Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Die Montagsdemonstrationen beginnen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Die Montagsdemonstrationen beginnen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:04 31.08.2009
Von Kristian Teetz
Anzeige

Dafür warten in Ungarn Tausende auf die Möglichkeit, das Land in Richtung Westen zu verlassen. Zunächst sieht es gut für sie aus: Am 1. September vermelden die Agenturen, die Ausreisewilligen könnten Ungarn mit Papieren des Roten Kreuzes am 5. September verlassen.

Bis zu 20.000 Flüchtlinge werden in der Bundesrepublik erwartet. Die Länder bauen Zeltstädte auf, allein in Niedersachsen werden sechs Flüchtlingsheime geplant. Der ADAC in Bayern bereitet sich auf die Ankunft zahlloser Trabants und Wartburgs vor. Für die Zweitaktmotoren stehe ausreichend Benzin und Öl zur Verfügung, sagt ein Sprecher.

Dann die Ernüchterung: Die Ausreise sei niemals auf einen bestimmten Tag terminiert gewesen, heißt es vonseiten der Bundesrepublik (den Regierungen in Ost-Berlin und Bonn hatte Ungarn bereits den 11. September als Tag der Grenzöffnung mitgeteilt, doch bleibt dieses Datum zunächst geheim). Die Stimmung in den ungarischen Flüchtlingslagern ist gereizt, eine Gruppe droht sogar mit Hungerstreik.

Auch in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin bleibt die Situation angespannt, 117 Botschaftsbesetzer warten auf eine Lösung ihrer Probleme. Am 2. September feiern zwei Kinder eine „Ersatzeinschulungsfeier“. Ein Lehrer, der ebenfalls in der Mission weilt, gibt Unterricht für Kinder der ersten bis zur siebten Klasse.

In Leipzig beginnen nach der Sommerpause wieder die Friedensgebete. Am Montag, 4. September, versammeln sich rund 1000 Menschen in der Nikolaikirche, das Gotteshaus ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach dem Gottesdienst treffen sich etwa 1200 Leipziger vor der Kirche. Transparente werden enthüllt, Oppositionelle fordern „Pressefreiheit und Grundrechte für jeden Bürger in der DDR“ und „Reisefreiheit statt Massenflucht“. Es ist der Beginn einer Protestbewegung, die unter dem Namen „Montagsdemonstration“ in die Geschichte eingeht. Neu ist an diesem Tag der Schlachtruf „Wir bleiben hier“, der von denjenigen, die das Land reformieren wollen, bewusst gegen die Maxime der Ausreisewilligen, „Wir wollen raus“, gesetzt wird.

Die Staatssicherheit verhält sich an diesem 4. September zurückhaltend, sie reißt zwar einigen Demonstranten die Protestbanner aus der Hand. Eine Demonstration zum Hauptbahnhof aber wird nicht behindert. Der Grund für die Zurückhaltung der Stasi ist die sichtbare Präsenz internationaler Presse in der Stadt, die Journalisten sind eigentlich zur Leipziger Herbstmesse gekommen.

Die Messe hat am Tag zuvor nicht Staats- und Parteichef Erich Honecker eröffnet, sondern Ministerpräsident Willi Stoph. Honecker ist bereits seit Mitte August krank, erst Ende September meldet er sich zurück. Im Politbüro herrscht Unklarheit, wer ihn vertreten soll - Egon Krenz oder Günter Mittag. In einer Zeit, in der die Massenflucht anhält und der Protest im eigenen Land zunimmt, agiert die SED in doppeltem Sinne kopflos.