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Deutschland / Welt Die Partei der kreativen Bürger
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22:05 11.01.2010
Von Daniel Alexander Schacht
Kein Platz für Dogmatismus: Petra Kelly, die erste Grünen-Galionsfigur, und ihr Partner, General Gert Bastian. Quelle: ap/Archiv
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Skandal, Skandal! Da tritt der Mann mit der langen Haartolle und dem leichten Bauchansatz ausgerechnet zur Vereidigung als Minister in Turnschuhen an. Darüber ereiferte sich 1985 die damals noch quer durch alle Lager bürgerliche Etikette pflegende Öffentlichkeit so sehr, dass Joschka Fischer mit seinem Amtsantritt als hessischer Umweltminister schon den Eintrag ins Geschichtsbuch sicher hatte. Dass der Turnschuh-Auftritt sorgsam inszeniert war – die weißen Nikes, am Vortag gekauft und seither nie mehr getragen, stehen heute im Bonner Haus der Geschichte –, tat dem Eindruck eines epochemachenden Vorgangs in den Augen der Zeitgenossen keinen Abbruch.

Wie hier waren in der Geschichte der Grünen oft bloße Inszenierungen nicht leicht von echten Wendepunkten zu unterscheiden. Für Joschka Fischer war es zweifellos wichtig, Minister zu werden. Für die Grünen war es nur einer von vielen Schritten der Einwirkung auf die politische Wirklichkeit – und der Annäherung an die Realpolitik.

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Denn davon waren sie in ihren Anfängen weit entfernt. Zum Gründungsparteitag fand sich am 12. Januar 1980 ein bunter Haufen in Karlsruhe ein: Konservative Umweltschützer wie der frühere Christdemokrat Herbert Gruhl oder der Ökobauer Baldur Springmann waren ebenso dabei wie Atomkraftgegner, Maoisten und Feministinnen, anarchistische Hausbesetzer und christliche Pazifisten – eine wilde Vielfalt, der die charismatische Petra Kelly als erste Parteichefin Zusammenhalt und Richtung gab.

Joschka Fischer war damals noch nicht einmal Grünen-Mitglied – er trat erst 1982 ein. Erster Bundesgeschäftsführer wurde 1980 jener Lukas Beckmann, der bis heute die Geschäfte der Bundestagsfraktion führt. Er war, wiederum anders als Fischer, jetzt auch bei der Grünen-Jubiläumsfeier in Berlin dabei – und stand dort nicht nur für Kontinuität, sondern auch für Prinzipientreue: Immer noch, betonte er, gehe es für die Grünen um eine „Transformation des Kapitalismus“. Die aber lasse sich nicht durch Parteibeschlüsse, sondern nur durch die „Kreativität aller Bürger“ bewerkstelligen.

Damit zieht sich gleichsam ein grüner Faden durch all jene Häutungen, die Ludger Volmer der Partei jetzt in einem zum 30. Geburtstag erschienen Buch über „Die Grünen“ attestiert. Mindestens drei „Häute“ haben sie dabei abgesprengt: Schon 1980, kurz nach der Gründung, verließen Gruhl und andere Konservative die Grünen, die zugleich regen Zulauf aus den K-Gruppen-Splittern der siebziger Jahre erlebten. Anfang der neunziger Jahre, vor der Vereinigung mit dem ostdeutschen Bündnis 90, kehrten Parteilinke wie Jutta Ditfurth, Thomas Ebermann und Rainer Trampert den Grünen den Rücken. Und wiederum knapp zehn Jahre später kam es 1999 nach dem Ja der Grünen zum Kosovo-Einsatz zu Austritten von Pazifisten. Gelten die Grundprinzipien noch, nach denen die Grünen außer ökologisch, sozial und basisdemokratisch auch gewaltfrei sein sollen?

„Die Häutungen der Grünen zeigen, dass es bei uns auf lange Sicht keinen Platz für Dogmatismus gibt“, urteilt Thea Dückert, einst Grünen-Chefin in Niedersachsen und heute Dozentin an der Uni Oldenburg. „Beim Kosovo-Einsatz mussten wir uns der Einsicht beugen, dass sich Menschenrechte nicht immer gewaltlos verteidigen lassen.“ Statt abstrakt von einer „Transformation des Kapitalismus“ spricht die Sozialexpertin aber lieber vom „Green New Deal“ zur ökologischen Neuausrichtung der Marktwirtschaft.

Kein Problem erblicken Basis-Grüne darin, dass ihre Partei trotz ihres bislang besten Bundestagswahlergebnisses weiter in der Opposition sitzt. „Darin liegt auch eine Chance, sich programmatisch noch präziser aufzustellen“, sagt Dückert. An der Parteispitze wird dies freilich unterschiedlich bewertet: „Wir müssen mit unseren Forderungen radikaler werden“, erklärte Parteichefin Claudia Roth bei der Jubiläumsfeier und schloss Schwarz-Grün im Bund aus. Parteichef Cem Özdemir indes begrüßte bei derselben Feier CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe freundschaftlich und erklärte die Regierungsbeteiligung im Bund schon einmal zum Wahlziel des Jahres 2013. Fraktionschefin Renate Künast hatte bereits im zurückliegenden Wahlkampf das „kreative Bürgertum“ zur Zielgruppe erklärt. Und sogar Fraktionschef Jürgen Trittin, jeglicher Rechtsabweichlerei unverdächtig, hat soeben verlautbart, die Grünen seien keine „Hilfstruppe“ der SPD.

Die Ökopartei, der SPD-Vordenker Erhard Eppler einst bescheinigt hatte, „Fleisch vom Fleische“ der Sozialdemokratie zu sein, ist offenbar weiter denn je davon entfernt, mit der SPD eine Koalition in der Opposition zu schmieden.