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Ein Sachse soll die AfD anführen

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07:46 11.06.2019
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla (2.v.l.) steht mit der Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und dem Oberbürgermeisterkandidaten Sebastian Wippel auf der Görlitzer Neißebrücke. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa
Görlitz/Berlin

Tino Chrupalla steht in weißem Hemd auf dem Görlitzer Marienplatz und genießt die Aufmerksamkeit. In der östlichsten Stadt Deutschlands ist immer noch Wahlkampf, Chrupallas AfD-Parteifreund Sebastian Wippel tritt in der zweiten Runde der Oberbürgermeisterwahlen gegen den CDU-Kandidaten Octavian Ursu an. Zur Unterstützung ist Besuch aus Berlin gekommen: Fraktionschefin Alice Weidel posiert für Fotos mit den beiden ehrgeizigen Lausitzern.

Strahlende Sieger sind selten geworden in der AfD nach dem mäßigen Ergebnis bei der Europawahl. In Sachsen aber ist die blaue Welle noch nicht gebrochen. Die AfD könnte bei der Landtagswahl im September zum dritten Mal nach Bundestags- und Europawahl stärkste Partei im Freistaat werden. Görlitz ist die Hochburg im Herzland. Wippel gewann die erste Runde der OB-Wahlen mit 36,4 Prozent, im Umland der Stadt kratzt die AfD an der absoluten Mehrheit.

Der Siegertyp aus der Lausitz

Chrupallas Name fällt jetzt immer häufiger, wenn es um die Neuaufstellung der Parteispitze zum Jahresende geht. Als Siegertyp gilt er, seit er bei der Bundestagswahl 2017 dem heutigen sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) das Direktmandat in Görlitz abnahm.

Mehrere Mitglieder des Bundes- und Landesvorstands sagen jetzt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): Der 44-jährige Malermeister und dreifache Vater aus Gablenz bei Bad Muskau soll beim Bundesparteitag Ende November als Parteichef kandidieren. Auch diese Art Aufmerksamkeit genießt Chrupalla sichtlich. Kommentieren möchte er seinen möglichen Aufstieg nicht.

Chrupalla könnte einen „Flügel“-Mann an der Spitze verhindern

Das Szenario sieht so aus: AfD-Senior Alexander Gauland (78) möchte den Parteivorsitz abgeben und sich bis 2021 auf die Fraktionsspitze konzentrieren. Co-Parteichef Jörg Meuthen will weitermachen und könnte das vermutlich auch – obwohl er durch Spendenaffäre und mäßiges Europawahl-Ergebnis geschwächt ist.

Chrupalla wäre ein Kandidat aus dem Osten, der auch für West-Delegierte wählbar wäre: Als kleiner Selbstständiger aus Sachsen kann er sowohl den sozial-nationalen als auch den marktliberalen Kurs der gespaltenen Partei glaubwürdig vertreten. Zudem kann er mit Radikalen und mit Bürgerlichen: Er hat keine Berührungsängste zum radikalen „Flügel“ um den Thüringer Björn Höcke und den Brandenburger Andreas Kalbitz, gehört aber nicht direkt dazu.

„Mäßigung im Ausdruck“

Auch Gauland unterstützt nach RND-Informationen Chrupalla als seinen Nachfolger. Dem Senior gälten seine früheren politischen Ziehsöhne Höcke und Kalbitz inzwischen wegen ihrer radikalen Agenda als ungeeignet für die vorderste Reihe der Partei. Beide drängen auch nicht mit aller Macht nach vorne.

Chrupalla hingegen verfasste Anfang des Jahres ein Rundschreiben an die Mitglieder seines Kreisverbands, in dem er „Mäßigung im Ausdruck“ forderte. „Botschaften, die ganze Menschengruppen verunglimpfen“, seien zu unterlassen. „In der Sache weichen wir keinen Millimeter, aber wir müssen stets sachlich und vernünftig argumentieren und unsere Worte sorgfältig abwägen.“

Schwarze Liste für die Presse?

Hohe Wellen schlug, dass Chrupalla im selben Rundschreiben eine „schwarze Liste für unseriöse Pressevertreter“ forderte. „Journalisten, die voreingenommen sind und eindeutig gegen uns arbeiten, werden aus unserem Verteiler gelöscht.“ In einem Interview mit der Lausitzer Rundschau sagte er später, das habe sich nur auf einige wenige „schwarze Schafe“ bezogen.

Gerade lobte Chrupalla Kretschmer für dessen Forderung, die Russland-Sanktionen abzuschaffen. „Wir fordern das ja schon lange“, fügte er hinzu. Es war ein geschicktes vergiftetes Lob, das Kretschmer so aussehen ließ, als schwenke er auf AfD-Positionen ein.

Bei Weidel und Gauland unentbehrlich gemacht

Als Bundestags-Fraktionsvize hat sich der Sachse in Berlin bei seinen Chefs Gauland und Weidel unentbehrlich gemacht. Als 2018 Chaos in den Fraktionsfinanzen herrschte, übernahm Chrupalla das Aufräumen. „Er hat uns gerettet“, sagt Weidel seitdem.

Für Aufmerksamkeit sorgte Chrupalla, als er sich vor wenigen Wochen mit Ex-Trump-Berater Stephen Bannon traf. Fünf Stunden lang unterhielten sich die beiden, mit Hilfe eines Übersetzers, erzählte Bannon im Anschluss. „Ich fand ihn charismatisch, sehr beeindruckend.“

Hat Stephen Bannon einen guten Riecher?

Chrupalla selbst nannte das Gespräch mit dem ehemaligen Berater des US-Präsidenten „sehr aufschlussreich und interessant“. Er sagte, Bannon habe ihn kontaktiert. Er habe sich „sehr für Sachsen interessiert“ und ihm viele Fragen zu Gehältern, Abgaben und zu den Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland gestellt.

Bannon wolle sich auch im sächsischen Wahlkampf engagieren, sagte Chrupalla. Vielleicht aber hat der Amerikaner auch einen guten Riecher gehabt, wer in der AfD demnächst wichtig wird.

Von Jan Sternberg/RND

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