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Deutschland / Welt „Die Europäer sind Partner auf Augenhöhe“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Die Europäer sind Partner auf Augenhöhe“
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09:43 18.07.2012
Von Daniel Alexander Schacht
Werben für eine offene Gesellschaft: Yakov Hadas-Handelsman, israelischer Botschafter in Berlin. Quelle: Surrey
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Berlin

Kaum war die letzte Umzugskiste ausgepackt – da musste er wieder einpacken. „Es gibt manchmal Telefonate, die ein Leben verändern“, sagt Yakov Hadas-Handelsman. Noch kein Jahr hatte er in Brüssel gearbeitet, gerade sollte seine Familie aus Jerusalem in die europäische Metropole nachkommen, da leitete ein Anruf aus Israels Außenministerium seinen Wechsel nach Berlin ein. So wurde aus dem Botschafter für EU und Nato Israels Spitzendiplomat an der Spree.

Hier muss er ein Land erklären, dass nicht nur von äußeren Konflikten mit schwierigen Nachbarn bedroht ist, sondern zusehends auch als im Inneren brüchig wahrgenommen wird. Dazu trägt außer dem Streit um Israels Besatzung im Westjordanland inzwischen auch der Interessenkonflikt zwischen säkularen und ultraorthodoxen Israelis bei. „Das ist keineswegs eine neue Konfliktlinie“, sagt der 54-Jährige zu den Sozialprotesten, die Israelis auch in diesem Sommer wieder erschüttern. „Der  Konflikt wird nur im Ausland stärker wahrgenommen, weil der Protest dagegen, dass die Haredim die Thora studieren, während andere das Land verteidigen und Steuern zahlen, aus der Mitte der Gesellschaft kommt.“ Und damit sei dies eine Gerechtigkeits- und Verteilungsdebatte, wie sie auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern geführt werde.

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Dass Hadas-Handelsman solche Nuancen leicht verständlich zu machen weiß, liegt nicht zuletzt an seinem fließenden Deutsch. Und das hat wiederum ältere Ursachen als seine diplomatischen Stationen, die ihn außer nach London und Katar auch nach Wien geführt haben. „Wenn meine Eltern daheim in Tel Aviv nicht wollten, dass die Kinder ihre Gespräche verfolgten, sprachen sie Jiddisch“, erzählt er. „Was sie nicht wussten, ist, dass ich das bald auch verstanden habe – wer aber Jiddisch kann, versteht auch das sehr ähnliche Deutsch.“ Kein Wunder daher, dass Hadas-Handelsman und seine Familie binnen Kurzem in den Berliner  Alltag eingetaucht sind. Die beiden älteren Söhne sind in Israel – einer von ihnen leistet seinen Militärdienst, der andere studiert –, der dritte geht in der deutschen Hauptstadt aufs Gymnasium. Und der Botschafter selbst, ein erklärter Fußballfan, ist schon mehrfach bei Hertha-Spielen gesichtet worden.

In Berlin muss ein israelischer Diplomat freilich auch ganz andere Brückenschläge vollbringen als in Brüssel: Dort ist multilaterales Miteinander das Besondere, in Berlin ist es das spezielle Verhältnis zwischen Israel und Deutschland.  Es ist weiterhin geprägt durch die Erinnerung an den Holocaust, der Kanzlerin Angela Merkel zu der Aussage geführt hat, dass ein Eintreten fürs Existenzrecht Israels zu Deutschlands „Staatsräson“ zähle. Hat es Israels Botschafter eigentlich irritiert, dass Bundespräsident Joachim Gauck zu dieser Formulierung vorsichtige Distanz signalisiert hat?  „Er hat uns seine Haltung erläutert, wir sehen darin kein Problem“, sagt Hadas-Handelsman. „Israel  hat übrigens auch eine eigene Staatsräson: Wir gewährleisten unsere Verteidigung aus eigener Kraft. Keinem deutschen oder amerikanischen Soldaten soll zum Schutze Israels auch nur ein Haar gekrümmt werden. Aber wir brauchen die Mittel, um uns zu verteidigen.“ Von existenzieller Bedeutung sind etwa jene U-Boote, die dem kleinen Land gegenüber Vernichtungsangriffen die für Israels Defensivstrategie wichtige Zweitschlagskapazität sichern.

Hat die vom Schriftsteller Günter Grass ausgelöste Debatte ihn alarmiert? „Das weckt schon Sorgen in Israel, vor allem weil die Erklärung Israels statt des Irans zum Aggressor in der deutschen Bevölkerung auch auf positive Resonanz gestoßen ist.“ Dahinter  erblickt Hadas-Handelsman einen neuen Antijudaismus, der im Gewande der Israel-Kritik auftritt und dabei paradoxerweise mit der Unterstellung operiert, man dürfe ja in Deutschland Israel nicht kritisieren. „Dabei stimmt das einfach nicht, Israel wird fast täglich kritisiert, in Deutschland wie im Rest der Welt, und wir müssen das aushalten, wo es gerechtfertigt ist“, sagt Hadas-Handelsman. Er weiß, dass man in Israel dann bisweilen auf viel schlimmere Zustände in Kairo oder Damaskus hinweist. „Aber wir sollten den Vergleich mit Westeuropa nicht scheuen, das sind unsere Partner auf Augenhöhe, deren demokratischen und zivilgesellschaftlichen Kriterien wir uns stellen“, sagt er. Und an diesen Standards müsse sich auch Israel messen lassen. „Schließlich sind wir dabei nicht Absteiger wie beim Fußball Hertha BSC, wir sind vielleicht auch nicht Senkrechtstarter wie Borussia – aber wir liegen da doch im guten oberen Mittelfeld, etwa so wie Hannover 96.“

Und wie passt zu diesen Ansprüchen  die israelische Besatzung palästinensischen Landes? „An den Siedlungen wird ein Frieden mit den Palästinensern nicht scheitern“, sagt der Diplomat. „Wir haben 1982, nach dem Friedensschluss mit Ägypten, die Siedlungen auf dem Sinai geräumt, und wir haben 2005 sogar ohne Einigung mit den Palästinensern alle Siedlungen im Gazastreifen aufgegeben.“ Damit der Rückzug auch zum Frieden führe, müssten die Palästinenser nicht nur verhandlungsbereit sein, sondern auch den Kurs der Gewalt verlassen. „Seit unserem Rückzug aus Gaza sind von dort mehr als 12.000 Raketen auf Israel abgeschossen worden.“

Wirklich existenzbedrohend für Israel sei aber das Atomprogramm des Irans. „Das Regime in Teheran verfügt über Trägerraketen, es reichert Uran an, seine Atomanlagen sind tief unter dickes Felsgestein verlegt, und es hat Sprengzünder.“ Kann sich Israel auf die westliche Welt verlassen, die bisher zwar Sanktionen verhängt, aber härtere Schritte gegen Teheran nicht in Moskau und Peking durchgesetzt hat? „In der Arabischen Welt wird aufmerksam registriert, dass die USA und die EU zwar Demokratie im Munde  führen, damit aber beispielsweise dem täglichen Morden in Syrien nicht Einhalt gebieten können“, sagt Hadas-Handelsman. „In Israel wächst in dieser Konstellation das Gefühl, sich nicht nur auf westliche Diplomatie zu verlassen, sondern existenzbedrohenden Gefahren selbst begegnen zu können.“ Immerhin, sagt Hadas-Handelsman, habe man im Zuge der Grass-Debatte in Deutschland verstanden, dass U-Boote zu Israels Schutz nötig sind. Vorwärtsverteidigung, das weiß der Fußballfan, schützt davor, Gegnern eine offene Flanke zu bieten.

Wichtiger aber ist es ihm, den Deutschen zu zeigen, dass sein Land mehr ist als eine Konfliktpartei im Nahen Osten. In Berlin wird der neue Botschafter mehr Zeit als in Brüssel haben, um zu demonstrieren, dass Israel eine offene Gesellschaft ist, die mit ihrem Reichtum an Kultur und Wissenschaft, Industrie und Handel für Deutschland und Europa ein enger Partner ist.

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