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Deutschland / Welt Einmal Westen und zurück
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13:45 25.09.2010
Von Thorsten Fuchs
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Die Lichter. Matthias Birth stand da, sah diese Stadt, Los Angeles, ihr grelles Leuchten, ihr Hospital, und wusste, dass er angekommen war in dieser anderen Welt. Es hatte eigentlich nicht fortgewollt aus Greifswald, er wäre gern in Vorpommern geblieben, hätte sein Professor ihn nicht gleichsam fortgeschickt. „Verlassen Sie das sinkende Schiff“, hatte er gesagt. Birth war aus Not heraus gegangen, nicht aus Lust an der Ferne. Aber Schritt für Schritt hatte es ihn weiter fortgesogen aus der Heimat, und als er nun dort war, in Kalifornien, an seinem neuen Arbeitsplatz, war er wie berauscht. „Das war das ganz große ,Wow‘“, sagt er.

Jetzt, 15 Jahre später, steht er an der langen Fensterfront seines Büros und blickt hinaus. Den Sund sieht man in der Dämmerung liegen, ein paar hundert Meter Meer zwischen Stralsund und Rügen, und nur vereinzelt ein paar Lichter. Es leben nicht viele Menschen dort, auf der anderen Seite des Ufers. Vorpommern, Kalifornien, Vorpommern – man könnte einen Bruch in dieser Reihe suchen, einen Rückschritt vermuten. Aber das wäre für Birth altes Denken. Für ihn ist es eine fast logische Reihe. Deshalb ist er wieder da.

Der Chirurg Matthias Birth ist ein typischer Fall, einer von Hunderttausenden, die nach der Wende ihr Glück im Westen suchten. Einerseits. Andererseits ist seine Geschichte eine sehr untypische. Denn Birth kam zurück. Nicht weil er im Westen gescheitert wäre, im Gegenteil. Er findet nur, dass der Osten dem Westen in nichts mehr nachsteht. Und so erzählt seine Geschichte auch davon, wie sehr sich der Osten gewandelt hat, sie erzählt vom Reiz des Ostens, von der Ernüchterung derer, die den Westen zunächst mit leuchtenden Augen bestaunt hatten, und von einer allmählichen Erkenntnis: dass manches Klischee längst nicht mehr stimmt.

Als Kind hatte sich Matthias Birth mit seinem Bruder ausgemalt, wie sie in den Westen fliehen könnten. Es waren keine ernsthaften Pläne. Es ging nur darum, sie zu schmieden. Ein Weg, dem Eingesperrtsein in Gedanken etwas entgegenzusetzen. Als die Mauer tatsächlich fiel, reichte Birth die Gewissheit, dass er jetzt ja jederzeit fahren könnte. „Ich habe mir das Begrüßungsgeld abgeholt, das war es.“ Die Bewerbung, die er 1992 in den Westen schickte, hatte er eigentlich nur zur Vorsicht geschrieben. Er war 28 Jahre alt, Vater, verheiratet, er wollte nicht fort. Aber dann wurde er genommen. Und dass sein Doktorvater gerade als Stasi-Mitarbeiter enttarnt worden war, war für ihn auch kein Grund zu bleiben.

So kam Matthias Birth nach Rotenburg an der Wümme. Der Mann ist auch nach einem Tag im OP ein begeisterungsfähiger Mann, und man spürt die Euphorie, mit der er entdeckte, dass die West-Welt auch in der niedersächsischen Provinz anders funktionierte als der Osten. Leistung, das ist ein Wort, das Birth gern benutzt. Auf einmal ging es nicht mehr um Bürokratie, um langjährige Vorrechte, um ein Denken in starren Hierarchien. „Da wurde nur noch geguckt, wie engagiert jemand war.“ Birth war begeistert. Im Westen schien es keine Grenzen zu geben, stattdessen Szenen von hübscher Symbolik.

Einmal schleppte Birth mit seinem uralten Skoda den Mercedes eines Kollegen aus dem Westen ab. „Das war am nächsten Tag Tagesgespräch in der Klinik.“ Alles schien möglich, und als ihn sein Chef in die USA entsandte, an eine Klinik in Los Angeles, da lag der Osten sehr weit hinter ihm.

So machte Birth im Westen Karriere. 1998 ging er an die Uni-Klinik Lübeck, er wurde stellvertretender Klinikdirektor. Zugleich jedoch, gleichsam parallel zu seinem Aufstieg, verlor er sein positives Bild. Er entdeckte, wie Mitarbeiter parallel auf Dinge angesetzt wurden, wie sie den anderen hinter seinem Rücken auszustechen versuchten. Er lernte die Kehrseite des Leistungsprinzips kennen, den Egoismus und die Aggression. „Die Begeisterung wich der Ernüchterung“, sagt er heute.

Birth, ein groß gewachsener, auch heute noch agil wirkender früherer Leistungssportler, Zehnkämpfer, hatte mit dem Sichdurchsetzen nie Mühe. Aber als 2003 das Hanseklinikum in Stralsund einen Chefarzt suchte, zögerte er nicht. Es ging um Karriere, um Heimat, und darum, dass es noch einen anderen Weg geben musste. Und dass er nun von einer öffentlichen Klinik im Westen an eine privatisierte im Osten wechselte, das zeigte, wie sehr sich die Welt inzwischen verändert hatte.

Niemand weiß, wie viele Rückkehrer es gibt, wie viele Menschen also nach Jahren im Westen wieder in den Osten ziehen. Niemand erfasst diese Zahl. Was Wissenschaftler herausgefunden haben, ist, dass Menschen den Umzug von West nach Ost und umgekehrt oft als psychisch belastend empfinden. Ostdeutsche ziehen lieber nach West- als Westdeutsche nach Ostdeutschland. Und Westdeutsche tun sich besonders schwer mit dem Gedanken, dauerhaft im Osten zu bleiben. So sagt es die Statistik. Insofern ist auch Karina Schulz eine Ausnahme. Wobei es an einem solchen Tag auch besonders leicht ist, diese Entscheidung nachzuvollziehen. Die Spätsommersonne lässt die alten Häuser lange Schatten auf den Alten Markt werfen. Das alte Rathaus mit seiner gotischen Backsteinfassade, mittelalterliche Häuser, prächtige Giebel, auf dem Platz die Stühle der Cafés. Ihr Arbeitsplatz, das Theater, liegt nur zwei Blöcke entfernt. Ein wuchtiger Bau, innen gerade aufwendig saniert. Der nordische Jugendstil ist zurück, es gibt auch wieder Logen. Blickt man um die Ecke, sieht man ein Stück vom Meer. „Ich fühle mich allem hier wahnsinnig verbunden“, sagt sie. „Ich will hier nicht mehr weg.“

Karina Schulz (46) kam 2003 von Lüneburg nach Stralsund, nach Jahren als Kostümbildnerin und einem Kulturwissenschaftsstudium. In Hamburg, London und München hatte sie gearbeitet, und nun fand sie ihre erste Stelle als Pressesprecherin ausgerechnet hier, wo sie sich ursprünglich gar nicht beworben hatte. Die Voraussetzungen waren also im Grunde nicht gut. Wie es kam, dass sie dennoch Wurzeln schlug in der ostdeutschen Provinz, fern des großen Theaterkarussells? Dass sie die Vorbehalte überwand, die es auf beiden Seiten ja immer noch gab? Man muss zuhören können, sagt Karina Schulz. Und lernen wollen.

So hörte sie Geschichten wie die von der Inspizientin, die eigentlich Sängerin war, bis sie der Intendant aus dem Westen für unbegabt erklärte. Schulz lernte, nicht mehr „Wer ist das denn?“ zu fragen, wenn Anrufer ein Gastspiel von Künstlern wie Aurora Lacasa ankündigen, die zu jenen im Westen völlig unbekannten Stars gehört, die im Osten stets ein volles Haus garantieren. Und sie verstand, dass es vielleicht manch mäßiges Restaurant und keine italienischen Feinkostläden gibt, dafür aber viele private Einladungen. „Der Zusammenhalt ist stärker.“

Manchmal, wenn sie nach Stralsund fährt, spürt sie eine Art dunkler Schwere, erzählt Karina Schulz. Überreste von all dem, was diese Gegend einst bedrückt hat und was für sie manchmal noch die Atmosphäre zu trüben scheint, vor allem halb verlassene kleine Städte im Hinterland.

Aber es gibt auch die anderen Seiten, die leuchtenden. Karina Schulz wohnt in einer renovierten Haushälfte des ehemaligen Johannisklosters, und im Flur hat sie Zeitungsartikel und Bilder von der neuen Rügenbrücke und dem Ozeaneum, dem neuen Meeresmuseum, aufgehängt. „Ich fiebere selbst inzwischen richtig mit, wenn hier etwas Neues entsteht.“ Und wenn doch mal die Staatsoper aus Hamburg anruft, die alte Traumstelle sich meldet? Karina Schulz zögert. „Es gibt hier besonders viele Menschen, die hier nie weggehen.“ Und inzwischen kann sie sie verstehen. Bei Matthias Birth haben sich die Hamburger schon gemeldet. Von großen Kliniken erzählt er, die ihn zu sich holen wollten. „Vom Renommee her wäre es ein Aufstieg gewesen.“ Aber er hat abgelehnt. Nicht wieder Westen.

Birth schaut auf den Sund, eines der wenigen Lichter am anderen Ufer gehört zu seinem Zuhause, er wohnt dort, am Wasser. „Das ist das Entscheidende.“ Und heute, im Jahr 20 der Einheit, muss er nirgendwo mehr hingehen. „Alle Möglichkeiten“, sagt er, „gibt es für mich jetzt auch hier.“