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Deutschland / Welt Demjanjuk verfolgt Prozess schweigend
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Demjanjuk verfolgt Prozess schweigend
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22:27 30.11.2009
Der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk (vorn) wird am Montag ins Landgericht München gebracht. Polizisten und Mitarbeiter des Gerichts begleiten ihn. Quelle: ddp
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Am Montag ist Cohen zum Auftakt des Prozesses gegen den 89 Jahre alten Demjanjuk als Nebenkläger vor dem Münchener Landgericht erschienen, um dem mutmaßlichen ehemaligen Wachmann des Vernichtungslagers Sobibor wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Als Demjanjuk zu Beginn des Prozesses wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen in seinem Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben wird, blickt Cohen gebannt auf den apathisch wirkenden Angeklagten. Auch die anderen Nebenkläger – zum Prozessauftakt haben sich um die 20 mit ihren Anwälten im Gerichtssaal versammelt – beobachten, wie Demjanjuk sich völlig teilnahmslos mit geschlossenen Augen und halb geöffnetem Mund dem Blitzlichtgewitter der Fotografen stellt.

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„Das ist eine Show, der Mann will öffentlich krank erscheinen“, sagt der Direktor des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem, Efraim Zuroff. Der 89-Jährige sei „einer der größten Schauspieler der Welt“. Als einer der beiden Verteidiger Demjanjuks, Ulrich Busch, gleich zu Beginn der Verhandlung noch vor Verlesung der Anklageschrift einen etwa 40-minütigen Antrag auf Befangenheit des Gerichts stellt, ist keiner der Prozessbeteiligten wirklich verwundert. „Das ist keine große Überraschung. Es muss jedem klar sein, dass die Verteidiger alles tun wollen, um das Verfahren zu stoppen“, erklärt Zuroff.

Busch argumentiert, in früheren Verfahren seien vor dem Münchener Gericht Vorgesetzte und Ausbilder Demjanjuks freigesprochen worden. „Man fragt sich, wie es sein kann, dass der Befehlsgeber unschuldig, der Befehlsempfänger aber schuldig ist“, betont Busch. Moralisch und juristisch würden vor dem Münchener Gericht „Doppelstandards“ gelten. Busch betont, Demjanjuk sei als „Überlebender des Holocausts“ anzusehen, nicht als Mörder.

Die Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk vor, 1943 im deutschen Vernichtungslager Sobibor in Polen Tausende Juden aus Deportationszügen in die Gaskammern getrieben zu haben. 1942 war Demjanjuk auf der russischen Halbinsel Krim in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Nach wenigen Wochen holten ihn SS-Offiziere in das Ausbildungslager Trawniki in Polen. 1943 soll er Wächter in Sobibor gewesen sein.

ddp

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