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00:11 14.05.2012
Powerfrau in Jubelpose: SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft feiert ihren Sieg bei der Landtagswahl in NRW. Quelle: dpa
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Düsseldorf

Gleichzeitig konstatiert sie eine „krachende Niederlage“ für Angela Merkel und die CDU, die „bei denen richtig Wellen“ machen werde. Dann erklärt NRW-Grünen-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann, man habe sich „nicht kirre machen“ lassen und sich „keine Mätzchen“ geleistet. „Was wir machen können, haben wir gemacht.“ Danach erst meldet sich Wahlsiegerin Kraft zu Wort und erklärt, sie verspüre eine „unglaubliche Dankbarkeit“ für den Rückhalt ihrer Partei. „Wer Hannelore Kraft gerade mit ihrem Sohn gesehen hat“, sagt dann SPD-Chef Sigmar Gabriel unter Anspielung auf die alte Floskel, nach der es Gewinner gibt, die vor Kraft nicht laufen können, „der glaubt, dass sie selbst noch nicht laufen kann.“ Und dann bringt er ein Wortspiel an: Drei Faktoren, konstatiert Gabriel, hätten der SPD zum Sieg verholfen: „Kraft, Stärke und Geschlossenheit.“

Als diese Worte in Berlin fallen, schwelgen SPD und Grüne in Düsseldorf längst im Hochgefühl dieser Stärke. „So seh’n Sieger aus – lalalalala“, singen die Genossen, als Hannelore Kraft zu ihnen kommt, um sich zu bedanken. Sie hat die Landtagswahl für die SPD so klar gewonnen wie lange kein Sozialdemokrat vor ihr. „Das ist so ein tolles Gefühl – nach zwölf Jahren zum ersten Mal wieder vorne“, freut sich die 50-Jährige mit strahlendem Lächeln und Rührung im Blick. Seit der Landtagswahl 2000 waren die Ergebnisse der SPD in NRW nur noch bergab gegangen.

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SPD und Grüne haben bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen die absolute Mehrheit geholt. Die CDU stürzte dagegen auf ein Rekordtief.

Umso größer ist der Jubel jetzt. Kraft steht mit ihrem Mann Udo und ihrem 19-jährigen Sohn Jan auf der Bühne. „Meine Familie hat immer ein Stückchen gelitten, aber auch mitgekämpft, und zwar handfest“, erzählt sie. Ihr Mann habe sich ganz besonders in ihrer Heimatstadt hervorgetan. „Udo hat den bestplakatierten Ort in Nordrhein-Westfalen geschaffen – in Mülheim an der Ruhr.“ Und auch ihre 76-jährige Mutter Anni vergisst sie nicht im Moment des Triumphs. „Mama hat immer alle Sachen richtig gebügelt gehabt. Das ist auch nicht zu unterschätzen.“

Schon bevor Kraft zur Party kommt, herrscht bei der SPD Ausnahmestimmung, als um 18 Uhr die Prognose im Fernsehen übertragen wird. Ohrenbetäubender Jubel bricht los, als für die SPD 39 Prozent vorhergesagt werden und für die CDU nur 26. Kein Mitleid für Bundesumweltminister Norbert Röttgen, als der CDU-Politiker kurz darauf im Fernsehen seinen Rücktritt als Landesvorsitzender erklärt. Stattdessen Schadenfreude: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, singen die Genossen dem glücklos zwischen Düsseldorf und der Hauptstadt pendelnden Wahlkämpfer hinterher.

In der Berliner SPD-Zentrale hätte man an diesem Wahlabend bei aller Freude eine Frage doch am liebsten auf den Index gesetzt. Dann aber ist das Thema doch langsam über die Flure gekrochen, wie ein Gerücht, zuerst hinter vorgehaltener Hand geäußert und dann immer offener: „Kann sie auch Kanzler?“ Wenn sich auch nur einer aus dem SPD-Präsidium überhaupt auf das Ansinnen eingelassen hätte, eine zustimmende Antwort zu geben, wäre die ganze schöne Stimmung dieses Abends dahin gewesen, weil die Dynamik des Sieges in die falsche Richtung gelenkt worden wäre. Es haben sich alle so gefreut für Hannelore Kraft.

Dabei wäre die Antwort auf die K-Frage ganz einfach gewesen. Sie wird einen Teufel tun und nach dem Kandidatenamt greifen. Ihr schon mehrfach vorsorglich geäußerter und glaubwürdiger Verzicht wiederum heißt nicht, dass die Sozialdemokraten nun einen geruhsamen Sommer erleben werden. Der Druck auf Parteichef Gabriel wird steigen, in der Frage der Kanzlerkandidatur Klarheit zu schaffen. Und sei es nur über das Verfahren. Das wird einige Unruhe auslösen, beim Parteivorsitzenden und bei allen, die ihn bedrängen. Gabriel vermeidet es den ganzen Abend über tunlichst, auch nur in die Nähe der K-Frage gerückt zu werden. Er ist wortmächtig genug, sich herauszuwinden.

Kraft, Stärke und Geschlossenheit“ – diese Dreierformel führe auch auf den richtigen Weg, um die nächsten Ziele zu erreichen: die Landtagswahl in Niedersachsen 2013 und die Bundestagswahl im selben Jahr. Wie ist das wohl gemeint – mit Kraft? Generalsekretärin Nahles reagiert gespielt nachsichtig auf die sozialdemokratische Schicksalsfrage. Die wird vom politischen Gegner – die CSU ruft Hannelore Kraft schon zur Kandidatin aus – den ganzen Abend heimtückisch befeuert. Nein, nein und nochmals nein, hält Nahles geduldig dagegen. Es sei eine Landtagswahl entschieden worden, und sonst nichts. Gabriel freute sich am Abend in der Talkshow „Günter Jauch“ erst mal, dass „sich die politischen Strömungen und Gezeiten ändern. Nicht alles ist alternativlos, was Frau Merkel anbietet.“

Während in Berlin Kandidatendebatten ins Kraut schossen, mühten sich in Düsseldorf die Grünen darum, den eigenen Beitrag zum rot-grünen Wahlsieg ins rechte Licht zu rücken. „Die rot-grüne Minderheitsregierung insgesamt hat gut gearbeitet“, sagte Grünen-Landtagsfraktionschef Reiner Priggen – und machte so auch Grünen-Politik für den Wahlerfolg mitverantwortlich. Der Grünen-Jubel ist am Rhein wie an der Spree laut. Die wie stets hochtourig laufende Parteivorsitzende Claudia Roth ist kaum zu halten. „Wir packen’s in Niedersachsen, wir packen’s in Bayern, wir packen’s im Bund 2013 – jetzt lasst uns feiern“, reimt die Grünen-Frontfrau leicht holpernd.

Jürgen Trittin steht daneben und frohlockt für jeden, der es hören will: „Wir haben eine Dynamik in diesem Prozess.“ Am Ende würden die Truppen von Kanzlerin Merkel immer mehr geschwächt, und eine Renaissance von Rot und Grün werde allen Unkenrufen zum Trotz auch im Bund immer greifbarer. Ein enorm wichtiges Signal für den Bund – so sagt es Roth, so werden es die Grünen in den nächsten Tagen allen einzuhämmern versuchen. So klar wie in NRW dürfte Rot-Grün auf Bundesebene indes wohl nicht zum Sieg gelangen – hier fehlt das mit Hannelore Kraft vergleichbare SPD-Zugpferd.

Mit den Worten „Ich widerstehe“ hat die Siegerin von Düsseldorf längst klargestellt, wie sie auf ein Angebot aus Berlin reagieren würde. „Das ehrt mich sehr, dass man mir das zutraut“, sagt sie dem Sender Phoenix, doch sie bleibe in NRW. „Das gilt für die Legislaturperiode.“ Und auf der Wahlparty fügt sie hinzu, dass sie eher eine Verschnaufpause als einen Karrieresprung brauche. Und danach? Ist mit Kraft zu rechnen. „I do it my way“, sang sie am Abend einen bekannten Frank-Sinatra-Song auf der Party.

Kai Kollenberg und Reinhard Urschel mit dpa

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