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13:02 14.06.2014
Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff: Ihr Schicksal hängt vom Verlauf der kommenden vier WM-Wochen ab. Quelle: dpa
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Rio de Janeiro

Eigentlich könnten die  Brasilianer schon jetzt ein Stück zusammenrücken und sich freuen: Sieg gegen Kroatien im Eröffnungsspiel der WM!
Doch rund um den kleinen Krämerladen auf dem „Morro de Prazer“, dem Hügel der Freuden, wie die Armensiedlung im Westen von Rio genannt wird, bleibt die Stimmung verhalten. „Wenn wir glücklich wären“, sagt Kioskbesitzer Antonio Teixeira Filho, „würden wir jetzt Samba tanzen.“

Teixeira hat Gäste eingeladen, es wird Fußball geschaut, Brasilien liegt vorn. Doch so richtig mag sich keiner seiner Freunde über den Sieg des Gastgeberlandes freuen. Longo, wie Teixeira in dem Elendsviertel genannt wird, erklärt warum: „Wir haben eine beschissene Gesundheitsversorgung, keine Bildung, und Arbeitsplätze fehlen überall.“ Seine Wut auf die Regierung und auf Präsidentin Dilma Rousseff ist groß, Fußball hin oder her. Ihre Versprechen, die sie zum Amtsantritt vor vier Jahren gegeben hat, habe die Staatschefin nicht eingehalten.

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Zur selben Zeit in der Arena de São Paulo, dort, wo die brasilianischen Fußballer um den wichtigen ersten Sieg kämpfen, jubelt Präsidentin Rousseff. Sie trägt ein Kostüm, grün ist es, wie die Landesfarbe Brasiliens. Sie reißt die Arme hoch, als der Ball im Netz zappelt. Nun endlich. Lange hatte sie still auf ihrem Platz gesessen, beherrscht, hölzern. Wie unzufrieden die Brasilianer mit ihrer Politik sind, hatte sie erst vor Minuten erlebt. Tausende im Stadion buhten sie aus. Auf eine Rede zur Eröffnung des Turniers hatte Rousseff bewusst verzichtet – sie weiß, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Auch FIFA-Präsident Joseph Blatter schwieg.

Rousseffs weiß: Ihr Schicksal hängt vom Verlauf der kommenden vier WM-Wochen ab. Sollte Brasilien ins Finale kommen oder sogar Weltmeister werden, wäre das ideal für sie. Dann könnte die politisch angeschlagene Staatspräsidentin vielleicht sogar auf eine Wiederwahl im Oktober hoffen. Wenn aber keine Stimmungswende eintritt und sich zum Frust der Brasilianer über ihre Politik auch noch Frust über den Fußball gesellt, ist Rousseff erledigt. Brasilien wird jetzt im wahrsten Sinne des Wortes vom Fußball regiert.

Hoffend und harrend verfolgt jetzt eine der mächtigsten Frauen der Welt das Geschehen auf dem Platz. Jüngst wurde die 66-jährige Rousseff wieder von US-Magazinen in den jährlichen Rankings in eine Reihe gestellt mit so einflussreichen Entscheidungsträgerinnen wie Kanzlerin Angela Merkel, IWF-Chefin Christine Lagarde und der Chefin der amerikanischen Notenbank, Janet Yellen. Doch Brasiliens Präsidentin steht unter zunehmendem Druck: Ihre Herausforderer von links und rechts holen in den Umfragen auf.
Dabei hatte für Rousseff alles so gut angefangen. Als sie sich nach ihrer ersten Wahl zur Präsidentin die Bekämpfung der Korruption im Land auf ihre Fahnen schrieb, hatte sie 80 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung.

Die Brasilianer mochten sie, auch wenn sie manchmal ein bisschen hölzern wirkte. Vor allem mochten sie ihre Lebensgeschichte: Vor 40 Jahren ging Rousseff als junge Frau auf die Straße, kämpfte gegen die brasilianische Militärdiktatur und ertrug für ihr Engagement Folter und Gefängnis.

In der Politik galt Rousseff lange als Frau für die zweite Reihe: klug, akribisch und informiert – aber kaum massenwirksam. Doch ihr Vorgänger Lula da Silva, der populäre Arbeiterpräsident, förderte Rousseff und machte sie erst zur Energieministerin, dann zur Chefin des Präsidialamtes. Schließlich setzte er sie als Präsidentschaftskandidatin durch.

Dann kam die WM. Eigentlich, könnte man meinen, hätte die Ausrichtung einer Fußballweltmeisterschaft dem aufstrebenden Schwellenland Brasilien einen emotionalen Schub nach vorn geben müssen. Tatsächlich aber wuchsen gerade durch die Weltmeisterschaft die innenpolitischen Spannungen.

Während die Kosten für neue WM-Stadien in groteske Höhen kletterten, blickten die Brasilianer auf nach wie vor marode Kliniken, Schulen und öffentliche Verkehrswege. Dass dann noch FIFA-Gewaltige den brasilianischen Straßenhändlern die üblichen Geschäfte verbieten wollten, steigerte die Unruhe im Land noch weiter.
Zugleich rief die untere Mittelschicht nach ihrer Beteiligung am gewachsenen Wohlstand Brasiliens. Ob Fluglotsen oder Busfahrer, Polizisten oder Müllkutscher – zuletzt drohte beinahe jede brasilianische Berufsgruppe mit Streiks, die am Ende die WM lahmlegen könnten.

Da half es nichts, dass Rousseff PR-Termine anberaumte und in die Kameras lächelte. Einmal nahm sie, an der Seite von FIFA-Präsident Blatter, die goldene WM-Trophäe schon einmal mit einem Siegerlächeln in die Hand: „Ich will von hier allen Brasilianern und denjenigen, die uns in den kommenden Tagen besuchen werden, versichern, dass wir die WM aller WMs ausrichten werden“, sagte Rousseff. Doch im Land waren angesichts solcher Gesten keine Jubelrufe zu hören, sondern Flüche. Mächtige Gewerkschaftsbosse drohten, die Weltmeisterschaft werde „gar nicht stattfinden, weil wir sie verhindern“.

Immerhin hat die WM inzwischen begonnen. In mehreren Metropolen konnten Streiks im Transportwesen in letzter Minute abgebogen werden. Besucher des Stadions in São Paulo wunderten sich beim Eröffnungsspiel gegen Kroatien über die rundum reibungslos scheinenden Abläufe.

Doch die Spannungen sind nicht verflogen. Diese Woche ging die Polizei erneut mit Tränengas und Pfefferspray gegen Demonstranten vor, WM-Gegner wurden festgenommen. Die Forderungen und Fragen der Kritiker sind noch immer dieselben: Warum wird eine milliardenteure Weltmeisterschaft ausgerichtet, wenn es den Menschen im Land an Bildung und Arbeit fehlt? Auch in Rousseffs Antworten gibt es wenig Variationen: Brasilien werde auch langfristig von der WM profitieren. Kritiker dagegen sprechen nur von einem Make-up, das dem Land kurzfristig verpasst  werde.

In der Favela, in der Teixeira wohnt, hat sich in den vergangenen Monaten einiges getan. Es ist zwar nicht sauberer geworden. Doch das Quartier ist offiziell „befriedet“ – durch die sogenannte Befriedungspolizei. Die Truppe, eine Art Bürgerpolizei, ist angetreten, um Jugendbanden zu vertreiben. „Aber die Kriminellen sind jetzt nicht weg“, sagt Teixeira. „Sie sind jetzt nur woanders.“

Von Klaus Ehringfeld

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