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Deutschland / Welt Die Politik und die Macht des Trivialen
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22:55 14.08.2009
„Konservativ, liberal und links – und ein bisschen ökologisch“: Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling gibt den Kandidaten. Quelle: Berthold Stadler/ddp

Kürzlich gab der Kandidat eine Pressekonferenz in Berlin. Das Fernsehen sendete live. Ein Pulk von 200 Hauptstadtjournalisten stellte Fragen im Hotel Ritz Carlton. Der Kandidat nannte mögliche Koalitionspartner, verkündete das Programm seiner Partei „HSP“ und bekannte, ein Bewunderer von Barack Obama zu sein.

Es war also alles wie immer kurz vor einer Bundestagswahl. Und doch war alles anders an diesem Tag: Der eloquente Herr mit der Prachttolle, der auch auf Fragen eine Antwort wusste, die niemand gestellt hatte, war kein Bundestagskandidat, sondern der Komiker Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer. Er bewarb seinen neuen Film „Isch kandidiere!“.

Den Film, in dem es um einen fiktiven Wahlkampf Schlämmers geht, gab es in Berlin allerdings gar nicht zu sehen. Er soll erst kurz vor Kinostart am kommenden Donnerstag fertig werden. Genau genommen braucht es den Film aber nicht mehr. Manche kennen ihn auch schon zu Teilen, etwa Grünen-Chef Cem Özdemir, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und der FDP-Haushaltspolitiker Otto Fricke: Sie tauchen als Gäste darin auf.

Umgekehrt ist die Kunstfigur Horst Schlämmer längst von der Leinwand hinab ins wirkliche Leben gestiegen. Schlämmer, die unappetitliche Variante eines Lokalreporters aus Grevenbroich, steht auf den Marktplätzen dieser Republik und erklärt vor bereitwillig hingehaltenen Mikrofonen, dass die „HSP“, die „Horst-Schlämmer-Partei“, den kostenlosen Besuch von Sonnenbänken sowie ein Grundeinkommen von 2500 Euro monatlich ab der Geburt fordere. Seine politische Ausrichtung? „Konservativ, liberal und links – und ein bisschen ökologisch.“

Politklimbim ist das, schon klar. Und ebenso eine prima Werbeaktion für den Film. Gleichzeitig sagt der Erfolg der Satire aber etwas aus über Deutschland 2009. Die Kinofigur wird von Politikern, Journalisten und Wählern mit offenen Armen empfangen in einem Wahlkampf, den viele als langweilig empfinden. Dank Schlämmer ist endlich mal was los. Der Mann füllt ein Vakuum. Das scheinen sogar die Politiker so zu sehen, über die sich der Komiker lustig macht.

Grünen-Chefin Claudia Roth sagt, dass sie mit Schlämmer „sofort koalieren“ würde. Die Linke in Person von Geschäftsführer Dietmar Bartsch erklärt sich „immer bereit“ für eine Zusammenarbeit. Und sogar der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sieht Gemeinsamkeiten: „Ich habe ihm gesagt, Herr Schlämmer, wir sind einig in einer Frage: Wir sind beide gegen die Schweinegrippe.“

Es muss ein seltsamer Mechanismus sein, der den sonst so sachlichen Vizekanzler und Außenminister zu solch kumpelhaften Scherzen veranlasst. Ist Banalität der Preis für Aufmerksamkeit? Oder ist da auch Verzweiflung im Spiel? Was hilft ein 67-seitiges Papier über die Zukunft der Arbeit gegen Schlämmers Zusage, die Verkehrssünderdatei in Flensburg abzuschaffen? Was wiegt ein halbwegs erfolgreiches Management in der Wirtschaftskrise gegen die Parole „Gerechtigkeit insgesamt“? Was sind alle Anstrengungen zur Kostendeckelung in der Gesundheitspolitik im Vergleich zu der Forderung nach Schönheitsoperationen auf Kassenkosten?

Der Komiker Schlämmer rückt den echten Politikern nahe auf den Leib: Er beherrscht ihre Sprache besser als diese selbst. Hinterher weiß man nicht immer so genau, was er gesagt hat. Aber überzeugend klang es schon. Für den ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust ist diese Art der Rhetorik „außerordentlich real“ im Politikbetrieb. Ein geschickter Politiker, so der Journalist, argumentiere dialektisch. „Er sagt etwas und hebt es später wieder auf.“ „Und doch“, sagt der Parteienforscher Werner Patzelt von der Technischen Universität Dresden, „ist die politische Klasse nicht gezwungen, da mitzuspielen.“ Er sieht in den Auftritten von Horst Schlämmer und anderen Politiksatirikern einen langfristigen Trend bestätigt: „Wir erleben die Infantilisierung der deutschen Politik.“

Das birgt nach Patzelts Ansicht Gefahren. Das kurzfristige Interesse des Kandidaten, im Gespräch zu bleiben, sei zwar legitim, schade oft aber langfristig, sagt Patzelt. „Da kann schnell etwas hängenbleiben. Wer heute Guido Westerwelle sieht, muss immer noch an die Spaßpartei denken.“

Die Wähler haben Schlämmer längst schon akzeptiert. Die „Bild“-Zeitungsleser kürten ihn kürzlich zum beliebtesten Deutschen. Nach einer Forsa-Umfrage könnten sich 18 Prozent der Befragten vorstellen, die „Horst-Schlämmer-Partei“ zu wählen. Unter den jungen Erwachsenen hält es demnach sogar jeder Vierte für denkbar, bei dem Komiker sein Kreuzchen zu machen. Innerhalb kurzer Zeit haben sich auf Schlämmers Internetseite rund 10 000 Unterstützer angemeldet. Davon können andere nur träumen. Die SPD beispielsweise schlägt sich mit Umfragewerten von zuletzt 22 Prozent Zustimmung herum.

Politikwissenschaftler Patzelt erkennt in den Umfragen eine gewisse Schizophrenie der deutschen Wähler. Einerseits werde von den Politikern erwartet, dass sie „wie der Messias“ Arbeitsplätze und Bankensysteme über Nacht retten. „Und am nächsten Tag sind sie wieder die Volltrottel, die nur dämliche Phrasen dreschen.“

Manche verzichten unter diesen schwierigen Bedingungen lieber ganz auf Argumente: Schon vor neun Jahren begab sich Guido Westerwelle in den Juxmedienbetrieb. Er stieg in den Big-Brother-Container. Damals wurde das allerdings noch als billiger FDP-Wahlkampfgag abgetan. Jetzt hat eine nordrhein-westfälische CDU-Bürgermeisterkandidatin in einer Wahlkampfanzeige versucht, mit dem Konterfei von Horst Schlämmer für sich zu werben. Sie tritt in dem echten Grevenbroich, der Wahlheimat der Kunstfigur Schlämmer, zur Kommunalwahl am 30. August an. Der nicht eben originelle Wahlspruch in der Zeitungsanzeige neben dem gemeinsamen Foto lautete: „Neue Bürgermeisterin! Neuer Bundeskanzler?“ Die Produktionsfirma des Kerkeling-Films musste ihr dies gerichtlich untersagen. So weit ist es schon: Das Kino grenzt sich von den Politikern ab. Nicht umgekehrt.

Womöglich kommt es nicht mehr darauf an, dem Wähler ein komplettes, aber mitunter eben auch kompliziertes Programm anzubieten. Die „Piratenpartei“ beispielsweise kennt im Kern nur ein Ziel: die grenzenlose Freiheit im Internet. Andere Forderungen, so erklärten die Parteioberen ganz im Ernst, würden das Profil nur verwässern. Auch das ist eine Art der Trivialisierung von Politik. Und trotzdem scheint es möglich, dass die „Piraten“ die Fünfprozenthürde überspringen.

Beinahe hätte es auch „Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenforderung und basisdemokratische Initiative“ auf den Wahlzettel geschafft. Was so abgeklärt klingt, ist ein Spaßprodukt von Martin Sonneborn, ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“. Ähnlich wie Kerkeling bewirbt er einen Kinofilm, in dem seine Partei dafür plädiert, die Mauer wieder aufzubauen und die Frauenkirche in Dresden wieder abzureißen. Doch geht Sonneborn noch spaßradikaler vor: Er wollte tatsächlich kandidieren. In der vorigen Woche erst verweigerte der Bundeswahlleiter der „Partei“ die Zulassung zur Bundestagswahl.

Sonneborn stellte sich anschließend vor die Journalisten, zog sein weißes Hemd aus und präsentierte ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Where is my Vote?“ – eine Anspielung auf den mutmaßlichen Wahlbetrug und die Oppositionsbewegung im Iran. Er kündigte an, „beim Verfassungsgericht gegen die Entscheidung des Bundeswahlleiters vorgehen“ zu wollen.

Allein die konsequente Verwendung der politischen Sprachrituale lässt die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit im bundesrepublikanischen Politikbetrieb verschwimmen. Es ist gar nicht mehr so klar zu benennen, wo der Spaß aufhört und der Ernst beginnt. Oder um es mit den Worten von Horst Schlämmer zu sagen: „Schlechter als die anderen bin ich auch nicht.“

von Stefan Stosch und Dirk Schmaler

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