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Deutschland / Welt Ex-Minister Krause: „Eine Wende wie die DDR hätte der Westen gar nicht hingekriegt“
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10:36 29.12.2018
„So eine Wende wie die in der DDR hätten die im Westen gar nicht hingekriegt“: Günther Krause in seinen Empfangsräumen in einer Brandenburger Villa unbekannter Besitzer. Quelle: Jacqueline Schulz
Brandenburg/Havel

Die Adresse der Villa, in der Günther Krause jetzt wieder Gäste empfängt, lautet Brandenburger Allee 2. Im Foyer hängt ein anderes Straßenschild: „Straße der Einheit“, schwarz auf weiß, unverkennbar aus der DDR. Bilder aus Krauses großer Zeit umrahmen es: Fotos mit Helmut Kohl, mit Wolfgang Schäuble, mit Papst Johannes Paul II. „Das war eine Privataudienz, 1992“, erläutert Krause ungefragt.

Günther Krause, 65, Unterhändler des Einigungsvertrags, Pleitier, Affärenmeister, Hausbesetzer, Immer-noch-Besserossi, an Herzproblemen gescheiterter Dschungelcamp-Kandidat, empfängt in der Villa in Brandenburg-Kirchmöser. Die gehörte zur Insolvenzmasse seiner früheren Beraterfirma IBP und wurde zwangsversteigert. „Für 550.000 Euro“, sagt Krause beim Reingehen. Krause wohnt hier nicht, er empfängt hier nur. Wem das Haus jetzt gehört? „Darüber muss ich nicht reden.“ Die Villa sei eine „Repräsentanz“ der spanischen Firma BTI S.L., das steht ganz unspanisch für „Bio Technik Innovation“. Wem gehört diese Firma? „Darüber kann ich nicht reden.“

Im Dschungelcamp wollte er reden, über die deutsche Einheit, die er für die DDR federführend mitverhandelt hat. Im australischen Sommer wollte Günther Krause der Welt die Gründe für ostdeutschen Unmut 30 Jahre nach der Revolution 1989 erklären.

In einem Trash-TV-Format deutsche Geschichte zu verhandeln, das kann nur eine Krause-Idee gewesen sein. Eigentlich ist es schade, dass sie nicht Realität wurde. Es wäre der Höhepunkt einer einmaligen und einmalig tragischen Ex-Politiker-Karriere geworden. Denn im Grunde verbringt Günther Krause seit fast 30 Jahren seinen Nachruhm in einer Art Realityshow. Affären, Rücktritt, Scheidung, Pleiten, Verurteilungen – alles aus dem Hause Krause ist immer äußerst öffentlich.

Seine große Stunde: DDR-Staatssekretär Günther Krause (re.) unterschreibt neben Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am 31. August 1990 den deutsch-deutschen ­Einigungsvertrag. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Im August 1993, im Sommer nach Krauses Fall aus dem Kabinett Kohl IV wegen eines vom Staat bezahlten Umzugs nach Börgerende an der Ostsee, besuchte die „Zeit“-Reporterin Sabine Rückert den kleinen Ferienort. „Von Krauses Zuhause“ heißt der süffisante Text, der beschreibt, wie Krause und seine Familie zur Attraktion des Badeorts wurden. Von der Terrasse der Pension „Ostseeperle“ aus war sein Anwesen frei einsehbar. Die zentralen Sätze des Artikels lauten: „Keine Mauern oder Hecken schaffen Diskretion und mindern das Vergnügen. Das gäbe es im Westen nicht.“

Ja, sagt Krause, er wollte eben nicht so werden wie die DDR-Funktionäre, die sich einst in Wandlitz dem Volk entzogen. „Wenn ich gewählter Volksvertreter bin, dann muss ich mich auch vom Volk anfassen lassen.“

Atemberaubender Marsch durch die Institutionen

Im Herbst 1989 war Krause, der seit 1975 der Ost-CDU angehörte, noch nicht als Revolutionär aufgefallen. Als er ein Jahr später als Bundesminister für besondere Aufgaben in Bonn ankommt, ist er in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Institutionen marschiert. Nichts soll ihn mehr stoppen, schon gar nicht die verkrustete Bundesrepublik.

Er wird Verkehrsminister, sieht sich an, wie im Ministerium Aufträge ohne Ausschreibung vergeben werden, und kommentiert: „Das ist wie in der Staatlichen Planungskommission der DDR.“ Er weist Journalisten ab, die Nachfragen stellen: Er müsse reformieren und habe keine Zeit.

„Es gibt einfach so viele Dinge, die in der BRD zu reparieren sind“, seufzt Krause in seiner Villa und meint 1990 und 2018 zugleich. Er hat immer schon damals recht gehabt. Die Bahn ist kaputt? Logisch, schließlich wurde seine Bahnreform nicht konsequent zu Ende gedacht.

Zu bunt für die Bundesrepublik?

Schnell hatte der genialische Neuankömmling im Westen einen Ruf weg, als Besserossi, als Trampeltier mit viel zu bunten Krawatten. So einer passte nicht, so einer sollte weg, weil er aus dem Osten kam. Das ist Krauses Erklärung für alles, was passiert ist. Der „Spiegel“ habe damals 24 Redakteure auf ihn angesetzt, berichtet er voller Stolz.

Unter dem Foto der Papst-Audienz hängt ein Bild von Krause mit Angela Merkel, im Mai 1993, am Tag seines Rücktritts als Bundesverkehrsminister. Krause trägt eine sehr bunte Krawatte, Merkel ein sehr buntes Halstuch. Er lächelt sehr schief in die Kamera, sie für ihre Verhältnisse fröhlich und offen.

Sein Abstieg, ihr Aufstieg: Günther Krause (links) mit Angela Merkel am Tag seines Rücktritts im Mai 1993. Quelle: Jacqueline Schulz

Es war der Tag, an dem sich die Wege von Krause und Merkel trennten. Er war ihr Förderer gewesen. Nun war er der verglühte Star unter den Ostdeutschen im Kabinett Helmut Kohls. Krause, der Vater des Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetzes, wollte alles schnell. Merkel, Kohls „Mädchen“, war Ministerin für Frauen und Jugend und konnte zehn Jahre warten, bis sie Kohls Seilschaften zur Seite räumte und dann 18 Jahre Parteivorsitzende blieb. Ihr Aufstieg in der CDU begann damit, den gefallenen Krause als Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern zu beerben.

Krause redet über alles, mit wechselndem Enthusiasmus. Über Angela Merkel redet er nicht.

Weltpremiere in Kirchmöser – oder Hirngespinste?

Am allerliebsten spricht Krause über seine Lösung für alle Energieprobleme. Wer mit ihm über die Vergangenheit reden möchte, kommt an seiner Version der Zukunft nicht vorbei. Schon bald soll es im Keller der Villa in Kirchmöser eine Weltpremiere zu besichtigen geben: die erste grundlastfähige erneuerbare Energie. Das erste Neutrino-Kraftwerk. Neutrinos sind winzig kleine Teilchen, die in der Sonne entstehen. Krause streckt seine Hand vor. „Auf meinem Daumennagel kommen jede Sekunde 60 Milliarden Neutrinos an.“ Würde man diese Neutrinos durch einen Stapel speziell beschichteter Folien leiten, entstünden Vibrationen, also Energie.

Mit dem Neutrino-Versprechen tourt Krause seit Jahren durch die Redaktionen, nun beginnt er eine neue Runde. Deswegen sitzt der Ex-Minister auch nicht alleine am Besprechungstisch, sondern zusammen mit einem Geschäftsmann, der mindestens ebenso berüchtigt wie bekannt ist: Holger Thorsten Schu­bart, ausweislich seiner Visitenkarte CEO der „Neutrino Energy Group of Companies“, Kunst- und Oldtimerhändler mit Freimaurer-Nadel am karierten Jackett.

Wer führt hier wen? Holger Thorsten Schubart, Krauses Geschäftspartner Quelle: Jacqueline Schulz

Schubart und Krause, Krause und Schubart: Zusammen sind sie ein infernales Duo aus zwei grenzenlosen Egos. Der eine steuert das Geld bei, der andere den Ruf, und ob sie jeweils viel davon besitzen, ist unklar. Ebenso unklar ist, wer hier wen führt oder benutzt. In seinem Vortrag über die Vorzüge der Neutrino-Energie (Weltfrieden, energetische Unabhängigkeit für rohstoffarme Länder wie Deutschland, Fernsehen für Millionen Afrikaner) leitet Schubart seine Sätze gerne mit den Worten ein: „Wie der Professor eben schon sagte“. Er meint Krause, der neben ihm sitzt. Krause, der Professor. Oder Krause „mit seiner tapsigen Art“.

So beschreibt Schubart ihn später auf der Fahrt zum Bahnhof. Er bewertet damit den Auftritt von Krause vor den Kameras von „Spiegel TV“ in der letzten großen Geschichte vor den Dschungelcamp-Artikeln. Die Reporter hatten Krause in seiner Villa in Knüppeldamm aufgesucht, er trat ihnen in Pantoffeln und rotkariertem Hemd gegenüber und blaffte sie vom Grundstück. Ein Jahr war Krause den Kaufpreis für das 350-Quadratmeter-Haus mit Innenpool schuldig geblieben, dann zog er aus. Nun wohnt er zur Miete in Werder (Havel).

Ein Professor und Politiker

Günther Krause, 1953 in Halle an der Saale geboren, hat Rechentechnik und Datenverarbeitung in Weimar studiert. Dort promoviert er auch, an der Hochschule Wismar habilitiert er sich.

Seit 1975 ist er Mitglied der CDU der DDR, 1987 bis 1989 Kreisvorsitzender in Bad Doberan. 1990 wird der Staatssekretär, der am 31. August für die DDR den Einigungsvertrag unterzeichnet, CDU-Landesvorsitzender von Mecklenburg-Vorpommern. Nach der Vereinigung geht Krause als Bundesminister für besondere Aufgaben nach Bonn, 1991 wird er Bundesverkehrsminister. 1993 tritt er wegen zweier Affären zurück; er hatte staatliche Zuschüsse für eine Putzhilfe beansprucht und seinen Privatumzug vom Staat bezahlen lassen.

Krause geht in die Wirtschaft, will mit dem „Volkshaus“ finanziell schwachen Personengruppen zum Eigenheim verhelfen. Mit dieser Idee sowie seinen Beratungsfirmen in der Energiebranche hat er kein Glück, legt eine Privatinsolvenz hin. Die Ehe mit seiner ersten Frau Heidrun scheitert. Wegen Insolvenzverschleppung bei einem seiner Unternehmen wird er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Im Frühjahr 2018 muss er aus seiner Villa in Knüppeldamm bei Röbel (Mecklenburg-Vorpommern) ausziehen, um einer Zwangsräumung zuvorzukommen. Er war den Kaufpreis für das Haus schuldig geblieben.

Im Universum von Krause und Schubart öffnen sich immer wieder Wurmlöcher, die in unendliche Weiten der Unwahrscheinlichkeit weisen. Auf die Frage, warum die Krauses eigentlich nie den vereinbarten Kaufpreis von einer knappen halben Million Euro für das Haus bezahlt haben, beginnt Schubart von einem Leonardo da Vinci zu erzählen, den er verkaufen wollte, was die Staatsanwaltschaft Berlin vereitelt habe. Hilfsweise habe er Krauses Frau ein Aktienpaket Neutrino-Aktien zur Verfügung gestellt, die aber noch nicht an der Börse handelbar sind. Die Notierung an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq werde aber „bald“ erfolgen, „auf jeden Fall im ersten Halbjahr 2019“.

Am Desy-Forschungsinstitut in Zeuthen südlich von Berlin leitet Professor Marek Kowalski eine Forschungsgruppe zu Neutrinos. Er kennt Krauses und Schubarts Pläne und ihre eklatanten Schwachpunkte: „Neutrinos interagieren mit Materie viel zu schwach, um in einer Folie Vibrationen zu verursachen“, sagt er. „Die ,hochverdichtete‘ Folie, die nötig wäre, ist auf der Erde nicht herzustellen.“ Sein Fazit: „Die ganze Argumentation ist so aufgebaut, dass sie Laien täuschen soll. Aber die Fachwelt steht dem eher fassungslos gegenüber.“

Wofür das alles?

Krause hat sich warmgeredet, er schwitzt unter seiner Wollweste. In seinen Händen dreht er einen schwarzen Montblanc-Füllfederhalter, mit dem er den Einigungsvertrag unterschrieben haben will. Er spricht jetzt über die Revolution. „So eine Wende, wie wir sie in der DDR gemacht haben, hätten die im Westen gar nicht hingekriegt.“ Viel zu individualistisch seien die Wessis, deswegen gingen sie jetzt auch nicht auf die Straße. Es sind Sätze, die man bei Pegida und im AfD-Umfeld des Ostens ganz ähnlich hören kann. Für einen CDU-Mann urteilt Krause äußerst wohlwollend über die AfD: „Da sind einige rechtsorientierte Leute dabei, die besser nicht drin sind. Aber die AfD ist auch eine wertkonservative Partei. Bei Kohl hätte es die nicht gegeben.“

Krause bleibt wieder vor den Bildern neben seiner „Straße der Einheit“ stehen. Im ersten Entwurf des Einigungsvertrags, vorgelegt von der DDR, sei es um einen Neustart gegangen, auch in den Symbolen. „Auferstanden aus Ruinen“ hätte die zweite Strophe des Deutschlandliedes werden sollen. Der Vorschlag war im Westen chancenlos.

Was hat Sie angetrieben, Herr Krause, die ganzen Jahre? Es den Wessis zeigen zu wollen? Er schüttelt den Kopf: „Was hätte das gebracht?“ Krause sieht erschöpft aus.

Von Jan Sternberg/RND

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