Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Der lange Kampf des Witwers
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Der lange Kampf des Witwers
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:04 19.07.2012
Von Thorsten Fuchs
Für einen Tod in Würde – das provokative „Freitod-Set“ des Arztes Philip Nitschke, eines Vorkämpfers für ein selbstbestimmtes Lebensende. Quelle: Reuters
Anzeige
Braunschweig

Aufgeben? Nein, nur das nicht. Ulrich Koch sieht auf den Tisch vor sich, es ist ein Blick ins Nichts, die Suche nach Worten. Seit einer Stunde kennt er das Urteil aus Straßburg, aber es fällt auch ihm nicht leicht zu sagen, was nun überwiegt: Erleichterung oder Enttäuschung. „Es ist keine Niederlage“, sagt der 69-Jährige dann, vorsichtig. Aber wann immer nun der Gedanke aufkommt, schiebt er ihn weit von sich. „Ich stelle mir meine Frau vor, wie sie uns nun zusieht“, erklärt er. Dann ist ihm alles wieder klar. Er wird weitermachen. Auch wenn es erneut Jahre dauert.

Die Frau von Ulrich Koch ist tot. 2005 war sie in der Schweiz aus dem Leben geschieden, mithilfe der Organisation Dignitas. Vergeblich hatte sie zuvor in Deutschland versucht, ein Rezept für das tödliche Medikament zu erhalten. Seitdem kämpft der frühere Exportkaufmann aus Braunschweig für ein anderes Sterbehilferecht – und gestern, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, hat er seinen ersten Erfolg errungen. Die deutschen Gerichte hatten ihn zuvor alle abgewiesen. Er sei ja selbst nicht betroffen gewesen, hatten sie ihm gesagt, er könne nicht klagen. Es war eine juristische Argumentation, keine menschliche. Die Richter in Straßburg sahen dies nun anders. Ja, auch ihn, den Ehemann, betraf es, wenn die deutschen Behörden seiner Frau das Medikament versagten, urteilten sie. Die deutschen Gerichte haben es sich zu leicht gemacht mit Ulrich Koch. „Für die deutschen Gerichte ist das eine Ohrfeige“, sagt Detlef Koch, sein Anwalt. Aber ist das ein Trost?

Anzeige

Das Leiden der Familie Koch begann an einem sonnigen Apriltag des Jahres 2002. Sie kommen gerade vom Einkaufen, in der Tasche steckt der erste Spargel, da sackt Bettina Koch plötzlich zusammen, scheinbar grundlos. Mit der Stirn schlägt sie gegen die Hauswand.

„Du, ich bringe dich zum Arzt“, sagt Ulrich Koch zu seiner Frau. „Lieber gleich ins Krankenhaus“, antwortet sie. „Das ist was Schlimmeres.“ Die Ärzte brauchen drei Tage, bis sie sich sicher sind. Das Genick ist gebrochen. Die 53-Jährige ist vom Hals abwärts gelähmt und wird es für immer bleiben. Sauerstoff bekommt sie nur dank einer Beatmungsmaschine. Mit dem Schlauch im Hals kann sie nicht sprechen. Bettina Koch war Rechtsanwalts- und Notargehilfin, eine selbstbewusste, zielstrebige Person. „Sich nicht äußern zu können, hat sie total unglücklich gemacht“, sagt Ulrich Koch.

Trotz 14-monatiger Therapie in einer Klinik in Hamburg sind die Fortschritte minimal. Ein wenig Gefühl kehrt in die rechte Hand zurück, das ist alles. Auf zehn bis 15 Jahre schätzen die Ärzte ihre Lebenserwartung. Bettina Koch jedoch entgleitet der Lebensmut. Krampfanfälle verhindern immer wieder, dass ihr Mann sie in den Rollstuhl heben kann. Meist bleibt sie ans Bett gefesselt.

Ein Schlüsselmoment ist der Augenblick ihrer Rückkehr nach Hause, 2003. Ulrich Koch hat einen Anbau an das Haus gesetzt, damit genug Platz für den Rollstuhl und das Pflegebett ist. Sie freut sich auf das Wiedersehen mit ihren geliebten Hunden. Vielleicht, hofft sie, lecken sie ihre rechte Hand. Die, in der sie wieder ein bisschen was spürt. Doch als sie auf das Haus zurollt, schauen die Hunde nur kurz – und drehen dann ab. Sie erkennen sie nicht. Es ist eine dieser Situationen, in denen sie erlebt, dass sie nicht mehr die Person ist, die sie einmal war.

Eine Psychologin kommt regelmäßig ins Haus. Aber die Therapiestunden können sie nicht aufrichten. Ulrich Koch versucht, Zuversicht zu verbreiten, gute Laune, manchmal unter Missachtung seiner eigenen wahren Gefühle. Er vermeidet schwierige Themen, weil jede Aufregung bei ihr neue Krampfanfälle verursachen kann. Es sind belastende Zeiten für beide, in vielerlei Hinsicht.

Aber all die Versuche und Mühen zeigen am Ende keine Wirkung. Im Juli 2004 spricht sie es zum ersten Mal aus: „Du, ich halte das nicht mehr aus.“ Ob sie nicht zumindest für ihre erwachsene Tochter am Leben bleiben wolle, fragt er. Nein, auch für sie nicht, antwortet Bettina Koch.

Doch damals, berichtet Ulrich Koch, hätten alle Ärzte ihren Wunsch nach Abschalten der Apparate oder anderer Hilfe abgelehnt. „Da wollte sich niemand strafbar machen.“ Sie diskutierten andere Wege. Zum Beispiel, ob er ihr ein Kissen auf das Gesicht drücken könnte. „Aber mir war klar, dass mir das niemals möglich wäre.“ Sie probierten, in Deutschland das Medikament Natrium-Pentobarbital zu kaufen, ein sicher und, sofern man das sagen kann, sanft tödliches Medikament. Das Bundesamt für Arzneimittel jedoch lehnte den Antrag ab. Bettina Koch wollte zu Hause sterben. So jedoch mussten sie sich, aus ihrer Sicht, auf den Weg in die Schweiz machen. Es war eine Fahrt, an die Ulrich Koch bis heute schlimmste Erinnerungen hat. In dem klapprigen Krankenwagen war wegen der Beatmungsmaschine und eines starken Sturms kaum ein Gespräch möglich. Es war eine achtstündige, fast stille, letzte gemeinsame Fahrt, im Februar 2005. Einzig, dass seine Frau gelassen, ja geradezu glücklich gewesen sei, ist ihm im Nachhinein ein Trost. „Sagt allen, dass ich aufrecht gegangen bin“: Das seien ihre letzten Worte gewesen, bevor sie mit dem Mund den Mechanismus zur Aktivierung der Injektion aktivierte.

Den Kampf gegen die Ablehnung ihres Antrags haben die Kochs damals gemeinsam begonnen. Hat ein Staat das Recht, einem sterbewilligen Schwerstkranken ein tödliches Mittel zur Beendigung von Leid und Leben zu verweigern? Ja, sagten die Vertreter der Bundesregierung in bisherigen Verhandlungen. Beihilfe zum Selbstmord sei nicht strafbar, aber der Staat sei nicht verpflichtet, Beihilfe zum Selbstmord zu leisten. Für die Kochs war diese Weigerung die Verlängerung eines unerträglichen Zustands. Ulrich Koch will den Kampf seiner Frau fortsetzen. Es ist eine Art letzter Dienst. „Ich fühle mich ihr verpflichtet“, sagt er.

Und so ist es eine Enttäuschung für ihn, wie sich die Richter in Straßburg gegenüber seinem zentralen Anliegen verhalten haben. Dass sie den deutschen Umstand mit der Sterbehilfe nicht beanstandet haben, die Zurückhaltung des Staates. „Ich hatte eine andere Hoffnung“, sagt Ulrich Koch.

So bleibt der Erfolg, dass die Richter seinen eigenen Weg anerkannten. Das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens, juristisch gesprochen. Und dann ist da noch ein Symbol: Die 2500 Euro Schmerzensgeld, die das Gericht ihm zuerkannt hat: Er und sein Anwalt erwägen nun, Widerspruch in Straßburg einzulegen. Vor allem aber werden sie wieder vor Gericht ziehen. Vor das Verwaltungsgericht Köln zunächst, dorthin, wo vor acht Jahren dieser lange Weg begann. „Der Kläger kann eine Verletzung eigener Rechte nicht geltend machen“, schrieben die Richter damals.

Damit, soviel steht nun fest, können sie ihn nicht wieder nach Hause schicken.

Sterbehilfe – ein juristisches Problem

In Deutschland ist nur aktive Sterbehilfe verboten, passive Sterbehilfe, indirekte Sterbehilfe und Beihilfe zum Selbstmord sind dagegen erlaubt.

■   Aktive Sterbehilfe: Bei der aktiven Sterbehilfe wird ein Kranker auf eigenen Wunsch durch die aktive Handlung einer anderen Person getötet, etwa indem der Arzt eine Giftspritze setzt. Dies wird laut Strafgesetzbuch als „Tötung auf Verlangen“ mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. So soll das Tötungstabu aufrechterhalten werden.
■   Passive Sterbehilfe: Bei der zulässigen passiven Sterbehilfe stellt der Arzt dagegen auf Wunsch des Kranken lediglich die künstliche Ernährung oder sonstige medizinische Behandlung ein. Das ist straflos, denn der Arzt darf den Kranken ohnehin nicht gegen seinen Willen behandeln. Ein Abschalten der Apparate ist auch dann möglich, wenn der Patient nicht mehr bei Bewusstsein ist, den Verzicht auf künstliche Lebensverlängerung aber früher in einer Patientenverfügung anordnete. Der Bundestag hat 2009 die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen ausdrücklich geregelt.
■   Indirekte Sterbehilfe: Auch die indirekte Sterbehilfe ist zulässig. Davon spricht man, wenn starke Medikamente nicht nur den Schmerz mildern, sondern als ungewollte Nebenfolge auch das Sterben beschleunigen. Das eigentliche Ziel muss dabei aber die Linderung von Schmerzen sein. Wenn das Töten im Vordergrund steht, liegt Mord oder Totschlag vor.
■   Selbstmord: In Deutschland ist Selbstmord nicht strafbar, deshalb kann auch die Beihilfe zum Selbstmord nicht bestraft werden. Wer einem Selbstmörder einen Strick gibt, begeht also keine Straftat. cr

19.07.2012
19.07.2012