Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Wie die Flüchtlingskrise zwei Orte zusammenschweißte
Nachrichten Politik Deutschland / Welt

Deutsch-österreischisch Grenze: Wie die Flüchtlingskrise zwei Orte zusammenschweißte

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:57 23.05.2019
Die Grenzbrücke zwischen Simbach und Braunau. Quelle: Matthias Schwarzer
Braunau am Inn.

An den Herbst 2015 erinnert sich Bernhard Großwieser noch ganz genau: Hunderte Asylsuchende stehen auf der Innbrücke, die das österreichische Braunau und das deutsche Simbach verbindet. Es kommt zu dramatischen Szenen. Stundenlang harren Familien und ihre Kinder an der Grenze aus. Um dem Drama zu entkommen, springen einige sogar in den eisig kalten Fluss.

Nirgends kommen in diesem Herbst mehr Flüchtlinge über die Grenze als in Simbach – nicht einmal in Passau oder Freilassing. Die Innbrücke gilt als der wichtigste Durchgangspunkt nach Deutschland. „Die Menschen wurden im Auftrag der österreichischen Regierung mit Bussen von der ungarischen Grenze direkt nach Braunau gebracht und dort mitten in der Stadt auf die Straße gesetzt“, erinnert sich der Simbacher. „Gerade an den ersten Tagen herrschten hier chaotische und menschenunwürdige Zustände.“

Das ist die Expedition EU

Die Expedition EU ist ein crossmediales Projekt der Zeitungsgruppe Neue Westfälische, des Redaktionsnetzwerks Deutschland, dem europäischen Radionetzwerk Euranet plus, Podcastfabrik und den OWL Lokalradios. Drei Reporter berichten in den 15 Tagen vor der Europawahl täglich aus 15 Ländern. Die Recherchereise wird unterstützt von der Bertelsmann Stiftung.

Wenn kann ich wählen? Der Wahl-O-Mat zur Europawahl 2019

Doch die Bevölkerung der beiden Orte reagierte – schnell und entschlossen. Sowohl in Braunau als auch in Simbach wurden Helferkreise ins Leben gerufen, die Flüchtlinge auf der Brücke mit Decken und Essen versorgt. Großwieser selbst rief eine Facebook-Seite ins Leben, um die Hilfe über die sozialen Netzwerke zu ordnen und zu organisieren.

Die Unterschiede bleiben

Wer heute von Simbach aus über die Brücke Richtung Braunau läuft, bemerkt wahrscheinlich gar nicht, dass er sich plötzlich in einem anderen Land befindet. Nur die anderen Ortseingangs- und Verkehrsschilder lassen dies vermuten – und der Dialekt. Sobald man Braunau passiert, ändert sich die Mundart von Niederbayerisch zu Österreichisch. „Das sorgt regelmäßig für Verwirrungen bei Besuchen in Braunau“, weiß die Simbacher Pfarrerin Stephanie Kastner. Sogar Kaffeesorten haben hier ihre ganz speziellen Namen. „Da muss man aufpassen, dass man nichts Falsches bestellt.“

Auch während der Flüchtlingskrise zeigten sich schnell die Grenzen europäischer Verbundenheit. „Die Bürokratie hat uns Helfern damals wirklich das Leben schwer gemacht“, erinnert sich Kastner, die mit der evangelischen Kirchengemeinde schon 2014 erste Flüchtlingshilfe-Projekte ins Leben gerufen hatte. „Da gibt es dann schon noch Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland.“

Wir treffen die Pfarrerin auf der Expedition EU direkt auf der Innbrücke. Mit dabei ist auch Marlies Regiert. Die pensionierte Chemikerin war zur Zeit der Flüchtlingskrise eine engagierte Helferin in Simbach und gab unter anderem Deutschkurse.

Stephanie Kastner und Marlies Regiert Quelle: Tom Sundermann

Von „Wien“ habe sie seinerzeit keinen guten Eindruck gehabt, betont Kastner. „Manche Anordnung ‚von oben‘ hat nicht nur auf deutscher Seite, sondern auch auf der Braunauer Seite für Kopfschütteln und Ärger gesorgt“, sagt sie. „Besonders als in Achleiten bei Passau Tausende Flüchtlinge Schlag Mitternacht die Busse verlassen mussten und buchstäblich mit nichts auf der Wiese standen.“ Doch die Menschen und Simbach und Braunau rückten zusammen – und meisterten den Notfall mit vereinten Kräften.

Zwei Orte wachsen zusammen

Simbach und Braunau wachsen schon seit dem EU-Beitritt Österreichs immer weiter zusammen“, sagt Bernhard Großwieser. „Verstärkt geschieht dies aber in den letzten Jahren.“ Die Flüchtlingskrise bezeichnet Großwieser heute als „Härtetest“ für den Zusammenhalt – nicht nur für die Politik und Stadtverwaltungen, sondern auch für die helfenden Bürger. Und es sollte nicht der einzige Härtetest bleiben.

Mehr zur Themenreihe „Expedition EU“

Expedition durch Europa: Berichte aus 15 Ländern

Irland: Leben an der irischen Grenze: Wo die Angst vor dem Existenzverlust zum Leben gehört

Niederlande: Wo Prostituierte sich in Slip und BH anpreisen

Finnland: Smart City: Wie Helsinki seinen Verkehr digitalisiert

Estland lebt s vor: So sieht ein digitaler Staat aus

Polen: Rechtsruck und Justizreform: „Die EU ist Polens letzte Rettung“

Frankreich: Wo die Revolution der Gelben Westen scheiterte

Inselstaat MaltaKorruption, ein Mord und viele offene Fragen

In den Armenvierteln von Athen: So geht es Griechenland nach der Krise

Wie die Flüchtlingskrise zwei Orte zusammenschweißte

Nur ein Jahr später werden bei der verheerenden Flutkatastrophe im Juni in Simbach unzählige Häuser zerstört. Meterhoch stehen Wasser und Schlamm in den Gebäuden. Und die Braunauer? Die helfen mit vereinten Kräften.

„Es kamen unzählige freiwillige Bürger aus Braunau, aber auch viele Asylbewerber“, erinnert sich Großwieser. „Tagelang haben die Helfer Häuser von Schlamm befreit. Das Engagement hat in meinen Augen auch mit den Erlebnissen der Flüchtlingskrise zu tun. Beide Ereignisse haben die Bevölkerungen unserer Städte verbunden. Nachhaltig.“

Viele Flüchtlinge haben sich integriert

Den Zusammenhalt an der Grenze spürt man auch auf der anderen Seite. Als wir mit Mikrofon und Kamera die Brücke überqueren, findet in Braunau gerade der Wochenmarkt statt. Für die Braunauerin Monika Kaiser war die gegenseitige Hilfe beim Hochwasser 2016 einfach nur „Wahnsinn“. „Die Leute haben engagiert geholfen, viele junge Leute standen bis zum Bauch im Schlamm, um das Nötigste aus den Häusern zu retten“, erinnert sie sich. „Der Vorfall war unfassbar tragisch. Aber wirklich schön zu sehen, was daraus geworden ist.“

Monika Kaiser auf dem Wochenmarkt. Quelle: Matthias Schwarzer

Auch während der Flüchtlingskrise war Monika Kaiser engagiert dabei. Heute kommen kaum noch Asylsuchende über die Grenze zwischen Braunau und Simbach. Auch viele Flüchtlinge von damals wohnen nicht mehr in der Region. Einige jedoch sind geblieben und inzwischen fester Bestandteil der Dorfgemeinschaften. Marlies Regiert berichtet von Jugendlichen, die in der Region ihre Ausbildung begonnen haben und Familien, die inzwischen voll integriert sind.

Der Wasserstand des Inns ist auch an diesem Tag wieder hoch. In Simbach und Braunau hat es tagelang geregnet. „Kritisch ist das aber noch nicht“, sagt Kastner. „Da haben wir hier schon Schlimmeres gesehen.“ Und selbst wenn, dann wissen die Simbacher nun, auf wen sie zählen können. Denn ihre österreichischen Nachbarn werden sicherlich auch bei der nächsten Krise hilfsbereit zur Seite stehen. Komme was wolle.

Von Matthias Schwarzer, Joris Gräßlin und Tom Sundermann/RND

In Österreich dürfen Mädchen, die die Grundschule besuchen, kein Kopftuch tragen. So sieht es ein Gesetz vor. Eine Mehrheit der Deutschen würde ein Verbot auch hierzulande befürworten. Eine Analyse wirft jedoch die Frage auf, ob ein Verbot überhaupt zulässig wäre.

23.05.2019

US-Präsident Donald Trump hat den Demokraten gedroht, die sachpolitische Zusammenarbeit aufzukündigen. Sie sollten nicht weiter in der Russland-Affäre gegen ihn ermitteln. Aus einem Treffen stürmte er heraus. Der wahre Grund könnte jedoch ein ganz anderer sein.

23.05.2019

Rund zwei Jahre bemühte sich Horst Köhler für die Vereinten Nationen um eine Lösung im mehr als 40 Jahre andauernden Westsahara-Konflikt. Nun hat der Altbundespräsident sein Amt als UN-Sondergesandter für die Region kurzfristig niedergelegt.

23.05.2019