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Deutschland / Welt „Es geht um Macht und Ruhm“
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06:15 27.08.2012
Von Gabi Stief
Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bei einer Rede im Bundestag. Quelle: dpa
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Berlin

Am Montag hat Bundesgesundheitsminister Bahr Ärzte und Kassen eingeladen, um über den Organ-Skandal zu beraten. Was erwarten Sie?

Ich erwarte keine Lösung. Alle werden ihren guten Willen erklären und sich versprechen, die Probleme zu lösen.

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Die Bundesärztekammer hat bereits einiges vorgeschlagen..

Das Mehr-Augen-Prinzip ist eine nette Sache, aber das kann nicht alles sein. Die Strukturen müssen verändert werden. Dies ist Aufgabe der Politik und nicht der ärztlichen Selbstverwaltung. Es gibt keinen Sumpf; es geht um kriminelle Einzelfälle. Dennoch müssen wir deutlich mehr machen, als sich dies der eine oder andere wünscht.

Was vermuten sie als Motive hinter dem Skandal? Geht es um Geld?

Es sind Strukturen, in denen es um viel Macht, viel Geld, um Ruhm und Anerkennung in der Fachgesellschaft geht. Je mehr ein Chirurg transplantiert, desto bekannter wird er, desto bekannter die Klinik, desto mehr Geld verdient er. Entscheidend ist die Frage, wie bekommt er Organe, um diesen Respekt aufbauen zu können. Es gibt noble Ärzte, die darauf keinen Wert legen. Es gibt andere, die ehrgeiziger sind.

Das ist nichts Schlechtes..

Produktive Konkurrenz ist notwendig in der Wissenschaft. Aber in der Transplantationsmedizin ist sie gefährlich, weil wir zu wenige Organe haben. Das Organspendewesen lebt vom Vertrauen und der Ehre der Beteiligten.

Im Kampf um Organe schadet Ehrgeiz?

Nein. Es sind menschliche Motive. Aber sie müssen so genutzt werden, dass sie der Gesellschaft und den Kranken helfen. Deshalb müssen die Regeln transparent und klug sein. Wir müssen öffentlich klarstellen, nach welchen Kriterien die Organe vergeben werden.

Immer mehr Organe werden im beschleunigten Verfahren, vorbei an der Warteliste, verteilt. Hat Sie das überrascht?

Ja, sehr. Die Zunahme ist medizinisch nicht erklärbar. In Ländern wie China, Russland oder USA sind die Transportwege lang; eine regionale Verteilung ist sinnvoll, damit Organe nicht verloren gehen. In einem kleinen Land wie Deutschland können wir mit unserem hervorragenden Transportwesen jedes Organ zügig überall hin bringen. Die meisten Organe sind für dieses Verfahren noch gut genug.

Haben Sie eine Erklärung für die Zunahme?

Ich denke, man will den eigenen Patienten helfen, die auf ein Spenderorgan warten.

War es richtig, die Warteliste von einer Stiftung in den Niederlanden führen zu lassen?

Eurotransplant hat sich als leistungsfähig und honorig erwiesen. Es gibt keinen Anlass, zu sagen, sie hätten versagt. Durch die Kooperation mehrerer Länder können wir Spenderorgane länderübergreifend verwenden. Wenn ich für ein seltenes deutsches Gewebe keinen deutschen Empfänger habe, sorgt Eurotransplant dafür, dass das Organ international genutzt wird.

Aber jedes Land regelt die Verteilung dann anders...

Jedes Land hat ein eigenes Transplantationsgesetz. Und das ist richtig so. Denn wir müssen auf die kulturellen und ethischen Unterschiede Rücksicht nehmen.

Ist eine staatliche Aufsicht notwendig?

Ich warne davor. Ich bin von der Selbstverwaltung enttäuscht worden. Aber es geht nicht ohne die Ärzte, die transplantieren. Sie verdienen unser Vertrauen.

Müssen Sanktionen verschärft werden?

Unbedingt. Die Selbstverwaltung muss verpflichtet werden, verdächtige Fälle der Staatsanwaltschaft zu melden. Und ich fordere den Aufbau einer Schwerpunktsstaatsanwaltschaft, damit Verdachtsfälle von Spezialisten auf hohem Niveau untersucht werden. Eine zentrale Stelle in Deutschland wäre ausreichend. Es kann nicht sein, dass es vom Standort der Klinik abhängig ist, ob ermittelt wird oder nicht.

Muss das Transplantationsgesetz erneut geändert werden?

Ja. Die Alternative wäre eine Ergänzung durch eine Rechtsverordnung. Ich wünsche mir in jedem Fall einen parteiübergreifenden Kompromiss.