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Deutschland / Welt „Die Estonia hätte niemals auslaufen dürfen“
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„Die Estonia hätte niemals auslaufen dürfen“

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06:19 19.07.2019
Stefan Krüger, Leiter des Instituts für Entwerfen von Schiffen und Schiffssicherheit an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Quelle: privat
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Hamburg

Drei Jahre lang haben die Hamburgische Schiffsbauversuchsanstalt und die Technische Universität Hamburg-Harburg das Fährunglück untersucht – und den Untergang der „Estonia“ mittels eines aufwendigen Computerprogramms simuliert. Auftraggeber war die schwedische Regierung. Professor Stefan Krüger, Leiter des Instituts für Entwerfen von Schiffen und Schiffssicherheit, hat auf Seiten der Universität die Untersuchung geleitet.

Herr Krüger, warum ist die „Estonia“ untergegangen?

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Wegen einer Kombination unglücklicher Umstände. Das Schiff war miserabel gewartet, so dass das Bugvisier im schweren Wetter abgerissen ist, auch weil die Verriegelung nicht mehr intakt war. Die Konstruktion war so, dass dabei die innere Rampe mit aufgezogen wurde, und es liefen erhebliche Mengen von Wasser auf das Fahrzeugdeck. Dann hat das Schiff Schlagseite gekriegt, und das Schiff ist dann über das Lüftungssystem versunken. Technisch ist das ein völlig klarer Sachverhalt.

Es gab ganz sicher keinen Bombenanschlag? Keine U-Boot-Kollision?

Das ist alles Quatsch – oder jedenfalls völlige Spekulation. Es gibt keinen Hinweis darauf. Und es gibt auf der anderen Seite eine technische Theorie, die dieses Unglück plausibel und lückenlos erklärt. Das Einzige, was verwunderlich ist, war die Reaktion der Schweden…

…die eine Untersuchung des Wracks immer abgelehnt haben…

Exakt. Eine solche Untersuchung wäre natürlich extrem hilfreich gewesen. Meine einzige Erklärung dafür ist, dass es darum ging, eine gewisse Schlamperei der Behörden zu vertuschen. Die „Estonia“ hätte meiner Meinung nach in diesem Zustand niemals auslaufen dürfen. Sehr eigenartig ist auch, dass der Bolzen, der das Bugvisier gehalten hatte, gefunden – und dann einfach aus dem Helikopter geworfen wurde. Aber alles das sagt nichts über die Ursache des Unglücks.

Trägt die Werft, die Meyer Werft in Papenburg, eine Mitschuld an dem Unglück?

Grundsätzlich hat die Werft –soweit wir Einsicht in die technischen Unterlagen hatten –alle relevanten Sicherheitsvorschriften erfüllt, und somit kann ich keinen Konstruktionsfehler erkennen. Das heißt aber nicht, dass die damaligen Vorschriften die relevante Physik korrekt wiedergegeben haben. So wissen wir heute, dass die Druckbelastung auf das Visier um ein Vielfaches größer war als nach den damaligen Vorschriften.

Haben die Staaten und Schiffbauindustrie ausreichende Lehren aus dem Untergang der „Estonia“ gezogen?

Die wichtigste Lehre ist die Regel, dass Fähren so konstruiert sein müssen, dass sie stabil bleiben, auch wenn das Fahrzeugdeck in weiten Teilen geflutet wird. So ist es im so genannten Stockholmer Abkommen festgeschrieben, und das ist ein erheblicher Sicherheitsgewinn. Aber genau ist das auch die Regel, mit der wir gerade riesige Probleme kriegen.

Warum?

Diese Regel gilt nur in Europa, international hat sie sich nicht durchgesetzt. Es gibt aber starke Bestrebungen, sie wieder abzuschaffen. Bei transnationalen Abkommen werden solche lokalen Regelungen nicht akzeptiert. Die EU-Kommission kämpft zwar für ihre Beibehaltung, aber einige Staaten sind massiv dagegen. Es ist im Moment nicht absehbar, ob diese Regel wirklich Bestand haben wird.

Der Fall der Fähre „Norman Atlantic“ auf dem Mittelmeer offenbarte 2014 erhebliche Probleme beim Brandschutz. War das eine Ausnahme?

Damals haben möglicherweise blinde Passagiere anscheinend auf dem Fahrzeugdeck Essen zubereitet, die Besatzung bekam das Deck dann nicht gelöscht. Mindestens elf Menschen kamen damals ums Leben. Tatsächlich ist mangelhafter Brandschutz gerade eines der größten Themen bei den Fähren, insbesondere bei den offenen Laderäumen.

Extrem beliebt sind inzwischen Kreuzfahrtschiffe – wie steht es um deren Sicherheit?

Generell sind diese Schiffe sehr sicher, mit den Kreuzfahrtschiffen haben wir eigentlich die geringsten Probleme. Ein generelles Problem haben wir eher damit, dass man heute zu stark auf den Umweltschutz schaut und dafür die Sicherheit vernachlässigt. Um z. B. den CO2-Ausstoß zu reduzieren, werden die Schiffe derzeit tendenziell mit zu schwachen Motoren ausgestattet. Das ist mittelfristig ein großes Problem, weil sie sich so in schwerer See nicht mehr richtig steuern lassen. Das ist etwas so, als würde man neue Autos mit der modernsten Umwelttechnik ausrüsten – aber ohne Airbags.

Von Thorsten Fuchs/RND

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