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Deutschland / Welt Die Träumerin der Revolution: Zum Tode von Bärbel Bohley
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22:30 12.09.2010
Von Klaus Wallbaum
Machtvoll, aber ohne Machtstreben: Bärbel Bohley ein Jahr vor ihrem Tod. Quelle: ap
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Es ist erst wenige Tage her, da feierten Politiker und Zeitzeugen ein wichtiges Jubiläum: Vor 20 Jahren wurde der Einigungsvertrag unterschrieben, jenes Dokument, das die Wiedervereinigung im Detail geregelt und das Ende der DDR besiegelt hat. Ein Grund zur Zufriedenheit?

Bärbel Bohley war nicht bei dem Festakt dabei. Sie hat sich nie über den Einigungsvertrag gefreut, sondern empfand ihn als ein Dokument der Niederlage. Dabei war gerade sie eine Vorkämpferin für das Ende des SED-Staates gewesen, war seit Mitte der achtziger Jahre zur Symbolfigur der Opposition im totalitären Staat geraten. Aber einen bloßen Anschluss der DDR an die Bundesrepublik, den wollte sie nicht. Das Ende der Unterdrückung, die Wirklichkeit danach hatte sie in ihren Träumen anders gesehen. Bohley war unbequem, wollte sich nicht mit der Macht arrangieren. Auch nicht, als sie ihr Ziel erreicht und gemeinsam mit Mitstreitern das SED-Regime zu Fall gebracht hatte. Sie wollte eine bessere Gesellschaft haben – und fand diese nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie es sich erhofft hatte. Bis zu ihrem Tod. Am Wochenende ist sie im Alter von 65 Jahren an einem Krebsleiden gestorben.

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Bärbel Bohley wird wohl in den Geschichtsbüchern als die stärkste Repräsentantin der DDR-Opposition verewigt werden. Weil sie so glaubwürdig und authentisch war, weil sie gelitten hat und doch unbeugsam blieb, weil sie die Gabe besaß, die Gefühle so vieler anderer Menschen auszudrücken.

„Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“, hat sie einmal erklärt. Dieser Satz, den sie mit ihrer hellen, fast zerbrechlich klingenden Stimme sagte, hämmerte sich ins öffentliche Bewusstsein ein: Viele Bürgerrechtler aus der früheren DDR verzweifelten, weil nach dem Bruch der Diktatur übergangslos das bundesdeutsche Rechtssystem kam, weil die Aufarbeitung der SED-Vergangenheit verzerrt oder ausgeblendet wurde und weil die Hoffnung fehlschlug, auf Dauer weite Teile der Bevölkerung für die demokratische Mitgestaltung zu gewinnen, für die Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten.

Bohley kam kurz nach Kriegsende, am 24. Mai 1945, in Berlin zur Welt. Nach dem Abitur lernte sie Industriekauffrau, wandte sich dann aber der Kultur zu und studierte an der Kunsthochschule. Von 1974 an war die Malerin als freischaffende Künstlerin tätig. In Konflikt mit der Staatsmacht geriet sie Anfang der achtziger Jahre, als sie das Netzwerk „Frauen für den Frieden“ mitbegründete und in Eingaben an Parteichef Erich Honecker gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft protestierte. Sie wurde festgenommen, verhört und für mehrere Monate in Untersuchungshaft gesteckt, ließ sich aber nicht von ihrem Weg abbringen.

1986 zählte sie zu den Mitbegründern der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“. Zwei Jahre später gehörte sie zu den Demonstranten bei der alljährlichen Feier zum Gedenken an die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, wurde verhaftet und in die Bundesrepublik abgeschoben. Bärbel Bohley kehrte ein halbes Jahr später zurück. Stur. Sie wollte ihr Land nicht verlassen, sondern umgestalten.

Im Revolutionsjahr 1989 entstand das „Neue Forum“, und Bohley war die Identifikationsfigur der neuen Bewegung. In ihrer Berliner Wohnung trafen sich die Akteure, und der Malerin gelang es, ein Auseinanderdriften der Kräfte, die in alle politischen Richtungen strebten, zu verhindern. Auch in westlichen Medien wurde sie zur Symbolfigur erkoren, zur „Mutter der Revolution“ oder „Jeanne d’Arc“. In einem ihrer letzten großen Interviews bekannte sie Anfang 2009, dass ihr solche Zuschreibungen auf die Nerven gegangen seien. Sie selbst habe sich so nie empfunden, habe sich nie für Repräsentationszwecke nutzen lassen wollen.

Mitte der neunziger Jahre, als aus der DDR fünf neue Länder geworden waren und die Akteure des Herbstes 1989 in der Politik nur noch Randfiguren spielten, verließ Bohley ihre Wohnung im Prenzlauer Berg in Berlin, ging nach Bosnien und versuchte, die Folgen des dortigen Bürgerkrieges zu mildern. In Deutschland, berichtete sie später, habe sie keine Aufgabe mehr für sich gesehen. Auf dem Balkan organisierte sie den Wiederaufbau von Dörfern, heiratete einen bosnischen Mann und lud Waisenkinder in ihr Haus ein. Sie, die am Aufbau der Demokratie in der früheren DDR verzweifelt schien, bemühte sich nun um diesen Aufbau in einem fremden Land – und fühlte sich gefordert und gebraucht. Erst 2008, nach mehr als zehn Jahren, kehrte Bohley zurück nach Berlin. Damals schon war sie von der Krebserkrankung gezeichnet. Viele Medaillen habe sie in ihrem Leben bekommen, erklärte Bohley vor anderthalb Jahren. Wirklich gefreut habe sie sich aber nur über die Auszeichnung, die ihr in Sarajevo verliehen wurde.

Bohley ist immer in wechselnden extremen Situationen beschrieben worden: als Kämpferin gegen das Regime Mitte der achtziger Jahre, aufrecht und unantastbar; dann als Träumerin im Jahr 1989, beseelt von der Idee, die Massen für die Demokratie zu begeistern; und schließlich als Resignierende in den Neunzigern, als die alten DDR-Bürgerrechtler sich fühlten, als seien sie aufs Abstellgleis geschoben. „Als Heulsuse“ habe man sie gesehen, sagte Bohley später über sich. Dabei sei die Wirklichkeit doch immer anders, immer vielschichtiger als dass solche Urteile ihr gerecht würden.

So wirkte die späte Bärbel Bohley, deren Lebensmittelpunkt der Balkan geworden war, im Rückblick milde und verständnisvoll. Helmut Kohl, den Kanzler der Einheit und Machtmenschen schlechthin, hatte sie schätzen gelernt. Mehrfach hat Kohl Bohley aufgesucht, ihr zugehört. Und die Malerin fand Verständnis bei ihm für ihre Situation. Es ist auch nicht so, dass Bohley das Empfinden der eigenen Niederlage im Herbst 1989 auf äußere Umstände oder das Unverständnis der Menschen zurückführte, die bei den Wahlen CDU, SPD, FDP und PDS ankreuzten, nicht aber das Neue Forum, dem die Revolution eigentlich zu verdanken gewesen ist. Nein, Bohley räumte auch eigene Fehler ein.

Vielleicht, sagte sie einmal, hätten die Revolutionäre von 1989 die Notwendigkeit von Machtausübung akzeptieren müssen und selbst mitverhandeln müssen, als es um die Wiedervereinigung ging. „Wir haben uns selber lahmgelegt“, meinte sie selbstkritisch zur Machtphobie der Bürgerbewegung.

Diese Bewegung hat es deshalb niemals zur Teilhabe an der Macht gebracht. Bärbel Bohley selbst aber wird über ihren Tod hinaus die zentrale Figur in der Geschichte über das Ende der SED-Diktatur bleiben.