Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt De Maizière sieht Sicherheitslücken bei Terrorabwehr
Nachrichten Politik Deutschland / Welt De Maizière sieht Sicherheitslücken bei Terrorabwehr
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:56 31.10.2010
DHL kontrolliert bis auf Weiteres die Fracht aus dem Jemen, gleichermaßen wie UPS und FedEx.
DHL kontrolliert bis auf Weiteres die Fracht aus dem Jemen, gleichermaßen wie UPS und FedEx. Quelle: dpa
Anzeige

Die vereitelten Paketbombenanschläge haben Sicherheitslücken in der weltweiten Terrorabwehr offenbart. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) räumte am Sonntag ein, dass Luftfracht „relativ wenig“ kontrolliert wird. Die Terroristen hätten diese Lücke erkannt. Er bestätigte, dass eines der für die USA bestimmten Sprengstoffpakete über den Flughafen Köln/Bonn nach Großbritannien ging. US-Ermittler vermuten den mutmaßlichen Al-Kaida- Terroristen Ibrahim Hassan al-Asiri hinter den Attentatsplänen. In Jemen nahmen die Behörden eine Studentin fest, die eines der Päckchen losgeschickt haben soll.

In der Bundesrepublik, Großbritannien, den USA und Frankreich wurde als Konsequenz aus den Bombenfunden vom Freitag der gesamte Luftfrachtverkehr aus dem Jemen gestoppt. „Wir lassen keinerlei Luftpostpakte und Fracht aus dem Jemen mehr nach Deutschland“, sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) am Sonntag. Das Luftfahrtbundesamt forderte Fluggesellschaften und Transportunternehmen auf, auch Frachtstücke, die jetzt noch eintreffen oder bereits in Deutschland lagern, lückenlos zu kontrollieren. De Maizière sagte eine Nahost-Reise kurzfristig ab.

Bei der Fahndung nach den Hintermännern haben die US-Behörden ihr Augenmerk inzwischen auf den Saudi Ibrahim Hassan al-Asiri gerichtet, der als eine der führenden Figuren der Terrororganisation Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel gilt. In den an jüdische Einrichtungen in Chicago adressierten Paketbomben war nach Medienberichten der Sprengstoff PETN enthalten, den auch der sogenannte Unterhosenbomber Omar Farouk Abdulmutallab dabei hatte, als er Weihnachten 2009 ein Passagierflugzeug über Detroit in die Luft jagen wollte.

Die jemenitischen Behörden nahmen am Samstag eine 22-Jährige Studentin und deren Mutter in einem Armenviertel der Hauptstadt Sanaa fest. Wie die Regierung mitteilte, führte eine bei einer der Bomben gefundene SIM-Karte für Mobiltelefone auf die Spur der jungen Frau. „Sie ist eine Medizinstudentin, und sie wird zur Befragung festgehalten“, sagte Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh. Die 22- Jährige sei von den US-Behörden als Absenderin der Pakete ermittelt worden.

Am Sonntag folgten weitere Festnahmen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen handelte es sich um Kontaktpersonen, die die Studentin in der Anruferliste ihres Handys verzeichnet hatte. Nach Angaben ihres Anwaltes könnte die junge Frau aber Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden sein. Laut BBC hatte sie ihre Telefonnummer bei einem Frachtunternehmen hinterlegt. Dies mache keinen Sinn, wenn jemand einen Bombenanschlag plane, zitierte die britische „Sunday Times“ den Anwalt.

Nach US-Medienberichten wurden die Pakete aus dem Jemen nur durch einen Hinweis des saudi-arabischen Geheimdienstes entdeckt und nicht bei regulären Sicherheitschecks. Eine der beiden Bomben wurde in Dubai gefunden, der zweite Sprengsatz auf dem East-Midlands-Flughafen nahe Nottingham (England). Der entscheidende Hinweis kam laut de Maizière vom Bundeskriminalamt.

Die deutschen Sicherheitsbehörden hätten in der Nacht zum Freitag „von einem befreundeten Dienst“ den Hinweis bekommen, dass in an die USA gerichteten Paketen Sprengstoff sei, sagte er. Das Bundeskriminalamt habe dann sofort die Nummer des Pakets ermittelt und an die britischen Behörden weitergegeben.

Das bei Nottingham gefundene Sprengstoffpaket wurde zwar über Köln/Bonn transportiert, richtete sich nach Einschätzung von de Maizière aber nicht direkt gegen Deutschland. Rückschlüsse auf die Gefährdungslage könne man daraus nicht ziehen, sagte der CDU- Politiker in Dresden. „Deutschland ist genauso im Fokus wie andere auch.“

Der Innenminister geht davon aus, dass die Terroristen die Route des Bombenpakets nicht vorhersehen konnten. Er räumte ein, dass sich die Sicherheitsbehörden international sehr stark auf die Kontrolle des Personenverkehrs konzentriert hätten. Das hätten die Terroristen offenbar erkannt und ausgenutzt. Er kündigte Konsequenzen für den Frachtflugverkehr an. Schwachstellen müssten geschlossen werden.

Wie der britische Premier David Cameron am Samstagabend sagte, sollte die in Nottingham gefundene Bombe noch im Flugzeug explodieren. Cameron war der erste, der am Samstag in einem Nebensatz bestätigte, dass die hochexplosive Fracht einen Zwischenstopp in Deutschland machte: „Ein Paket, das im Jemen auf den Weg gebracht wurde, in Deutschland landete, dann in Großbritannien landete, bestimmt für Amerika; das zeigt, wie stark wir zusammenstehen und wie entschlossen wir sein müssen, um den Terrorismus zu besiegen“, sagte er vor einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel. Beide vereinbarten einen engen Informationsaustausch bei der Aufklärung des Terrorplots.

dpa

Mehr zum Thema

Erst war von Sprengstoff-Attrappen die Rede. Doch die Terrorfracht, die kurz vor der Kongresswahl per Luftpost in die USA sollte, war echt und höchst gefährlich. Eine der Bomben, die an Synagogen in Chicago adressiert waren, wurde in Deutschland umgeladen. Das Luftfahrtbundesamt ordnete indes an, alle Frachtsendungen aus dem Jemen zu kontrollieren.

31.10.2010

Nach dem Fund von zwei mit Sprengstoff präparierten Paketen in Luftfrachtmaschinen haben die Behörden im Jemen 26 weitere verdächtige Pakete entdeckt und mehrere Menschen festgenommen.

30.10.2010

US-Präsident Obama sprach am Freitag in Washington von einer „glaubhaften Bedrohung“: In zwei Frachtflugzeugen mit dem Ziel USA befanden sich offenbar Pakete mit explosivem Material - sie waren an jüdische Einrichtungen adressiert. Trotz der verschärften Sicherheitsmaßnahmen, gibt es keine Einschränkungen im Flugverkehr, sagt ein Lufthansa-Sprecher am Sonnabend.

30.10.2010