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23:58 13.05.2012
FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner kann sein Glück kaum fassen. Die FDP hat zugelegt und locker den Sprung in den Landtag geschafft. Quelle: dpa
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Düsseldorf

Als dem FDP-Spitzenkandidaten zuletzt die Wiederauferstehung der totgesagten Liberalen vorausgesagt wurde, sagte er am Sonnabend auf der Abschlusskundgebung in Düsseldorf: „Ich glaube jetzt nicht an die guten Umfragen. Aber ich glaube an die vielen Menschen, die zu uns kommen.“

Lindner hätte den Umfragen ruhig trauen dürfen. Der 33-Jährige hat es seinem Kollegen Wolfgang Kubicki in Schleswig-Holstein gleichgetan und die FDP in Nordrhein-Westfalen aus dem Tal der „Sonstigen“ locker über die Fünfprozenthürde ins Parlament gehievt. „Das ist ein großes Ergebnis für die FDP in NRW“, erklärte Lindner am Abend vor den jubelnden Anhängern in einem Düsseldorfer Lokal.

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Minutenlang skandierten die Parteifreunde, darunter auch Außenminister Guido Westerwelle, den Namen ihres liberalen Hoffnungsträgers, der den Wahlkampf ganz auf seine Person zugeschnitten hatte. „Unsere Fraktion hat sich dem rot-grünen Verschuldungskurs verweigert und eine Neuwahl in Kauf genommen“, rief Lindner der NRW-Partei zu. Das habe sich ausgezahlt. Außerdem erlaubte sich der gefühlte Wahlgewinner einen Tipp an die Bundespartei. „Wenn die Partei an die liberalen Traditionen von Lambsdorff, Genscher und Baum anknüpft, wird sie wieder erfolgreich sein.“ Mit der angemessenen Bescheidenheit angesichts der schlechten Umfragen habe er die Wähler überzeugt. Auch dies sei ein Signal, das von Düsseldorf ausgehe.

Lindner hatte im Wahlkampf demütig Fehler seiner Partei beim Regieren in Berlin eingeräumt und seinen Wahlkampf außer auf den Erhalt der Gymnasien ganz auf die Kritik an der rot-grünen Haushaltspolitik ausgerichtet, die sich einem strengen Sparkurs verweigert. Aber gegen den CDU-Konkurrenten Norbert Röttgen positionierte sich Lindner geschickt als heimatverbundene Alternative zum zaudernden Minister aus Berlin. Die Strategie ging auf. Es waren auch verunsicherte Unionswähler, die der FDP wichtige Prozentpunkte bescherten.

Nun stellt sich die Frage, ob der Bonner Wiedergänger, der zuletzt so viel über den Reiz der Landespolitik philosophiert hatte, wirklich lange in NRW auf den Oppositionsbänken sitzen oder schon bald Parteichef Philipp Rösler beerben wird. Bereits am Sonntagabend teilte er selbstbewusst gegen Berlin aus und empfahl der Koalition von Union und FDP „solide, professionell und störungsfrei“ zusammenzuarbeiten. Im Wahlkampf ließ Lindner Wahlplakate verteilen, die Spielraum zur Interpretation ließen: „Das ist meine FDP“, stand dort neben seinem Gesicht – wobei es mehrere Möglichkeiten zur Betonung gibt. Zwar ist das „Das“ auf den Plakaten unterstrichen. Nicht wenige Parteimitglieder hegen aber die Hoffnung, dass der „Lindner-Effekt“, wie die Demoskopen in den vergangenen Wochen die Vervielfachung der Umfragezahlen beschrieben, auch die Bundes-FDP bis zur Bundestagswahl 2013 aus der Versenkung holen könnte.

In der Berliner Parteizentrale wollte man von Ambitionen des Wahlkämpfers aus Düsseldorf auf den Parteivorsitz nichts hören: „Wir sind gut beraten, so eine Debatte nicht zu führen. Wir verlieren zusammen, und wir gewinnen zusammen“, sagte FDP-Generalsekretär Patrick Döring im Gespräch mit dieser Zeitung. Eine starke FDP in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen mit charismatischen Köpfen an der Spitze sei gut für die gesamte FDP. Parteichef Rösler sieht die FDP insgesamt gestärkt. „Die Menschen hören uns wieder zu“, sagte er.

Es ist nicht das erste Mal, dass der wortgewandte Lindner zum FDP-Hoffnungsträger wird. Mit 21 wurde er Landtagsabgeordneter, dann Fraktionsvize, 2004 schließlich Generalsekretär in Nordrhein-Westfalen, damals war er ganze 25 Jahre alt. Mit 30 wurde er Generalsekretär der Bundes-FDP, bildete mit Daniel Bahr und Rösler die viel belächelte Boygroup der FDP. Im Dezember 2011 trat Lindner dann aber überraschend aus dem Dreierbündnis zurück – angeblich nach einem Streit mit Rösler um die strategische Ausrichtung der Partei. In seiner Rücktrittserklärung sagte Lindner damals, er wolle „Platz frei machen, um eine neue Dynamik zu ermöglichen“ – ein befremdlicher Satz für einen 33-Jährigen, der in Kombination mit dem anschließenden kecken „Auf Wiedersehen“ für Rösler schon damals wie eine Drohung klingen musste.

Dass das angekündigte Wiedersehen nun so schnell eintreten würde, hätte wohl niemand für möglich gehalten. Und dass Lindner es sein werde, der die „neue Dynamik“ auslöst, konnte nicht einmal er damals gewusst haben. Rösler indes gab sich am Sonntag angesichts von Lindners Erfolg entspannt: „Ich glaube, da werden wir einiges mitnehmen können.“

Dirk Schmaler und Alexander Dahl

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