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Deutschland / Welt Erschüttert blickt Amerika auf die Leichenschänder
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19:22 19.04.2012
Von Stefan Koch
US-Präsident Obama: Verantwortliche umgehend zur Rechenschaft ziehen. Quelle: dpa
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Washington

Was ist nur los mit den US-Soldaten in Afghanistan? Erschüttert blickt Amerika auf die jüngsten Horrorfotos aus dem Kriegsgebiet am Hindukusch. Wieder einmal haben Armeeangehörige Leichen ihrer Gegner geschändet. Und wieder einmal bringt dieser Skandal sämtliche ausländische Truppen dort in Gefahr - und die gesamte internationale Mission in Misskredit.

In diesem Fall kam die Empörung mit einer gewissen Vorlaufzeit. Der Vorfall hatte sich bereits Anfang 2010 ereignet, doch erst vor einigen Tagen waren die Bilder der "Los Angeles Times" von einem Soldaten zugespielt worden. Wie es im Hintergrund in Washington heißt, hatte das Pentagon alles in Bewegung gesetzt, um die Zeitung an der Veröffentlichung zu hindern. Die Militärführung befürchtet insbesondere, dass diese Fotos von den Aufständischen genutzt werden könnten, um neue Gewalt gegen die Soldaten und auch gegen die einheimischen Sicherheitskräfte zu provozieren. Dagegen betont Davon Maharaj, Herausgeber der "Los Angeles Times", dass er sich gegenüber seinen Lesern verpflichtet sieht: "Es ist unsere Aufgabe, unparteiisch über alle Aspekte des amerikanischen Einsatzes in Afghanistan zu berichten."

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Nach Recherchen der Zeitung waren Fallschirmspringer der 82. Luftlande-Division zu einem Polizeistützpunkt in der Region Sabol entsandt worden, um die Überreste eines mutmaßlichen Selbstmordattentäters zu untersuchen. Es war ihr Auftrag, die Toten zu identifizieren, doch dann sollen sie dabei Fotos geschossen und mit den Überresten vor der Kamera posiert haben.

Offensichtlich kein Einzelfall: Einige Monate später sollte die Einheit wieder Leichen von Aufständischen untersuchen, die sich bei der Vorbereitung eines Angriff wohl versehentlich in die Luft gesprengt hatten. Auf den Fotos, die auch auf den Internetseiten der Zeitung veröffentlicht wurden, sind Männer zu sehen, die die Hände der Toten mit ausgestrecktem Mittelfinger hochhalten.

Die "Los Angeles Times" betont, dass sich der Informant geradezu hilfesuchend an die Journalisten gewandt habe: Der Soldat wollte auf die zunehmende Disziplinlosigkeit seiner Kameraden im Einsatz hinweisen. Zeitungsherausgeber Maharaj geht daher davon aus, dass es sich wohl um ein "strukturelles Problem" in der US-Armee handeln könnte.

Tatsächlich belastet in jüngster Zeit eine ganze Skandalserie die Truppe. Erst im Januar tauchte ein erschütterndes Video auf. Es zeigt US-Marines, die auf afghanische Leichen urinieren. Im Februar verbrennen auf einer Militärbasis in Südafghanistan - versehentlich - mehrere Koran-Ausgaben. Und vier Wochen später läuft ein amerikanischer Soldat Amok und tötet in einer Nacht 17 Zivilisten.

Verteidigungsminister Leon Panetta versucht gar nicht erst, die Täter in Schutz zu nehmen. Allerdings erinnerte er gestern während einer Nato-Konferenz in Brüssel eindringlich daran, dass Krieg schmutzig und voller Gewalt ist: "Ich weiß, dass junge Leute manchmal in der Hitze des Augenblicks sehr dumme Entscheidungen treffen. Ich will das aber nicht entschuldigen."

Auch Jay Carney, Sprecher des Weißen, trat gestern vor die Presse und nannte die Bilder verwerflich. Präsident Barack Obama wolle, dass der Vorfall untersucht werde und die Verantwortlichen umgehend zur Rechenschaft gezogen würden.

Empört ist vor allem aber Afghanistans Staatsoberhaupt: "Der einzige Weg, diesen schmerzvollen Erfahrungen ein Ende zu bereiten, ist eine beschleunigte und volle Übergabe der Sicherheitsverantwortung an afghanische Kräfte", sagte Hamid Karsai am Donnerstag in Kabul. Die Fotos, auf denen Soldaten mit Körperteilen von getöteten Aufständischen posieren, seien unmenschlich und provokant.

Zu Wort meldete sich gestern auch Elsbeth Cameron, frühere Psychiaterin im Dienst der US-Armee: "Die Soldaten stumpfen immer mehr gegen Gewalt ab. Ich mache mir große Sorgen um die körperliche und geistige Verfassung unserer Truppe."