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Deutschland / Welt Der doppelte Triumph der Marine Le Pen
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20:23 24.04.2012
„Wir werden nicht wie die anderen behandelt“:  Die Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, wendet sich gegen das Establishment – und will doch dazugehören.dpa
„Wir werden nicht wie die anderen behandelt“: Die Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, wendet sich gegen das Establishment – und will doch dazugehören. Quelle: dpa
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Paris

In der Nacht des 2. November 1976 hat Marine Le Pen ihre politische Kindheit verloren. Acht Jahre ist sie alt, als eine Explosion das Haus ihrer Familie in Paris erschüttert - und damit die Welt, in der sie sich geborgen glaubte. Marine Le Pen behält eine präzise Erinnerung an diesen Moment. „Die Kälte weckte mich auf, wenn es nicht die Stille war“, schreibt sie in ihrer Autobiografie. Dann sah sie rundherum, überall die Scherben.

Erst allmählich realisiert das Mädchen, dass es sich um einen Bombenanschlag auf ihre Familie, vor allem auf ihren Vater handelt: Jean-Marie Le Pen, Gründer der rechtsextremistischen Front National. Verurteilt wegen rassistischer Entgleisungen und der Verharmlosung des Holocaust, gilt er als der umstrittenste Politiker Frankreichs.

Verletzt wird bei dem Attentat niemand. Doch Marine ist nicht mehr dieselbe. „Wir werden nicht wie die anderen behandelt“, erkennt sie. „Wir“ - das ist ihr Clan, der Hass auf Einwanderer und die politische Klasse schürt und so selbst zum Ziel für Hass wird. Marine Le Pen, seit 2011 Parteivorsitzende der Front National, brauche das Gefühl, verfolgt zu werden, um ihre eigene Aggressivität zu legitimieren, analysiert der Neuropsychiater Boris Cyrulnik im Nachrichtenmagazin „Le Point“.

Als Trauma erlebt das junge Mädchen auch die Trennung seiner Eltern 1984, ein unappetitlicher, in der Presse ausgetragenen Rosenkrieg. Nachdem Jean-Marie Le Pen die Unterhaltsforderungen seiner Exfrau mit dem Rat abschmettert, sie solle doch putzen gehen, lässt sich diese als laszives Dienstmädchen im Playboy ablichten. Marine Le Pens Verhältnis zu den Medien ist heute charakterisiert durch gegenseitige Verachtung.

Ob in der Schule oder später beim Jura-Studium, wo man sie ein Urteil gegen ihren Vater wegen „Verherrlichung von Kriegsverbrechen“ analysieren lässt - überall erregt allein schon ihr Name Ablehnung. Doch die jüngste und extrovertierteste der drei Le- Pen-Töchter scheut die Konfrontation nicht. Längst identifiziert sie sich mit den Ideen ihres Vaters, den sie schon als Jugendliche bei Wahlkampftouren begleitet. Als 18-Jährige kandidiert sie zum ersten Mal bei Parlamentswahlen, nach einigen Jahren als Anwältin wird sie 1998 Regionalrätin in der nördlichen Region Nord-Pas-de-Calais, einer Hochburg der Partei. Die Solidarität mit dem Vater bestimmt ihre Karriere. Heute begegnen sich die beiden in einer Mischung aus Zärtlichkeit, Sorge und Rivalität.

Das verwandelt nun ihren Erfolg bei der Präsidentschaftswahl in einen doppelten Triumph. Indem sie die Front National für viele Franzosen wählbar und zur drittstärksten politischen Kraft gemacht hat, rächt sie zum einen ihren Vater für die jahrelangen Anfeindungen. Le -Pen-Wähler müssen sich heute nicht mehr verstecken. Zum anderen überflügelt sie den Vater mit einem Ergebnis von 17,9 Prozent - mehr als ihm 2002 bei seinem Einzug in die Stichwahl gegen Jacques Chirac gelang. Das festigt ihre Position als Vorsitzende. Erkämpft hatte sie sich diese Position erst vor einem Jahr gegen ihren Widersacher Bruno Gollnisch, der stärker auf der Linie des Partei-Patriarchen liegt. Noch immer mischt sich der 83-jährige Ehrenvorsitzende Jean-Marie Le Pen ein und kritisiert, dass seine Tochter das traditionelle Programm - Einwanderung und innere Sicherheit - erweitert um sozial- und wirtschaftspolitische Forderungen wie die nach dem Austritt aus dem Euro.

Doch ihre Strategie der „Entdämonisierung“ geht auf. Sie findet Zuspruch bei den Wählern. Beobachter halten Marine Le Pen aufgrund der bekömmlicheren Verpackung derselben fremden- und muslimfeindlichen Ideologie indes für gefährlicher als ihren Vater, den kauzigen Dauerprovokateur. Die zweimal geschiedene Mutter von drei Kindern, die mit dem Partei-Vize Louis Aliot liiert ist, wirkt moderner und sympathischer; bekennende Nazis schließt sie aus der Partei aus, und die Verbrechen des Dritten Reiches verurteilt sie. Frauenmagazine bilden die 43-Jährige auf Titelblättern ab, und selbstverständlich wird sie zu TV-Diskussionen eingeladen: Ihre Schlagfertigkeit und ihr rauer Charme haben großen Unterhaltungswert. Betritt sie die Wahlkampfbühne, dann wirbt sie nicht nur mit einer „Marine-blauen Welle“, sondern weiß sie auch zu erzeugen.

Wenn die Rechtspopulistin mit ihrer tönenden Stimme gegen die anderen „jämmerlichen Kandidaten“, die „Aristokraten des Systems“ wettert, klingt das, als würde sie jedes einzelne Wort ausspucken. Am Schluss streckt sie übermütig die Arme aus, nicht nach oben, sondern zur Seite - wie eine Übermutter, die all die von den bürgerlichen Parteien Versprengten in ihrem Hort aufnehmen will. Vor allem bei jungen Leuten, Arbeitslosen und der Arbeiterschaft kommt ihre Kritik am System, an der Globalisierung und der EU gut an. „Oui, la France“ - „Ja, Frankreich“ steht auf ihrem Wahlplakat. Doch sie sagt vor allem „Non“ - „Nein“. Wer sie wählt, protestiert. „Nichts wird mehr sein, wie es war“, versprach sie im Jubeltaumel des ersten Wahlgangs.

Denn die Präsidentschaftswahl ist nur die erste Etappe. Bei den Parlamentswahlen im Juni hofft Le Pen darauf, erstmals Sitze in der Nationalversammlung für den Front National zu holen. Eine Niederlage Nicolas Sarkozys am 6. Mai käme ihr gelegen: Sie spekuliert auf eine Zerreißprobe für die Präsidentenpartei UMP, ja deren „Explosion“. Dann könnte sie den rechten Flügel hinter sich sammeln als Anführerin einer starken rechtsnationalen Bewegung. Es wäre die endgültige Revanche für all die Verletzungen, die am 2. November 1976 ihren Anfang nahmen.

Birgit Holzer

„Die faulste Abgeordnete“

Marine Le Pen? Da wenden sich Abgeordnete des Europaparlaments mit Grausen ab. „Sie ist die faulste Abgeordnete in diesem Parlament“, sagt ein Parlamentarier ungeschminkt über die rechtsextremistische Französin, die seit 2004 als Fraktionslose dem Straßburger Haus angehört – und dafür fast 8000 Euro brutto als Grundgehalt monatlich bekommt. Eher selten ist, dass die 43-Jährige, die überdies Mitglied im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten ist, im Plenum des Parlaments gesichtet wird. Im Ausschuss für Internationalen Handel, wo sie stellvertretendes Mitglied ist, hat mancher sie noch nie gesehen.

Offenbar falsch verstanden hat die vehemente EU-Kritikerin den Auftrag, den ihr Haupt-Parlamentsausschuss in Sachen „Beschäftigung“ hat. Denn Le Pen, so berichten Abgeordnete, beschäftige auch ihren Lebensgefährten über die Mitarbeiterpauschale, die allen Abgeordneten in Höhe von 21000 Euro monatlich für die Büros in Brüssel und im Heimatwahlkreis zur Verfügung steht. Die Parteichefin der Front National lässt so also auch ihren Vize Louis Aliot am Geldsegen aus Brüssel teilhaben. „Das stößt vielen hier sauer auf“, heißt es. Rechtlich ist Le Pen nicht beizukommen: Sie ist nicht mit Aliot verheiratet – dann dürfte sie ihn nach den Regeln des Parlaments nicht anstellen.

So hält das Spitzenpaar der FN in Brüssel die Hand auf, während es in Frankreich gegen Europa polemisiert. „Sie bekämpft das System, lässt sich aber vom System bezahlen“, meint süffisant ein Abgeordneter. Auch in dieser Hinsicht ist sie ganz der Vater. Der 83-jährige Jean-Marie Le Pen ist auch heute noch Parlamentsmitglied. Sein Spezialgebiet: der Fischereiausschuss.

Stefan Koch 24.04.2012
24.04.2012