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Die Ostdeutschen sollten den 89er-Weg weiter gehen

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16:13 09.10.2019
Eine Montagsdemonstration am 05. Februar 1990 auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig. In der sächsischen Stadt brachten die Proteste während der friedlichen Revolution die Wende zum Guten Quelle: picture alliance / Volkmar Heinz
Berlin

Der ehemalige DDR-Dissident Werner Schulz war am Montag im sächsischen Plauen – einem der Geburtsorte der Friedlichen Revolution. Und er hat dort ein paar wahre Sätze gesagt. Der spätere Grünen-Politiker sagte etwa: „Andere würden sich die Probleme wünschen, die wir haben.“ Der Satz ist eigentlich banal. Und doch ist er nicht banal, da die Deutschen bei der Bespieglung ihrer selbst heute manchmal zu einem anderen Ergebnis gelangen.

Sicher ist: In diesem Herbst 2019 betrachten wir unser Land so intensiv wie schon lange nicht mehr. Dabei gerät allerlei durcheinander. Und gerade an diesem 9. Oktober, an dem die Friedliche Revolution in Leipzig ihre Wende zum Guten nahm, macht es Sinn, das Durcheinandergeratene zu ordnen.

Es geht uns gut - trotz allem

Der erste Satz müsste dabei so lauten wie der von Schulz – sprich: Unserem Land geht es trotz aller berechtigten „Abers“ gut. Wer das beim Blick in die Welt nicht zu schätzen weiß, dem ist nicht zu helfen.

Der zweite Satz müsste lauten: Es gibt teilweise wieder aufbrechende, teilweise chronisch werdende Schwierigkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen, die jetzt offen benannt werden. An der ökonomischen Kluft wird sich bis auf weiteres wenig ändern lassen. Sie hat mit dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zu tun und dem Mangel an großen Industrieunternehmen. Daraus folgen Unterschiede bei Einkommen und beim Vermögen. Korrigierbar ist freilich die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten. Korrigierbar ist ferner, dass die Westdeutschen häufig noch die Deutungshoheit über die ost-, wie die gesamtdeutsche Geschichte haben. Teilweise sind die Korrekturen längst im Gange – weil Ostdeutsche lauter werden und Westdeutsche besser zuhören.

Der dritte Satz müsste lauten: Vieles, was sich aus der 1989er-Revolution ergibt, müssen die Ostdeutschen unter sich ausmachen. Denn die Mutigeren unter den Ostdeutschen haben 1989 zwar die Freiheit errungen. Aber zu wenige Ostdeutsche machen von dieser Freiheit angemessen Gebrauch. Sie sagen nicht: Wir treten in Parteien ein, lassen uns in Parlamente wählen und gestalten unsere Republik. Sie tun so, als ähnelten die Verhältnisse von 2019 jenen von 1989 – statt Joachim Gauck zu folgen, der ebenfalls in Plauen sprach und sagte: „Der Name für die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung.“

Schluss mit Revolutions- und Einheitskitsch

Weil es die Vereinigung gab, überlappen sich die Probleme und damit die Debatten. Doch in Wahrheit hat das Eine mit dem Anderen wenig zu tun. Gut ist, dass die Defizite nun auf den Tisch kommen und nicht mehr vom Revolutions- und Einheitskitsch überlagert werden. Das Gedenken von heute ist nicht mehr harmoniesüchtig und verstaubt, sondern streitig und produktiv.

„Bürger zweiter Klasse waren wir in der DDR“, sagte Werner Schulz in Plauen. Auch das ist wahr. Die Ostdeutschen sollten den 89er-Weg weiter gehen und sich zu Staatsbürgern erster Klasse machen. Sie können es.

Von Markus Decker/RND

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