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Deutschland / Welt Die Polen spekulieren: War es der KGB?
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19:12 28.04.2010
Wrackteile beim Abtransport in Smolensk: Nach der Ursache des Absturzes wird geforscht. Quelle: ap
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Hatte der russische KGB seine Finger im Spiel? War es ein Anschlag von Terroristen? Hat ein Kurzschluss die Instrumente lahm gelegt? Keine Vermutung ist zu abstrus, keine Theorie zu verwirrend, jeder Pole scheint inzwischen seine eigene Erklärung für den Absturz der Präsidentenmaschine am 10. April in Smolensk zu haben. Je länger sich die Untersuchungen hinschleppen, desto häufiger machen wilde Verschwörungstheorien die Runde. Über das Internet verbreiten sich diese Geschichten schneller als der Wind, wobei der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt sind. Jeden Tag werden in den einschlägigen Blogs neue, sensationelle „Details“ ans Licht befördert. Verschwommene Bilder und verwackelte Filme kursieren, um die eigenen Behauptungen zu belegen.

Auslöser dieser abenteuerlichen Spekulationen und zentrales Problem für die Ermittler: Man weiß praktisch nichts über die Katastrophe. Tatsache ist, dass die Tupolew 154 im Anflug auf den Flughafen von Smolensk kurz vor der Landebahn die Bäume streifte und in ein Waldstück stürzte. Das Wrack brannte fast völlig aus, keiner der 96 Passagiere hat das Unglück überlebt.

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Inzwischen hat das anfangs einvernehmliche Miteinander der russischen und polnischen Ermittler deutliche Risse bekommen. Zu hören sind etwa Klagen, dass die russische Seite nicht immer sofort alle Erkenntnisse aus der Auswertung der Flugschreiber weitergebe. Seit Tagen wartet die Öffentlichkeit auf die Veröffentlichung der Daten. Wahrscheinlich aber ist, dass die in der Pilotenkanzel aufgezeichneten Gespräche ein Staatsgeheimnis bleiben werden. Offen ist auch noch die Frage, wer sich zu welchem Zeitpunkt an welcher Stelle auf dem Unglücksflughafen befand.

Allerdings hegen viele Polen ein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber Russland. Zu lange hing das Land nach dem Krieg am Gängelband Moskaus und dem ungeliebten Nachbarn wird jede Hinterhältigkeit zugetraut. Inzwischen treffen die Angriffe der Kritiker auch den polnischen Regierungschef Donald Tusk. An dessen Händen klebe Blut, ereiferte sich in diesen Tagen eine Passantin zur besten Sendezeit im Fernsehen. „Wäre der Premier nicht kurz zuvor alleine nach Katyn geflogen, wäre der Präsident noch am Leben.“ Als Beweis dienen ihr die Fernsehbilder, auf denen Tusk von seinem russischen Kollegen Wladimir Putin an der Unfallstelle in Smolensk Trost spendend umarmt wird. Jeder in Polen weiß, dass der national-konservative Staatschef Lech Kaczynski kein Freund der beiden Männer war. „Die Wahrheit kommt nie ans Licht“, sagt die Frau noch und blickt vielsagend in die Kamera. Ihrer Meinung haben Tusk und Putin offensichtlich etwas zu vertuschen und stecken dabei unter einer Decke.

Knut Krohn