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22:09 11.07.2014
Foto: Eine Rakete schlägt am nördlichen Gazastreifen ein.
Eine Rakete schlägt am nördlichen Gazastreifen ein. Quelle: AMIR COHEN
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Tel Aviv

An einem Beispiel wird das deutlich. Es ist selten, dass Israelis und Palästinenser einen Tathergang identisch beschreiben. Doch über die Umstände des Unglücks, das die Familie Kaware in Khan Younes ereilte, sind sich beide Seiten einig. Der Fall dokumentiert die besondere Kriegstaktik.

Der Tod kam nicht überraschend. „Es begann mit einem Telefonanruf“, berichtet ein offizielles Kommuniqué der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) in Übereinstimmung mit israelischen Armeeberichten. Ein Soldat war in der Leitung: „Hier spricht der Militärgeheimdienst. Wir werden euer Haus bombardieren. Ihr müsst es sofort räumen“, sagte er. Niemand im Haus von Odeh Karawe war überrascht: Er ist ein hochrangiger Kommandant der Hamas, und damit Ziel israelischer Luftangriffe.

Alle packten sofort ihre Sachen und verließen das Gebäude. Kurz darauf war ein lautes Krachen zu hören: Eine Drohne schoss eine leere Rakete auf das Dach. „Wir nennen das ,Anklopfen’“, sagt Armeesprecher Major Arye Shalicar. Die Prozedur ist eine weitere Warnung. Doch was dann folgte, war völlig unerwartet. „Unsere Nachbarn stürmten ins Haus, um ein menschliches Schutzschild zu formen“, berichtete Muhammad Karawe später. „Manche liefen sogar auf das Dach, um durch ihre Präsenz dort den Angriff abzuwenden, andere waren noch im Treppenhaus.“

Aber es war zu spät: „Der Pilot hatte seine Rakete bereits abgefeuert und konnte sie nicht mehr umleiten“, sagte später ein israelischer Offizier. Sie traf das Haus, acht Menschen wurden anschließend tot aus den Trümmern geborgen, darunter auch Minderjährige, rund 40 Personen waren verletzt.

Die Tragödie der Karawes demonstriert die Komplexität des Krieges in Gaza. Israel bombardiert Häuser von Hamas-Führern aus zwei Gründen. Erstens als Strafe: „Jedem, der Raketen auf Israel abschießt, muss klar sein, dass er dafür persönlich einen Preis zahlen wird. Wenn die Hamas-Kommandeure wieder aus ihren Verstecken auftauchen, werden sie kein Zuhause mehr haben“, sagt ein israelischer Offizier.

Zweitens als Prävention: „Die Häuser der Offiziere dienen oft als Waffendepots und Kommandozentralen“, erklärt Major Shalicar. Doch man achte darauf, so wenig Zivilisten wie möglich zu treffen. Und zwar nicht nur, weil laut Shalicar „unsere Werte uns das vorschreiben“, sondern aus ganz realpolitischen Gründen: Israel kann in Gaza nur agieren, wenn die Welt zur Zahl der unbeteiligten Opfer schweigt. Je mehr tote Zivilisten, desto mehr Sympathien für die Hamas und desto weniger Verständnis für Israel.

Deswegen warnt Israels Armee Gazas Zivilisten vor Angriffen gleich zweimal: Zuerst per Telefon oder SMS, danach mit einer leeren Rakete aufs Dach. „Wenn wir sehen, dass zu viele Unschuldige getroffen werden könnten, brechen wir den Angriff ab“, sagt Shalicar. Was sich die Islamisten zunutze machen: „Die Strategie, dass Zivilisten bereit sind, sich im Kampf gegen israelische Kampfflugzeuge zu opfern, um Häuser zu schützen, ist effektiv. Wir, die Hamas, rufen die Menschen dazu auf, diese Praktik zu übernehmen“, sagte Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri. Das Innenministerium der Hamas forderte die Bevölkerung auf, „den Anrufen der israelischen Armee nicht Folge zu leisten und in den Häusern zu bleiben.“ Poster rufen dazu auf, mit bloßem Leib den Bomben zu trotzen, statt sich in Sicherheit zu bringen.

Allerdings verläuft nicht immer alles nach diesem Strickmuster: Bei gezielten Tötungen von Hamas-Führern kommt der Tod ohne Vorankündigung. Und oft irrt sich die Armee schlicht. Wie anscheinend beim Angriff auf das Waqt-al-­Marah-Strandcafé in Khan Younes Mittwochabend. Palästinenser schauten sich hier das Halbfinalspiel an, als eine Rakete in der Menge einschlug und neun Menschen tötete. Ziel der Aktion soll das Haus eines Hamas-Kommandanten gewesen sein. Womöglich aber wurde das Ziel verwechselt. 78 Menschen starben bisher, zwei Drittel davon Zivilisten.

Unterdessen hat sich US-Präsident Barack Obama als Vermittler im Nahost-Konflikt angeboten. Die USA seien bereit, ein „Ende der Feindseligkeiten“ herbeizuführen, sagte Obama in einem Telefongespräch mit Israels Ministerpräsidenten Bejamin Netanjahu.

Von Gil Yaron

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