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Deutschland / Welt Ein neues Forum für die Bürgerrechtler
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11:17 07.09.2009
Von Kristian Teetz
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Anders als die Flüchtlinge in Budapest, die am 24. August ihre Ausreise durch die Belagerung der Mission erzwungen hatten, müssen die DDR-Bürger in ihrem Land bleiben. Der Leiter der Ständigen Vertretung, Fritz Bertele, ein Staatssekretär im Bonner Innenministerium sowie der Chef-Unterhändler der DDR, Wolfgang Vogel, hatten die Menschen in der Hannoverschen Straße überzeugt zu gehen.

Das Angebot der DDR bestand aus vier Punkten. Erstens: keine Strafverfolgung. Zweitens: Ein Vorsprechen bei den Behörden in dem jeweiligen Heimatort wird als Ausreiseantrag gewertet. Drittens: Die Rückkehrer behalten ihren Arbeitsplatz. Und viertens: In allen Angelegenheiten ist ihnen ein Rechtsbeistand sicher.

Drei Tage später wird den 117 Unglücklichen noch einmal klar, dass sie am falschen Ort für ein Ticket in den Westen gekämpft haben. Denn, wie 14 Tage zuvor in Bonn versprochen, öffnet Ungarn am 11. September die Grenze. Ab Mitternacht, so heißt es in einem amtlichen Schreiben aus Budapest, könne „jeder sich in Ungarn aufhaltende DDR-Bürger das Land in Richtung des von ihm gewünschten Zieles unter der Bedingung verlassen, dass die Behörden des Aufnahmelandes ihn aufnehmen“. Die Bundesrepublik will die Menschen aufnehmen. In den Flüchtlingslagern ist alles vorbereitet, Begrüßungsgeld wird gezahlt, Arbeit vermittelt, Essen verteilt - das Willkommen ist herzlich.

Als Erster überquert der Ost-Berliner Gastwirt Gerhard Meyer mit seiner Familie um 3.05 Uhr den Grenzpunkt Passau. Bis zum Abend des 11. September folgen ihm rund 8100 Männer, Frauen und Kinder. Als zwei Tage später der Flüchtlingsstrom versiegt, hat die Bundesrepublik 12 500 neue Bürger. Die meisten wollen in Bayern, Baden-Württemberg oder West-Berlin bleiben. Von den 8100 Übersiedlern des ersten Tages kommen nur 28 nach Niedersachsen. Sie werden im Flüchtlingslager Liebenau bei Nienburg von Ministerpräsident Ernst Albrecht empfangen.

Die Opposition in der DDR beginnt sich nun stärker zu organisieren. Innerhalb weniger Tage gründen sich mehrere Gruppen. So unterzeichnen am 9. September 30 Bürgerrechtler den Gründungsaufruf des Neuen Forum. Er beginnt mit den Worten: „In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.“ Katja Havemann, Witwe des wohl wichtigsten Oppositionellen der DDR, Robert Havemann, ist genauso dabei wie Bärbel Bohley und Jens Reich. Am 12. September rufen unter anderem Konrad Weiß und Wolfgang Ullmann die Bürgerbewegung Demokratie jetzt! ins Leben.

In Leipzig beginnt die Staatsmacht härter durchzugreifen. Nach der zweiten Montagsdemonstration am 11. September werden die verhafteten Demonstranten nicht wie üblich nach 24 Stunden wieder freigelassen. 19 Personen werden wegen Verstoßes gegen §217 („Zusammenrottung“) zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Die Fronten verhärten sich weiter.