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Deutschland / Welt „Das sollte man mal in Deutschland machen!“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Das sollte man mal in Deutschland machen!“
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08:31 11.02.2014
Quelle: dpa/Symbolbild
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„Deutsche vergessen die Mentalitätsunterschiede“

Ich war am Sonntag sehr überrascht von dem Wahlergebnis; ich hätte das so nicht für möglich gehalten. Dieses Abstimmungsverhalten passt nicht zu uns Schweizern, die sich bisher mit polarisierender Politik immer sehr zurückgehalten haben. Aber vielleicht liegt das am starken Wandel, den das Land durchmacht. Wegen der hohen Zuwanderung gibt es viel Konkurrenz um bezahlbare Wohnungen; und in den Schulen sitzen immer mehr ausländische Kinder. Allerdings hat sich die Gruppe der Zuwanderer verändert. Als ich Kind war, kamen meist italienische Gastarbeiter; heute sind es mehrheitlich Akademiker aus Deutschland. Und dennoch gibt es Probleme, weil viele Deutsche sich nicht gezielt auf ein Leben in der Schweiz vorbereiten, so wie sie es tun würden, wenn sie nach Frankreich auswandern würden. Trotz der gemeinsamen Sprache gibt es nämlich Mentalitätsunterschiede. Deutsche sind sehr viel direkter als Schweizer und sprechen Probleme ziemlich offen an, was Schweizer aus Gründen der Höflichkeit nur ­zurückhaltend tun. Ansonsten ­glaube ich nicht, dass es nach der Volksabstimmung Probleme zwischen Deutschen und Schweizern geben wird. Ich lebe gern in Deutschland, die deutsche Staatsbürgerschaft jedoch möchte ich nicht annehmen. Als Schweizerin stimme ich alle drei Monate über politische Vorlagen per Volksentscheid ab, als Deutsche könnte ich nur alle vier Jahre Politiker in den Bundestag wählen.
Nada Hornef, Schweizer Ärztin aus Hannover, lebt seit zehn Jahren in Deutschland

„Abneigung gegen Ausländer wird als Witz verpackt“

Ich habe schon geahnt, dass die Abstimmung am Sonntag ganz knapp ausgehen wird. Aber ich war doch irgendwie sicher, dass der Plan, die Zuwanderung wieder zu begrenzen, letztlich scheitert. Es wurde im Wahlkampf ganz gezielt mit den Ängsten der Menschen gespielt; mit den vermeintlich fehlenden Wohnungen, den angeblich explodierenden Mieten und dem oft beklagten Lohndumping, für den die arbeitssuchenden Ausländer verantwortlich sein sollen. Da hat der Mechanismus des Populismus leider voll gegriffen, was das Instrument der Volksabstimmung zu Fragen der Tagespolitik für mich ziemlich fragwürdig macht. Im Alltag merkt man die Gegnerschaft zu Nicht-Schweizern eigentlich nicht; dazu sind die Schweizer viel zu zurückhaltend. Man bekommt das nur sehr indirekt mit – etwa, wenn man zufällig Zeuge eines Gespräches unter Schweizern wird, in denen dann oft über die Deutschen hergezogen wird. Auge in Auge wird Kritik nur indirekt als Witz vorgetragen, etwa in der Art, dass man als Ausländer in der Schweiz endlich einmal so richtig Geld verdienen könne. Nur beim Fußball, da treten ­Anfeindungen gegen Deutschland immer ganz offen hervor, schließlich gewinnen wir ständig. Ich selbst sehe das alles aber noch ganz entspannt. Die Forderung der Volksabstimmung ist noch ziemlich unkonkret. Es wird interessant werden, was die Schweizer Politik nun daraus macht. Danach werde ich dann weitersehen.
 
Annika Steinhake aus Hannover, die seit vier Jahren als IT-Projektmanagerin in Zürich arbeitet

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„Ich fühle mich nicht weniger wohl als früher“

Am Sonntag hat der Populismus der Schweizer Volkspartei voll gegriffen. Vor einigen Wochen gab es nur etwa 35 Prozent Zustimmung für die Initiative, die Zuwanderung zu begrenzen, aber dann stiegen die Werte ständig an. Ich verstehe das auch irgendwie, schließlich sind fast ein Viertel aller Menschen in der Schweiz mittlerweile Ausländer. Was wäre eigentlich bei uns in Deutschland los, wenn es einen derart hohen Bevölkerungsanteil gäbe? Das möchte ich lieber nicht sehen! Ich glaube, die Gegner der SVP-Initiative haben zu sehr an den Verstand der Wähler appelliert und bloß die wirtschaftlichen Vorzüge der Zuwanderung herausgestellt, die diffusen Ängste der Menschen über zu viele Fremde im Land aber völlig unterschätzt. Ich selbst habe eigentlich kaum je Ablehnung in der Schweiz erfahren. Letztlich liegt es an einem selbst: Wenn man freundlich und zurückhaltend ist, hat man auch keine Probleme im Umgang mit den Eidgenossen. Bei mir hat jedenfalls noch keiner die Autoreifen zerstochen. Und die oft beschriebenen Unterschiede in den Kulturen zwischen der Schweiz und Deutschland sehe ich nicht. Aber ich habe auch eine kleine Sonderstellung, denn ich arbeite für den Touristikkonzern TUI, da habe ich ohnehin sehr viel Kontakt zu Deutschland, und auch beim Züricher Ableger meines Arbeitgebers arbeiten viele Deutsche.  Für mich persönlich kann ich klar sagen: Ich fühle mich in der Schweiz nicht weniger wohl als früher.
 
Marc Poledniczek, Deutscher aus Hannover, der seit Jahren in Zürich arbeitet

„Es hat noch keiner gesagt, dass wir gehen sollen“

Das Abstimmungsergebnis zeigt für mich den Frust der Schweizer über ihre nationale Politik, die die Sorgen der Menschen über eine zu starke Zuwanderung zu lange ignoriert hat. Ich werte das Votum als Denkanstoß; seht her, es reicht uns, es muss sich was ändern, so denken ziemlich viele hier. Und das wäre übrigens in Deutschland auch so, wenn es dort so einen Riesenanteil Ausländer gäbe. Ausländerfeindlich ist das Land aber bestimmt nicht; eigentlich gibt es in der Frage der Zuwanderung keine Unterschiede zu Deutschland. Ich habe früher in Pattensen gewohnt; die Bauern dort standen Fremden auch nicht eben aufgeschlossen gegenüber. Auch in der Schweiz gibt es den üblichen Unterschied zwischen aufgeschlossenen Städtern und Menschen aus den Bergtälern. Die Schweizer sind eben sehr traditionsbewusst und lokal verankert; wer etwa aus Luzern stammt und in ein Schweizer Bergdorf kommt, gilt oft schon als Fremder – ob er Ausländer oder Schweizer Staatsbürger ist, spielt in solchen Fällen überhaupt keine Rolle. Ich habe nie Ablehnung in diesem Land gespürt – im Gegenteil. Als Hebamme in einem Spital in Luzern wurde und wird mir von den Schweizer Kollegen und Patienten sehr große Wertschätzung entgegengebracht. Ich habe noch nie jemanden hier sagen hören, dass wir Deutsche unsere Koffer packen und aus der Schweiz verschwinden sollen.
 
Carmen Spangenberg, Hebamme aus Pattensen bei Hannover, die mit ihrem Schweizer Lebensgefährten seit 1986 in der Schweiz lebt

„Da muss wieder ein Riegel vor“

Ich fand das schon in früheren Jahren gut und finde es auch heute noch richtig, dass der ungehemmte Zuzug von Ausländern in die Schweiz gestoppt wird. Da kommen doch Völker ins Land, die sich nicht integrieren wollen oder können. Da muss man dann was für das eigene Land tun und wieder einen Riegel vorschieben, so wie es die Schweizer bei der Volksinitiative getan haben. Es wäre besser, wenn dies die Deutschen auch mal machten und sich eine Pause beim Zuzug verordnen würden. Gerade in der Schweiz zeigt sich, dass irgendwann ein Land zu klein wird, um immer neue Menschen aufnehmen zu können. Es gibt immer weniger Wohnungen und die Mieten steigen, die Straßen sind voll, wo doch der Verkehr fließen muss. Und wir können doch nicht immer neue Straßen und Häuser in diesem kleinen Land bauen und damit all die schöne Landschaft zubetonieren. Schade finde ich, dass jetzt eine gewisse Gehässigkeit im Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz zu hören ist. Das ist ungerecht, denn die Initiative der Schweizer Volkspartei richtet sich nicht nur gegen Deutsche, sie richtet sich gegen alle Ausländer. Gerade die ungerechte Kritik bringt nun sicher Nachteile für die Schweiz. Es werden einige verschreckt, die nun nicht mehr ihren Urlaub in der Schweiz verbringen. Für den Tourismus wird es da sicher schwer werden. Mein Mann und ich fahren auch nur ein oder zwei Wochen pro Jahr in meine alte Heimat. Die Schweiz ist leider sehr teuer; für mehr reicht meine kleine Rente nicht.
Beatrix Reinecke, Schweizerin und Präsidentin des Schweizer Vereins in Hannover, wo sie seit 50 Jahren lebt

„Ich bin ziemlich SVP-lastig“

Ich habe aus voller Überzeugung am Sonntag für eine Begrenzung der Zuwanderung gestimmt, obwohl ich als Deutsche vor 14 Jahren selbst in die Schweiz immigriert bin – der Liebe wegen. Ich gebe zu, ich bin ziemlich SVP-lastig und finde die Initiative der rechtskonservativen Partei sehr gut. Diese richtet sich ja nicht gegen qualifizierte Arbeitskräfte aus Deutschland. Die brauchen wir in der Schweiz wirklich dringend, und gegen die hat in diesem Land auch niemand etwas. Aber die vielen unqualifizierten Einwanderer aus Rumänien zum Beispiel, die den Schweizern nur auf der Tasche liegen, für die muss es wirklich eine Begrenzung geben, um die Schweiz nicht finanziell und kulturell zu überfordern. Von außen sieht es immer so aus, als wäre die Schweiz ein reiches Land. Sicher, es gibt vielleicht mehr Reiche als anderswo, aber die Mehrzahl der Leute muss doch schauen, wie sie über die Runden kommt. Das gilt auch für mich mit meinem Nagel-, Piercing- und Tattoo-Studio. Und die Lebenshaltungskosten sind extrem hoch. Das sehen viele einfach nicht. Meine Tochter lebt zwar inzwischen wieder in Berlin, aber ich fühle mich nach 14 Jahren in der Schweiz dort sehr wohl. Für mich ist ganz klar: Zu Hause bin ich in der Schweiz.
Andrea Müller, gebürtige Deutsche aus Kleinmachnow bei Berlin. Sie lebt im Kanton Schwyz und ist seit mittlerweile fünf Jahren Schweizer Staatsbürgerin

„Man hätte die Schweizer besser aufklären müssen“

Es tut mir richtig leid, dass das am Sonntag passiert ist. Ich hätte so ganz sicher nicht abgestimmt. Ich habe am Sonntag mit meiner Schwester in der Schweiz telefoniert, und die findet es auch gar nicht gut, dass die Initiative zur Begrenzung der Zuwanderung eine Mehrheit gefunden hat. Es wäre sicher besser gewesen, wenn man die Schweizer vor der Wahl besser aufgeklärt und ihnen klargemacht hätte, was im Verhältnis zur EU machbar ist und was nicht. Aber das ist leider nicht passiert, und so ist geschehen, was geschehen musste. Ich gebe zu, dass die Schweiz einen sehr hohen Ausländeranteil hat, aber es muss andere Lösungen geben, als nur einfach die Zuwanderung zu stoppen. Es wäre besser, wenn man mehr Sozialarbeiter beschäftigen würde, die den Menschen helfen, sich zu integrieren und sie mit den lebendigen Traditionen und Gebräuchen der Schweiz vertraut machen. Aber dafür ist leider immer kein Geld da; das ist in Deutschland ja ganz genauso.
Katharina Burg, Schweizerin, die seit fast 40 Jahren in Nienburg (Weser) lebt

„Das Ganze ist mehr ein Problem der Älteren“

Ich glaube, dass gerade ältere Schweizer vor allem Deutsche nicht immer sehr positiv schätzen – und die haben bestimmt einen großen Anteil an dem Abstimmungsergebnis vom Sonntag. Schweizer Senioren sind nach meinem Erleben nicht besonders gastfreundlich. Das Ganze ist mehr ein Problem der Älteren Die junge Generation ist ganz anders. Da wird man als Deutsche akzeptiert und gut aufgenommen, das habe ich schon oft erlebt. In diesem Umfeld sind die Menschen dann auch sehr irritiert gewesen. Man kann doch als Schweizer im Ernst keinen freien Güterverkehr erwarten, aber die Menschen aus anderen Ländern Europas ausschließen. Aber unter den Schweizer Freunden, die ich mittlerweile gefunden habe, ist auch die Frage aufgekommen: Wie würden eigentlich die Deutschen abstimmen, wenn sie könnten? Wären sie wirklich so europafreundlich und offen für Zuwanderer, wie es die Politiker derzeit in ihren Statements sind?
Christine Frank, 22-jährige Studentin aus Kiel, die derzeit in der Schweizer Stadt Solothurn ein Praktikum bei Bosch absolviert

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