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Deutschland / Welt Die greisen Täter
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08:07 23.01.2014
Von Thorsten Fuchs
Stätte des Todes: Mehr als eine Million Menschen wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Quelle: dpa
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Goslar

Das Haus liegt am Rand des Ortes, schon ein Stück den Hang hinauf. Es ist aus dunklem Holz gebaut, wie so viele in der Gegend hier, im Harz.

Der Verdächtige öffnet selbst. Ein grauhaariger, gebeugter Herr. Offen-freundlicher, argloser Blick.

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Guten Tag, Herr B.

Einige Augenblicke schaut er nur. „Wie bitte?“, fragt er dann.

Noch mal die Begrüßung. Dann die Frage, ob man mit ihm sprechen dürfe. Über früher. Über den Krieg.

„Die Ohren“, sagt Herr B. und beugt sich vor. „Und diese Wunde am Fuß. Geht einfach nicht weg ...“

Herr B., um den Krieg soll es gehen. Um Auschwitz.

Für einen Moment scheint es, als drängen die Worte zu ihm durch.

„Ach“, sagt er. „Das ist doch alles längst vergessen.“

Dann erscheint von hinten eine Frau. Sie fasst an seine Schultern und zieht ihn wieder zurück in die Wohnung. „Darüber“, sagt sie, „will hier niemand reden.“

Dann schließt sie die Tür.

Der Mann, den sie so bestimmt vor allen weiteren Fragen schützt, heißt Michael B. 88 Jahre ist er alt. Gut 100 Kilometer nördlich, in Hannover, ermittelt nach Informationen der HAZ derzeit die Staatsanwaltschaft gegen ihn – wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen. Vom Oktober 1944 bis zum 8. Januar 1945 war B. Wachmann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sein Rang: SS-Sturmmann. Seine Einheit: der 2. SS-Totenkopf-Sturmbann.

Nach Angaben von Efraim Zuroff, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, wurde B. schon in den vierziger Jahren wegen seiner besonderen Brutalität in Auschwitz gesucht. Die Vorermittlungen gegen B. hat nun die Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg geführt. Ginge es nach ihr, wäre ein Verfahren gegen B. Teil einer letzten großen Welle von Auschwitz-Prozessen – geführt gegen Greise, fast 70 Jahre nach Kriegsende.

Es gibt im Fall B. keine neuen Beweise. Was es gibt, ist das, was der Chef der Ludwigsburger Stelle, Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, eine „veränderte Rechtsprechung“ nennt. Im Jahr 2011 hatte das Landgericht München John Demjanjuk, einen früheren Wachmann in Sobibor, verurteilt, obwohl ihm keine einzige Tat individuell nachgewiesen werden konnte. Dem Gericht reichte aus, dass Demjanjuk in Sobibor Teil der Mordmaschinerie war. Für Schrimm und seine Mitarbeiter war dies das Signal, die Akten der ehemaligen Auschwitz-Wachleute wieder durchzugehen. „Wir haben 6000 Namen auf der Liste“, sagt Schrimm. Aus ihnen filterten sie die aussichtsreichsten Fälle heraus. Das Ergebnis: zurzeit bundesweit 28 Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord, drei davon in Niedersachsen.

Tatsächlich zeigt der Fall Michael B. aus dem Harz jedoch, vor welchen Schwierigkeiten die Ermittler stehen. B., von Beruf früher Techniker, kann offenbar kaum mehr hören und auch nur schlecht sehen. Nach Angaben von Bewohnern aus dem Ort soll er auch dement sein. Ein Vereinskollege aus dem Skiklub, der ihn vor Kurzem getroffen hat, sagt: „Das ist schon ein Trauerspiel.“ Sehr wahrscheinlich ist B. längst verhandlungsunfähig.

Ob es wirklich zu Prozessen kommt, ist äußerst fraglich. Den früheren SS-Mann Hans Lipschis ließ die Staatsanwaltschaft Stuttgart im Mai 2013 sogar festnehmen. Im Dezember durfte der 94-Jährige, früher auf der Liste der zehn meistgesuchten NS-Verbrecher, das Gefängnis jedoch bereits wieder verlassen – wegen „beginnender Demenz“.

In den kommenden Tagen will das Landgericht Ellwangen über seine Verhandlungsfähigkeit entscheiden. Hinter den Kulissen streiten Nebenkläger und Verteidigung derzeit um die Auslegung der Gutachten. Die Entscheidung sei offen, betont ein Sprecher. Zurzeit soll Lipschis jedoch schon wieder im Krankenhaus liegen, mit gebrochenem Oberschenkelhals. Die Zeit arbeitet gegen die Ermittler aus Ludwigsburg. Ursprünglich hatten sie Ende November die Akten von 30 ehemaligen Auschwitz-Wachmännern an die regional zuständigen Staatsanwaltschaften übergeben. Zwei der Männer sind in der Zwischenzeit bereits verstorben.

Ein zweiter von der HAZ aufgespürter früherer SS-Mann aus Niedersachsen ist zumindest geistig noch sehr agil. Der 92-jährige Oskar Gröning braucht zwar einen Rollator, lebt aber nach wie vor allein in seinem Haus in der Lüneburger Heide und verfügt offenbar über eine ebenso reiche wie detaillierte Erinnerung. Gröning war, wie berichtet, von 1942 bis 1944 als SS-Rottenführer an der sogenannten Rampe eingetzt, wo er den Juden nach der Ankunft das Geld abnahm.

Gröning dürfte für die Ermittler äußerst interessant sein, auch wegen der schriftlichen Erinnerungen an seine Auschwitz-Zeit, die er bereits vor vielen Jahren verfasste, und der Dokumente aus jener Zeit. Er habe aber nie einen Häftling verletzt oder gar getötet, beteuert Gröning. Dreimal habe er wegen der Verbrechen, die er beobachtete, um seine Versetzung gebeten. Nach dem Krieg habe er in Prozessen gegen ehemalige Kameraden als Zeuge ausgesagt und seine Geschichte mehrmals in Interviews geschildert. „Wenn man mich anklagen wollte“, sagt Gröning, „hätte man das früher machen können.“

Außer gegen ihn und Michael B. laufen noch gegen eine weitere, bislang unbekannte Person aus dem Raum Hannover Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft Hannover. Wie sie in den drei Fällen weiter vorgeht und ob es zu Anklagen kommt, will sie nach Angaben ihres Sprechers Thomas Klinge im Februar entscheiden. Doch selbst wenn alle Verfahren eingestellt würden, wäre dies laut Oberstaatsanwalt Schrimm nicht das Aus für weitere Auschwitz-Prozesse. Auf den Listen gebe es weitere Namen noch lebender früherer Auschwitz-Wachmänner. „Wir versuchen weiterzumachen“, versichert er. „Dies ist noch nicht das Ende.“

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