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Deutschland / Welt Deutschland rückt bei der Pisa-Studie ins Mittelfeld
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22:01 07.12.2010
Von Reinhard Urschel
Deutschland ist im internationalen Bildungsvergleich ins Mittelfeld aufgerückt. Quelle: dpa
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Gerade haben die derzeitigen Schüler an Deutschlands Schulen von höherer Warte bescheinigt bekommen, dass sie ganz gut rechnen können, da zeigen die Schüler von früher, dass sie auch nicht so schlecht sind darin. Nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme stellt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gerade fest, dass man ja nun die Früchte der neuen Bildungspolitik ernte, und die frühkindliche Bildungsförderung sei der Clou des Ganzen. „Wir sind dem Ziel der Bildungsrepublik Deutschland ein größeres Stück näher gekommen“, frohlockt Schavan, als sie durch eine Nachfrage jäh unterbrochen wird.

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Ihre Rechnung könne leider nicht ganz stimmen, wird sie von einer Zuhörerin - deren Schulabschluss gewiss aus dem vergangenen Jahrhundert sein wird – belehrt. Die jetzt getesteten Jugendlichen gehörten doch alle dem Jahrgang 1994 an, mithin seien sie 2000 eingeschult worden. Wie, um alles in der Welt, sollen diese Pisa-Aufsteiger denn schon Profiteure der neuesten frühkindlichen, vorschulischen Pädagogik sein?

Die Erklärung der Bildungsministerin fällt ein wenig undeutlich aus, es ist aber auch nicht mehr so wichtig, was sie sagt. Den Medienvertretern ist nämlich längst klar, dass es wieder einmal darum geht, die Verantwortlichkeiten für den Zugewinn an Bildung in Deutschland fein zu sortieren. In den vergangenen Tagen, als die ersten vagen Hinweise von der OECD zu hören waren, Deutschland sei im Bildungsranking der Staaten ein wenig nach oben geklettert, da hat der internationale Koordinator der Studie und Pisa-Erfinder Andreas Schleicher Deutschland schon wieder gedrängt, mehr ins Bildungssystem zu investieren und die Lehrerauswahl zu verbessern. Auf Schleicher sind die deutschen Bildungspolitiker schon seit Längerem nicht besonders gut zu sprechen. Vor allem aus dem Kreis der Kultusministerkonferenz, aber auch aus dem Hause Schavan wird als Grund für die Missstimmung genannt, dass Schleicher hier und dort gerne den Eindruck erwecke, ohne den sogenannten Pisa-Schock vor zehn Jahren hätte sich in Deutschland gar nichts bewegt. Nicht die Kultusminister und nicht ihre Landesfürsten. Spitz formuliert klinge das bei ihm manchmal so, als habe er Deutschland aus einem bildungspolitischen Dornröschenschlaf erweckt.

Dazu passt, dass Schleicher tatsächlich ganz gerne Seitenhiebe gegen die deutsche Politik verteilt. Auf den Hinweis, dass viele Länder erfolgreicher als Deutschland bei den weltweiten Pisa-Tests abschnitten, sagte Schleicher dieser Tage der „Zeit“, Bildung müsse in der Politik Priorität genießen. „Das klingt trivial, aber zeigen Sie mir einen deutschen Ministerpräsidenten, der Schulpolitik zur Chefsache gemacht hat!“

Natürlich behauptet auch Schavan nicht, Deutschland sei schon am Ziel seiner bildungspolitischen Nachrüstung angekommen. Aber man müsse doch anerkennen, sagt sie, dass die Qualität des Bildungssystems besser geworden sei, was vor allem ein Verdienst der Lehrer sei. Sie schlägt einen Drei-Punkte-Aktionsplan vor. Die Programme zur Leseförderung müssten weiterentwickelt werden. Nötig seien auch Bildungsketten bis zum Berufsabschluss und lokale Bildungsbündnisse um Schulen herum.

Um der Bundesbildungsministerin, die im Übrigen fachlich nur sehr eingeschränkt zuständig ist, nicht die alleinige Deutungshoheit zu überlassen, beeilt sich die SPD, die leichten Fortschritte auch als Erfolg der eigenen Politik darzustellen. Das von den Sozialdemokraten durchgesetzte Milliardenprogramm für Ganztagsschulen habe einen Teil dazu beigetragen, dass die Schulangebote heute besser seien als noch vor Jahren, sagt SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Auch er dankt den Lehrern und außerdem den engagierten Schulleitern.

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft versucht sich ebenfalls an der Rechnung mit der frühkindlichen Bildung. Sie habe neben dem Ausbau der Ganztagsschulen und der Abkehr vom starren dreigliedrigen Schulsystem in vielen Bundesländern dazu beigetragen, „dass unser Schulsystem durchlässiger und im internationalen Vergleich leistungsfähiger geworden ist“.

Den hübschesten Vergleich dafür, wo Deutschland im Wettbewerb des Schülerwissens steht, hat sich der Leiter des OECD-Centers Berlin, Heino von Meyer, einfallen lassen: „Deutschland ist aufgestiegen – aufgestiegen von der zweiten in die erste Liga. Aber von der Champions League ist Deutschland noch weit entfernt.“ Das bedeutet im Einzelnen, dass die Lesefähigkeit der 15-jährigen Schüler in Deutschland, die Schwerpunkt der Studie war, besser geworden ist, aber eben noch nicht glänzend. Auffällig ist, dass die Steigerung vor allem in den ersten drei Jahren nach dem Pisa-Schock erzielt wurde. Zwischen dem vorletzten Test 2006 und der jetzigen Untersuchung war der Leistungszuwachs kaum noch messbar.

Mehr zur Pisa-Studie unter: www.oecd.org