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Deutschland / Welt Dreht Moskau den Hahn zu?
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Dreht Moskau den Hahn zu?
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00:15 20.03.2014
Von Jens Heitmann
Foto: Seit 1973 leiten die Pipelines russisches Gas in die Bundesrepublik. Bislang wurden die Lieferungen niemals unterbrochen. Nun könnte die Krim-Krise schaffen, was nicht mal der Kalte Krieg vermochte: die Leitungen zu blockieren.
Seit 1973 leiten die Pipelines russisches Gas in die Bundesrepublik. Bislang wurden die Lieferungen niemals unterbrochen. Nun könnte die Krim-Krise schaffen, was nicht mal der Kalte Krieg vermochte: die Leitungen zu blockieren. Quelle: dpa/Archiv
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Noch kennt keiner die Namen, die auf der Liste stehen. Bis zu 120 Politikern, Militärs und Managern aus Russland könnte die Europäische Union die Einreise verweigern, wenn Wladimir Putin im Streit um die Krim nicht noch in letzter Minute einlenkt. Wen es am Ende wirklich trifft, wollen die EU-Außenminister rasch entscheiden – vielleicht schon am heutigen Montag. Ein Name birgt besondere Brisanz: Auch Alexei Miller möchte man in Brüssel und anderswo angeblich nicht mehr sehen, den Chef des Energieriesen Gazprom und damit des größten Gaslieferanten Europas.

Eigentlich könnten sich die Partner eine solche Provokation nicht leisten, meinte zuletzt der polnische Premier Donald Tusk. Vor allem die Deutschen nicht, die rund 40 Prozent ihres Gases aus Sibirien beziehen – Norwegen und die Niederlande folgen mit 35 beziehungsweise 22 Prozent dahinter. Die Deutschen seien „ein Paradebeispiel dieser Abhängigkeit“, sagte Tusk. Drohen hier also im ungünstigsten Fall kalte Heizungen?

Die Polen verfeuern hauptsächlich eigene Kohle und wähnen sich deshalb auf der sicheren Seite, Klimawandel hin oder her. Das ist der große Vorteil im Vergleich zum Nachbarn Ukraine. Mit chinesischer Milliardenhilfe hatte sich noch die Regierung von Wiktor Janukowitsch daran gemacht, Wärmekraftwerke von Gas auf Kohle umzustellen – allerdings ohne großen Erfolg. Im Vergleich zu anderen ist die Ukraine immer noch ein Verschwender: Mit ihren 48 Millionen Einwohnern verbraucht sie 78 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr – und liegt damit um die Hälfte über dem internationalen Standard. Vor allem die Eisen- und Stahlindustrie des Landes gilt als hoffnungslos veraltet, für eine Modernisierung fehlt ebenso das Geld wie für das Gas vom alten Brudervolk.

Die ums Energiesparen bemühten Deutschen, aber auch viele andere Europäer haben sich früh und sehenden Auges an Gazprom gebunden: Im Herbst 1973, mitten im Kalten Krieg, strömte erstmals sowjetisches Gas in die Bundesrepublik. Und nie wurde seither dem Klassenfeind der Hahn zugedreht – trotz diverser diplomatischer Krisen und Konflikte. Weder die greisen Herrscher im Kreml noch ihre jüngeren Nachfolger haben die Lieferungen in den Westen jemals unterbrochen.

Auch deshalb ließen im vergangenen Jahr die europäischen Großkunden das Projekt „Nabucco“ scheitern – eine Pipeline, die Gas aus dem kaspischen Raum an Russland vorbei nach Westeuropa bringen sollte. Stattdessen wird nun die „South Stream“-Variante von Russland nach Italien vorangetrieben – das südliche Pendant zur „North Stream“-Route durch die Ostsee, die Gerhard Schröder noch als Kanzler mit angeschoben hatte und von der er heute als Aufsichtsrat profitiert.

Die Alarmrufe aus Polen werden in Berlin und Brüssel nicht sonderlich ernst genommen. Es gebe keinen Anlass, sich um die Versorgungsicherheit zu sorgen, erklärte die Bundesregierung dieser Tage. Schon wegen des milden Winters seien die Gasspeicher hierzulande gut gefüllt, Lieferengpässe sollten daher folgenlos bleiben. Allerdings gebe es auch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Russland auf schärfere Sanktionen seitens der EU mit einem Lieferstopp reagieren könnte.

Der Grund ist banal: Nach Einschätzung von Experten hat der große Lieferant aus dem Osten bei einem Embargo-Wettstreit mehr zu verlieren als die EU. Die Russen bezogen zuletzt nur sieben Prozent ihrer Waren aus der Staatengemeinschaft – sie bestreiten aber mehr als die Hälfte ihrer Staatseinnahmen mit dem Export von Energierohstoffen. Auf diese Einnahmen könne Moskau nicht verzichten, sagt der Chef der Deutschen Energie-Agentur, Stefan Kohler. „Niemals würde Putin die Gaslieferungen stoppen.“

Aus russischer Sicht ist der Markt auch ohne Sanktionen schon schwierig genug. Durch neue Fördermethoden wie das umstrittene Fracking sind die USA in Sachen Energieversorgung inzwischen nahezu autark – zudem wird zunehmend verflüssigtes Gas per Tanker verschifft. Fehlende Nachfrage hier, überbordendes Angebot dort: Beides drückt derzeit die Preise. Und nicht nur das: Es mindert tendenziell auch die Abhängigkeit von Pipelines. So schnell wie sich die Wettbewerbsbedingungen verändern, können die Russen keine neuen Stahlrohre in Richtung China verlegen, wo der Bedarf stärker wächst als anderswo.

Schon länger bemüht sich Gazprom deshalb, aus seiner Rolle als reiner Gaslieferant herauszukommen. Auf dem Weg dahin hat sich der Konzern im Dezember mit dem deutschen Partner BASF auf einen Tauschhandel in Milliardenhöhe verständigt: Gazprom übernimmt den größten deutschen Gasspeicher in Rehden bei Diepholz – und beteiligt die Deutschen im Gegenzug an einem sibirischen Gasfeld. Die Kaverne in Rehden steht nach Angaben des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie mit ihrem Volumen von 4,4 Milliarden Kubikmetern für ein Fünftel der deutschen Speicherkapazität.

Und noch eine reizvolle Möglichkeit könnte sich für Gazprom eröffnen: Nach dem Rückzug der BASF-Tochter Winter­shall beim Leipziger Ferngasversorger VNG ergeben sich plötzlich viele Optionen. Im ersten Schritt hat sich zwar die Oldenburger EWE bei den Sachsen die Mehrheit gesichert, aber dabei muss es nicht bleiben. Bei einem guten Angebot könnten die Niedersachsen schnell schwach werden, verlautet aus der Branche – Gazprom wäre dafür allemal stark genug. Schon heute sind die Russen schließlich mit knapp elf Prozent an der VNG beteiligt.

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