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Deutschland / Welt Der große Tag des Super-Sigmar
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21:12 14.12.2013
Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel (Mitte) verkündet das Ergebnis des SPD-Mitgliedervotums. Quelle: dpa
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Berlin

Es wird gejubelt, gejohlt, geklatscht. Manche recken die Arme in die Höhe, andere versuchen eine La-ola-Welle. So geht es minutenlang. Man könnte meinen, den  400 Freiwilligen, die seit der Nacht die fast 338 000 Stimmkarten in einem ehemaligen Postbahnhof in Berlin-Kreuzberg ausgezählt haben, steckt ein kräftiges Aufputschmittel im Blut. Plötzlich steigert sich ihr Jubel sogar noch. Aus dem Hintergrund tritt die engere Führung der SPD mit Parteichef Sigmar Gabriel an der Spitze. „Sigmar! Sigmar!“ schallt es nun rhythmisch durch die Halle.Die Parteispitze ist gekommen, um das Ergebnis der Fleißarbeit der 400 Helfer zu verkünden. Sie wird empfangen, als hätte die SPD nachträglich die Bundestagswahl gewonnen. Vor allem den Chef lassen sie hochleben. Der ist  sichtlich gerührt und lässt  wiederum  die Helfer die SPD hochleben. Gabriel reiht Superlativ an Superlativ. Die Urabstimmung war seine Idee. Die SPD sei nicht nur die älteste, sondern auch die modernste Partei Deutschlands. „Wir sind die Beteiligungspartei“, ruft er in die Halle. „Ein Fest der innerparteilichen Demokratie“ sei dieses erste Mitgliedervotum  gewesen. „Der Tag wird in die Geschichte der Demokratie in Deutschland eingehen“, schiebt er hinterher. Jubel, immer wieder Jubel.

Sechs Ministerien für die SPD

Die SPD soll in der großen Koalition sechs Ministerien bekommen, die Sigmar Gabriel bei der Pressekonferenz allerdings noch nicht bestätigen wollte.

Parteichef Sigmar Gabriel soll Wirtschaft und Energie übernehmen,

Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier das Außenministerium,

Schatzmeisterin Barbara Hendricks Umwelt,

Generalsekretärin Andrea Nahles Arbeit/Soziales,

SPD-Vize Manuela Schwesig Familie

und der saarländische Wirtschaftsminister Heiko Mass das Justizministerium.

Schatzmeistern Barbara Hendricks hat Mühe, überhaupt die Zahlen der 1,6 Millionen Euro teuren Großbefragung vernehmbar verlesen zu können. 337 880 der 474 820 stimmberechtigten SPD-Mitglieder haben „wirksam“ abgestimmt. Und von denen haben 256 880 oder 75,96 Prozent ja zum Koalitionsvertrag mit der Union gesagt. Immerhin 81 800 Genossinnen und Genossen waren mit Stimmabgabe überfordert. Sie vergaßen die eidesstattliche Versicherung beizulegen oder begingen andere Formfehler, so dass ihre Stimmen unwirksam blieben.Sowohl die hohe Beteiligung als auch die klare Zustimmung übertreffen alle Erwartungen der SPD-Oberen. Auf eine gute Zweidrittel-Mehrheit hatten zuletzt viele gehofft. Mit einer Dreiviertel-Mehrheit aber hat niemand gerechnet. Nun strahlen sie um die Wette: Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der wieder Außenminister werden soll. Thomas Oppermann, der für Steinbrück an die Spitze der Fraktion nachrücken wird. Manuela Schwesig, die vom Schweriner Sozialministerium ins Bundesfamilienministerium umzieht. Die bisherige Generalsekretärin und künftige Arbeitsministerin Andrea Nahles, die neue Umweltministerin  Barbara Hendricks. Allein NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz schauen nicht ganz so euphorisch drein. Zu den allergrößten Fans des durch den Urabstimmungscoup zum  „Super-Sigmar“ aufgestiegenGabriel gehören  sie offenkundig nicht.Sein längst bekanntes Personaltableau bestätigen, das will Gabriel nicht. Fragen danach blockt er kurz und entschieden ab. Es ist der kleine Schönheitsfehler in der großen Show um das Mitgliedervotum. Eigentlich wollte Gabriel die Namen der künftigen Kabinettsmitglieder erst heute Vormittag vor dem nach Berlin einberufenen Parteivorstand enthüllen. Die Mitglieder des Gremiums sollten die Namen nicht aus der Presse erfahren. Doch  die ausgeklügelte Regie wurde durcheinander gewirbelt.

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Bereits am Freitag Abend sickerten die Namen durch – und das genau in dem Moment, als Nahles und Hendricks die Presse zum großen Finale der roten Urwahl in den alten Postbahnhof geladen hatten. Das Auszählen sollte beginnen. Sofort wurde das Duo zu den Personalien gelöchert. „Kein Kommentar. Und Glückwünsche nehmen wir auch keine entgegen“, konterten die beiden hartnäckig. Viel lieber widmeten sich die SPD-Frauen den beiden Hochleistungsschlitzmaschinen. Das Wort ist inzwischen zur Lieblingsvokabel von Nahles geworden.Die beiden grauen Maschinen vom Format eines größeren Kopiergerätes hatte die SPD  geleast, um die Briefe mit den Stimmkarten im Blitztempo aufzufräsen – 20 000 Stück pro Stunde. „Ich bin begeistert, dass wir das nicht mit dem Brieföffner machen müssen. Das ist doch ein Wunder der Technik“, strahlte Nahles bei einem Probelauf. Die Schlitzautomaten vom Typ OL 1000 plus scheinen ihr wirklich ans Herz gewachsen zu sein. Kurz nach Mitternacht am Sonnabend früh wurde es dann ernst. Ein Post-Lastwagen lieferte die Briefe aus Leipzig an, wo sie zentral gesammelt worden waren.Sortiert und gezählt wurde der Wille der Partei von den 400 Partei-Freiwilligen in einer riesigen Halle. In gelben Kisten landeten die Ja-Stimmen zum Koalitionsvertrag, in schwarzen die Nein-Stimmen, in grauen die Enthaltungen oder ungültigen Stimmen. Das alles fand unter strikter notarieller Aufsicht statt. Die Stapel in den gelben Boxen wurden im Laufe des Sonnabends immer größer. So glatt und reibungslos lief das Auszählen, dass das Ergebnis bereits zwei bis drei Stunden früher als geplant verkündet werden konnte. Hintergrund: Das Arbeitstempo der SPD-Zähler war fixer als die Post aufgrund ihrer Erfahrungswerte geschätzt hatte.Was er denn zu den turbulenten Personalentwicklungen bei seinem künftigen Regierungspartner sage, wird Gabriel am Ende der Ergebnis-Verkündung gefragt. Ob er stolz sei, dass es bei der SPD besser laufe als bei der Union. „Nein“, antwortet Gabriel, „bei uns läuft es nicht besser oder schlechter, sondern anders.“ Und noch einmal braust ein Jubelsturm durch die Halle.

Stephan Weil: „Mit solch einer Resonanz hat niemand gerechnet“

Auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) äußerte sich unmittelbar vor der Bundesligabegegnung zwischen Hannover 96 und dem 1. FC Nürnberg zum „Ja“ seiner Partei zur großen Koalition. „Mit solch einer Resonanz hat niemand gerechnet“, sagte Weil. „Es ist ein tolles Zeichen für die SPD und den inneren Zustand der Partei." Zusätzlich sei es ein toller persönlicher Erfolg für Sigmar Gabriel, der „ein hohes Risiko mit der Mitgliederbefragung eingegangen ist.“ Dass es drei Monate brauchte, bis die Koalition zustande kam, sieht Weil gelassen. „Drei Monate für eine Regierung von vier Jahren - dafür ist der Preis nicht zu hoch.“

 

Das SPD-Mitgliedervotum in Zahlen

Das SPD-Mitgliedervotum ist ein logistischer Kraftakt. Zahlen und Fakten zu dem bisher einmaligen Projekt:

1,6 Millionen Euro  Mindestkosten für Druck und Versand des Koalitionsvertrages, Versand und Rücksendung der Wahlunterlagen, Post-Logistik, Anmietung einer Auszählungshalle in Berlin, Werbung.

40 000 Briefe pro Stunde per „Schlitzmaschine“ geöffnet.

400 Helfer mit dem Zählen der Stimmen beauftragt.

8,50 Euro politisch korrekt hat sich die SPD vom beauftragten Dienstleister, der Post, zusichern lassen, dass alle involvierten Mitarbeiter mindestens diese Summe pro Stunde bekommen.

474 820  SPD-Mitglieder waren stimmberechtigt.

333 500 SPD-Mitglieder haben am Ende abgestimmt. 

 59 Jahre ist das durchschnittliche SPD-Mitglied alt.

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