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Deutschland / Welt Der zweite Angriff auf die Freiheit in New York
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Der zweite Angriff auf die Freiheit in New York
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16:47 11.09.2010
Wiederaufbau und Moschee-Streit in New York: Auf dem Gelände, wo einst die Doppeltürme des World Trade Center standen, wird auch um die liberale Zukunft Amerikas gestritten. Quelle: afp
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Andy Sullivan hat neun Jahre Zeit gehabt, um sich selbst zu vergeben. Aber neun Jahre sind nicht genug. Jedenfalls nicht für Andy Sullivan. Er hat an jenem Morgen am Fenster gestanden, auf einer Baustelle im 34. Stock eines Wolkenkratzers mitten in Manhattan. Er hat auf das benachbarte World Trade Center geschaut. „Da ist etwas, was nicht hier sein sollte“, denkt er sich. Dann rast ein riesiges Passagierflugzeug in den Nordturm. „Bum! Das ganze Gebäude hat gewackelt. Und dann...“

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Andy Sullivan hat zugesehen, wie das Verhängnis seinen Anfang nahm. Er hat, schnell, effizient, die Evakuierung seines eigenen Bautrupps organisiert. Dann ist er rübergerannt, hat einen seiner Jungs, der im World Trade Center gerade eine Reparatur erledigte, herausgeholt. Sullivan war einer der stillen Helden jenes Tages. Aber seine eigene Freundin hat er nicht gerettet. Er hat nicht gewusst, dass dieser Tag ihr erster Arbeitstag im Nordturm war, irgendwo zwischen dem 101. und dem 105. Stock, in einer der fünf Etagen, die die Finanzfirma Cantor Fitzgerald belegte. Die Freundin ist mit allen 657 Kollegen ums Leben gekommen. Andy Sullivan hat es sich bis heute nicht verziehen, dass er sie nicht gerettet hat. „Es ist sehr schwer für mich, damit fertig zu werden.“

Diese Unfähigkeit, sich selbst zu vergeben – vielleicht ist sie es, die Sullivan im Wege steht, wenn es darum geht, anderen zu vergeben. Die Schuld zuweist, wo keine ist. Immer noch, neun Jahre danach.

Lange war das gähnende Loch an der Stelle, an der bis zum 11. September 2001 das World Trade Center stand, eine offene Wunde im Herzen Manhattans. Erst vor wenigen Monaten sind die Kräne angerückt. Der unterste Abschnitt des „Freedom Tower“, der einmal das höchste Gebäude von New York werden soll, ist mit seinen Stahlverstrebungen bereits zu erkennen. Wie ein heiliger Ort wirkt die Baugrube nicht. Der Lärm der Baumaschinen in der Tiefe übertönt alle anderen Geräusche. Sullivan gehört zu den Bauarbeitern, die die Lücke schließen. Er darf nur nicht, wenn er hier arbeitet, von seiner Freundin sprechen. Dann kommen ihm die Tränen. In jüngster Zeit mischt sich dumpfer Zorn damit.

Gute 150 Meter sind es von hier bis zu dem heruntergekommenen Gebäude am „Park Place 45“, das Sullivans Zorn erregt. Schon lange vor 9/11 haben sich Muslime hier, sozusagen im Schatten des World Trade Center, versammelt. Drei Jahrzehnte lang haben sie in einem anderen, ebenso unscheinbaren Haus wenige Meter weiter gebetet– auch nach den Anschlägen. 2008 wurde ihnen der Mietvertrag gekündigt. Ende 2009 fand die Gemeinde die neue Bleibe am Park Place. Das beim Terroranschlag beschädigte Haus stand leer. Schnell renovierte man dort ein paar Gebetsräume. Der Immobilienmakler Sharif el-Gamal begann, von einem muslimischen Leuchtturmprojekt zu träumen.

Doch sein Plan, den Altbau durch ein 13-stöckiges islamisches Zentrum zu ersetzen, hat einen bitteren Kulturkampf ausgelöst. 49 Prozent der Amerikaner sehen den Islam als eine negative Erscheinung – so viele wie zuletzt im Oktober 2001. Andy Sullivan steckt mittendrin in diesem Kulturkampf.

Der Bauarbeiter ist Sprecher einer Organisation, die sich als Anwalt der Terroropfer sieht. Er räumt ein, dass die Verbrecher des 11. September nicht für die Mehrheit der Muslime stehen. Aber das ändert für ihn nichts: „Die Mörder hatten Allah auf den Lippen.“ Und: „Ground Zero ist hier überall.“ Er erzählt von der gigantischen Staubwolke, die nach dem Einsturz der Zwillingstürme die Straßen einhüllte. „Wenn du hier am 11. September gestanden hättest, dann wärst du tot“, sagt er am Eingang von „Park Place 45“.

Was im eher toleranten New York vor Ort zuerst kaum auf Widerstand stieß, spaltet inzwischen die Nation. So hartnäckig wie irreführend nennen die Gegner das Park-Place-Projekt „die Moschee am Ground Zero“. Sie sehen in dem geplanten Gemeindezentrum einen Affront gegenüber den von Muslimen ermordeten Opfern des 11. September 2001 – ein Monument der Triumphes für die Terroristen. Die Galionsfigur der Rechten, die gescheiterte Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, hat im Juli den Ton gesetzt. „Die Moschee am Ground Zero ist eine unnötige Provokation und ein Stich ins Herz“, twitterte sie. Das rief die Gegenseite auf den Plan: Mit ihrer Attacke gegen die Religionsfreiheit spiele Palin nur Osama bin Laden in die Hände, schrieb die „New York Times“. US-Präsident Barack Obama landete im August zwischen allen Stühlen.

Einerseits sprach er den Muslimen das Recht zu, ihr Zentrum zu bauen. Doch er wollte nicht sagen, ob er die Wahl des Ortes für klug hielt. Zwei Drittel der Amerikaner sind laut einer Umfrage der „Washington Post“ gegen das Vorhaben.

Wie sehr die Debatte aus dem Ruder gelaufen ist, zeigt die Tatsache, dass der Pastor einer Minikirche aus Florida, der an diesem 9/11-Gedenktag den Koran verbrennen will, die USA und die halbe Welt in helle Aufregung versetzt. Das Pentagon greift ein, der Präsident mahnt zur Mäßigung. Pastor Terry Jones stoppte die Aktion am Mittwoch – angeblich, weil er vom Mentor des Zentrums, dem New Yorker Imam Faisal Rauf, die Zusage erhalten habe, dass es nicht gebaut werde. Doch der hat nie mit ihm gesprochen. Nun sagt Jones, er habe sein Fanal nur verschoben.

Andy Sullivan aber verschiebt nichts. Er wird weiterkämpfen gegen das „Zentrum für Islam in Nordamerika“. Er hat sein Vokabular gelernt. Von der „Siegesmoschee“ spricht Sullivan. Er spekuliert über obskure Finanziers und kennt jedes fragwürdige Zitat des hinter dem Projekt stehenden Imams Faisal Rauf: „Er hat gesagt, dass die Amerikaner die Voraussetzungen für den 11. September mit geschaffen hätten. Wir sind also mitschuldig?“

Die Gläubigen, die zum Freitagsgebet am Spalier der Kameraleute vorbei durch die Tür eilen, nehmen keine Notiz von Sullivan. Ein paar nicken einem jungen Mann zu, der mit seinem Poster „Für Religionsfreiheit“ täglich mehrere Stunden Wache hält. „Auf diesem angeblich heiligen Boden Ground Zero bauen sie gerade eine millionenteure kapitalistische Trutzburg, an der die ganze Welt mitverdient, auch die Chinesen“, sagt der Architekt Matt Sky: „Da errichten wir einen ,Freiheitsturm‘ und wollen in dessen Schatten keine Freiheit zulassen?“

Die Gebetsräume im Gebäude „Park Place 45“ wirken improvisiert. Die grauen und grünen Teppiche sind abgenutzt, der Vorraum ist mit einer Plastikplane verhängt. Nicht einmal für die abgelegten Schuhe der Betenden gibt es genügend Regale. Seit der Debatte strömen doppelt so viele Gläubige hierher wie vor wenigen Monaten. Eine große Gruppe von Frauen gehört dazu. Viele scheinen direkt aus den nahen Büros zu kommen, sind elegant gekleidet oder lässig in Jeans. Keine verhüllenden Gewänder, kaum Kopftücher. Die meisten werfen sich erst beim Eintritt in die Moschee, das Handy noch am Ohr, hastig einen Schleier über.

Der Imam ist an diesem Freitag der muslimische Seelsorger der New Yorker Polizei. Er hat Polizisten eingeladen, die über antiislamische Attacken informieren sollen. „Immer aufpassen und nicht aufs Handy mit der SMS starren“, lautet deren Ratschlag. Die Stimmung ist gedämpft. „Brüder und Schwestern, wir brauchen Geld, damit dieses Projekt vorankommt“, sagt der Imam am Ende. „Wer gibt 1000 Dollar? Wer ist der Erste?“, ruft er ins Mikrofon. Doch die Menge drängt zum Ausgang. Erst als er das Gebot auf 500 Dollar senkt, heben sich ein paar Hände.

Den Public-Relations-Spezialisten Haroon Moghul, der regelmäßig herkommt, wundert das nicht: „Die Leute kommen zum Beten und nicht für ein Statement. Dieses Gemeindezentrum ist auch ein Stück New Yorker Größenwahn. Diejenigen, die sich das ausdachten, haben Hass gegen Muslime persönlich nie erlebt.“

Auch für Moghul war der 11. September 2001 ein Wendepunkt. „Ich war gerade am Islamischen Zentrum der Universität New York zum Studentensprecher gewählt worden. An diesem Dienstag hatten wir die erste Sitzung. Und da ist es passiert. Ich kannte so viele Leute, die im World Trade Center oder der Umgebung arbeiteten. Mein Bruder war darunter. Er steckte zum Glück in der U-Bahn fest.“ Moghul stand plötzlich im Rampenlicht. „Auf einmal sollte ich erklären, warum das passiert ist. Das war verrückt: Ich bin hier geboren. Meine Eltern kamen 1974 aus Pakistan. Was sollte ich denn sagen? Ich war erst 21 und hatte nur vage von Al Qaida gehört. Die Leute begriffen nicht, dass ich davon so weit weg war wie sie selbst.“

Moghul fand im damaligen US-Präsidenten einen überraschenden Mitstreiter: Solange George W. Bush immer wieder den Unterschied zwischen Extremisten und gewöhnlichen Muslimen betonte, habe der Damm gehalten. „Aber das hat sich seit Obamas Wahl gedreht. Die republikanische Parteiführung versagt in der Frage vollkommen“, sagt Moghul. Ein neuer, verächtlicher Ton ist salonfähig geworden. „Ich habe mich eher gewundert, dass es so lange dauerte, bis die Sache mit der Moschee hochging.“

Viele Muslime verteidigten das Park-Place-Projekt nur, weil sie einen Angriff auf ihre Identität fürchteten. „Aber wie lange halten wir das in einer Atmosphäre durch, die vom Hass vergiftet ist? Der Widerstand ist irrational, aber das macht ihn nicht weniger real“, sagt Moghul. Immer mehr Gemeinden fühlten sich bedroht. Wenn selbst Präsident Obama ein Fünftel seiner Landsleute nicht überzeugen könne, dass er selbst ein Christ sei, wer höre da auf Muslime? „Wir sollten der griechisch-orthodoxen Kirchengemeinde vielleicht ein paar Stockwerke anbieten“, sagt Moghul. Doch die Zeit für versöhnliche Gesten sei wohl vorbei: „Wir sind nur noch ein Spielball.“ Andy Sullivan fühlt sich genauso missbraucht: „Die Sache ist so groß geworden. Jeder benutzt sie als Ball, mit dem er herumkicken kann.“

Und trotzdem sind die beiden New Yorker Moghul und Sullivan neun Jahre nach dem Terrorangriff zu Gegnern geworden. Die Erkenntnis erschreckt sie. „Mich stört nicht, dass die hier beten“, sagt Sullivan. „Ich sage keinem, wie er seine Kinder erziehen soll, welche Religion er praktizieren oder wie er seine Frau behandeln soll. Ich bin doch auch nicht am 12. September 2001 reingerannt und habe deren Gebetsraum gestürmt. Wenn sie nur das bestehende Gebäude von oben bis unten renovieren, würde ich sie stoppen? Nein.“ Warum will er dann die Muslime stoppen, wenn sie sich selbst ein Zentrum bauen, in dem sie ihre Kultur pflegen, ihre Religion feiern? „Ich tue das, weil ich meine Freundin hätte retten sollen. Ich tue das nur für sie.“

Andreas Geldner

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