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20:41 22.12.2013
Bürgermeister Bloomberg hat die US-Metropole verändert, nun will er die Welt verbessern. Quelle: dpa
New York

Michael Bloomberg hat New York weitestgehend unbeschadet durch die Krisen von 2001 und 2008 gesteuert, er hat die Kriminalitätsraten auf ein Rekordtief gedrückt, und er hat die Lebensqualität dramatisch gesteigert: New York ist ökologischer, sicherer, sauberer und aufgeräumter als je zuvor. Für ein symbolisches Jahresgehalt von einem Dollar hat er das alles getan. Und doch haben sich die Bürger der Stadt von ihm abgewandt. Zum Jahreswechsel scheidet er aus dem Amt.

Als Protestwahl gegen die Politik Bloombergs wird die Wahl von Bill de Blasio als Nachfolger gemeinhin gewertet. De Blasios Wahlprogramm konzentrierte sich auf ein einziges Thema: die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit in der Stadt. Und genau dafür war der Milliardär und einstige Medienunternehmer Bloomberg, der sich gerne mit Wall-Street-Bossen und Immobilienunternehmern umgibt, ein Symbol wie kaum ein anderer. Doch der 71-Jährige ist kein Typ, der sich mit Empfindsamkeiten aufhält. Er ist ein Macher, er schaut nach vorne.  Als Bloomberg 1981 von der Investmentbank Solomon Brothers vor die Tür gesetzt wurde, so erinnerte er sich kürzlich in einem Interview, dachte er nur „Leckt mich doch“, als er die Tür hinter sich zumachte. Mit der Abfindung von zehn Millionen Dollar begründete er dann sein Informationsimperium. Heute wird sein Vermögen auf 31 Milliarden Dollar geschätzt.

Gesamtes Vermögen für gute Zwecke

Genauso möchte Bloomberg es nun wieder handhaben. Er ist im Grunde froh, dass er den mühseligen Kleinkrieg hinter sich hat, den die Lokalpolitik auch in einer der wichtigsten Metropolen der Welt mit sich bringt. Viel Geduld hat er ohnehin nie dafür gehabt, sich mit Gewerkschaften, Stadtverordneten und der Staatsregierung in Albany herumzuschlagen. Bloomberg hat Größeres vor Augen. Seit Jahren schon bereitet er sich auf seine nächste Aufgabe vor, die ganz und gar unbescheidene Arbeit an dem Ziel, die Welt zu verbessern.

Schon im Jahr 2006 kaufte Bloomberg  an der 78. Straße in Manhattan, nur Schritte von seiner Privatwohnung entfernt, eine dreistöckige Gründerzeitvilla. Er ließ das Haus für 45 Millionen Dollar renovieren und zog mit seiner Privatfirma Bloomberg Philanthropies ein. Seither arbeitet sein Stab dort hart daran, Bloombergs Geld auszugeben. Bloomberg möchte bis zu seinem Ableben sein gesamtes Vermögen für gute Zwecke eingesetzt haben, bis auf eine komfortable Existenzsicherung für seine Kinder soll nichts übrig bleiben.

Mit dem Vorhaben befindet sich Bloomberg in bester Gesellschaft. Es gibt in den USA eine lange Tradition der Philanthropie, die bis auf die Räuberbarone des Frühkapitalismus zurückgeht. Gleich ob Ölmilliardär John D. Rockefeller, Eisenbahnmagnat Cornelius Vanderbilt oder Stahlmann Andrew Carnegie – sie alle verbrachten ihre zweite Lebenshälfte damit, das Geld, das sie in der ersten Hälfte angehäuft hatten,  für wohltätige Zwecke wieder auszugeben. Die Philanthropie war für amerikanische Superreiche schon immer eine Verpflichtung gegenüber der Vorsehung, die sie mit ihren Reichtümern gesegnet hatte. Darüber hinaus empfand man das Vererben von Vermögen hier stets als undemokratisch. In Amerika sollten keine Dynastien begründet werden, wie Andrew Carnegie 1889 in seinem Aufsatz „Das Evangelium des Wohlstands“ schrieb, jede Generation sei dazu aufgefordert, von vorne anzufangen und etwas aus sich zu machen.

Dieses Ethos erlebt in den vergangenen 20 Jahren wieder eine Renaissance – seit die Vermögen der reichsten Amerikaner wieder so atemberaubend geworden sind, dass sie mit ihrem Geld in der Welt wirklich etwas bewegen können. So haben die Gates, Zuckerbergs und Soros eine neue Ära der Philanthropie eingeläutet, in der sie von paralysierten Regierungen unbehindert in einem noch nie da gewesenen Ausmaß globale Erscheinungen wie Armut, Klimawandel oder Menschenrechtsverletzungen beeinflussen können.

Einsatz für Schwulenehe, für legale Abtreibung und schärfere Waffengesetze

Bloomberg hat schon zu Beginn seiner zweiten Amtszeit damit begonnen. Seit 2005 gibt er jährlich zwischen 60 und 330 Millionen Dollar aus eigener Tasche für Zwecke aus, die ihm am Herzen liegen. In diesem Jahr werden es rund 400 Millionen sein, in den kommenden Jahren, wenn er sich ganz aufs Ausgeben konzentrieren kann, wird sich der Betrag wohl vervielfachen.

Auf den ersten Blick sehen Bloombergs breit gestreute Anstrengungen beliebig aus. Er gibt Geld für die Beratung anderer Megastädte, meist, um ihnen dabei zu helfen, seine erfolgreichen Initiativen nachzuahmen: das Rauchverbot, die Einführung eines flächendeckenden Radwegenetzes, die Reduzierung der Verbrechensraten, die Durchsetzung von energieeffizienten Baubestimmungen. Aber er setzt sich auch für Dinge ein wie die Genmanipulation von Stechmücken, um die Malaria zu besiegen oder um Polio in Nigeria und Pakistan auszurotten. In den USA finanziert er Lobbygruppen, die die Einwanderungsreform durchdrücken wollen. Er setzt sich für die Schwulenehe, für legale Abtreibung und schärfere Waffengesetze ein.

Gemeinsam haben alle diese Bemühungen zwei Dinge: Sie entsprechen seinen persönlichen Überzeugungen; und sie setzen da an, wo er konkret etwas bewegen kann. Genauso hat der studierte Ingenieur auch die Stadt New York regiert. Bloomberg hat Probleme identifiziert, sie genau analysiert und dann angepackt.

Damit hat er auch polarisiert. Als er es unmittelbar nach dem 11. September zu seiner obersten Priorität machte, das Rauchen in der Stadt zu verbieten, haben viele an seiner Kompetenz gezweifelt. Die Art und Weise, wie er das Radwegenetz gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt hat, hat viele Bürger brüskiert. Und dass er die Nutzungsbestimmungen von 40 Prozent städtischen Landes aufgehoben hat, um die Flächen für konjunkturförderliche Bauprojekte zu öffnen, hat ihm ebenfalls harsche Kritik eingetragen.

Kritik hat Bloomberg noch nie gestört. Er konnte damit leben, unpopulär zu sein, er glaubte immer daran, dass er am besten weiß, was gut ist, und dass die Menschen das schon einsehen werden. Demokratisch war das ebenso wenig wie die Tatsache, dass er eine Gesetzesänderung durchgedrückt hat, um für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. „Wladimir Putin ist demokratischer als Bloomberg“, sagte deshalb etwa die Essayistin Fran Lebowitz.

Jetzt kann Bloomberg fernab von Wählergunst und Interessengruppen nach Herzenslust Probleme lösen. Daran, dass das in der großen Politik passiert, glaubt er ohnehin schon lange nicht mehr. Bloomberg ist leidenschaftlicher Anhänger der „Glokalismus“-Bewegung, die ihn wiederum zu ihrem Helden erkoren hat. Glokalisten glauben, dass die einzige Hoffnung für positive Veränderungen auf der Welt in Reformen auf lokaler Ebene besteht. Verkürzt: Wenn alle Städte der Welt es Bloombergs New York nachmachen und den CO2-Ausstoß in einem überschaubaren Zeitraum dramatisch reduzieren, dann braucht niemand mehr auf UN-Klimaresolutionen zu warten.

In diesem Sinne hat Bloomberg in den vergangenen fünf Jahren 130 Millionen Dollar dafür ausgegeben, neue Verkehrskonzepte für Städte wie Hanoi, Kairo, Guadalajara oder Rio auszuarbeiten. 30 Milliarden hat er noch auszugeben. Er kann sich die Spielorte aussuchen. Nur New York hat von seinem Moralapostel als Bürgermeister genug.

Sebastian Moll

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