sich entdeckte und eine Sportgruppe gegen Depressionen gründete. „Einige große Feuer habe ich für mich mittlerweile löschen können.“ Aber damit, das weiß Bock, ist er unter all den Wartenden eine große Ausnahme.

Von Thorsten Fuchs

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