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Deutschland / Welt Exterroristin Becker verweigert Aussage im RAF-Prozess
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Exterroristin Becker verweigert Aussage im RAF-Prozess
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15:10 04.10.2010
Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker im Gerichtssaal in Stuttgart-Stammheim.
Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker im Gerichtssaal in Stuttgart-Stammheim. Quelle: afp
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Sie hat getobt und gebrüllt, als sie das letzte Mal an diesem Ort gewesen ist. „Ihr Nazi-Schweine!“, hat Verena Becker geschrieen, als die Richter des Stuttgarter Oberlandesgerichtes sie am 28. Dezember 1977 unter anderem wegen sechsfachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilen. Die damals 25-jährige Terroristin der Rote Armee Fraktion (RAF) springt auf den Tisch vor der Anklagebank, schlägt um sich und ist nur mit Mühe aus dem Stammheimer Gerichtssaal zu entfernen.

Heute sind die RAF-Mitglieder von einst in die Jahre gekommen. Verena Becker ist jetzt 58 Jahre alt, interessiert sich für spirituelle Orakelwissenschaft und leidet an chronischem Rheuma. Dass sie mit einer mächtigen Sonnenbrille in Deutschlands wohl berühmtestem Gerichtssaal auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim erscheint, wirkt rebellischer, als es ist. Durch ihre Erkrankung kann ihr Körper weder Speichel noch Tränenflüssigkeit produzieren. Die Brille, die sie nur zwischendurch bisweilen abnimmt, braucht sie zum Schutz ihrer Augen. Ihr Immunsystem ist geschwächt. „Ich brauche viel Ruhe und vertrage wenig Belastung“, hat sie im Sommer vergangenen Jahres dem Haftrichter gesagt.

Leger gekleidet – Jeans, heller Rollkragenpulli, helle Jacke – sitzt sie am Donnerstag zwischen ihren beiden Verteidigern. Ohne erkennbare Regung hört sie sich an, wie Bundesanwalt Walter Hemberger die Anklage verliest. Während die Besucher sogar ihre Gürtel ablegen müssen, hat sie eine Wasserflasche dabei, aus der sie regelmäßig trinkt. Der Vorsitzende Richter Hermann Wieland erklärt das umgehend mit Beckers Erkrankung: „Nicht, dass der Eindruck entsteht, das sei eine Ungehörigkeit.“ Es soll alles ganz korrekt ablaufen in diesem Mordprozess, der alles andere als gewöhnlich ist.

33 Jahre nach dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern muss sich Verena Becker für diese Tat vor dem 6. Strafsenat des Stuttgarter Oberlandesgerichts verantworten. Das Attentat war der Auftakt der „Offensive 77“. Es war die Kriegserklärung der RAF an den Staat. Ziel war es, die in Stammheim inhaftierten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe freizupressen. „Der General muss weg“, lautete die Aufforderung aus dem siebten Stock, dem Stammheimer Hochsicherheitstrakt, gleich nebenan.

Wer genau am 7. April 1977 in Karlsruhe die tödlichen Schüsse abgegeben hat, ist bis heute ungeklärt. Verurteilt wurden Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Knut Folkerts. Es gilt jedoch als sicher, dass keiner von ihnen den Finger am Abzug hatte. Auch Verena Becker muss sich seit gestern lediglich gegen den Vorwurf der Mithilfe wehren. Die Ankläger der Bundesanwaltschaft fordern die Richter auf herauszufinden, ob sie an der Planung und Durchführung des Mordes beteiligt war – als Mittäterin, nicht als Todesschützin.

Nur wegen der Hartnäckigkeit von Michael Buback, Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts und Chemieprofessor in Göttingen, gibt es diesen vermutlich letzten RAF-Prozess. Und wenn es nach Buback geht, der als Nebenkläger der früheren Terroristin gegenübersitzt, gehören außer Verena Becker auch die Bundesanwaltschaft und der Verfassungsschutz auf die Anklagebank. Er glaubt, dass Akten manipuliert und Beweise unterschlagen wurden und dass Beckers Name bewusst aus dem möglichen Täterkreis herausgenommen worden ist.

In der Tat wurde Verena Becker damals nicht wegen des Dreifachmordes von Karlsruhe angeklagt, obwohl sie bei ihrer Festnahme in Singen im Mai 1977 mit der Tatwaffe des Buback-Mordes auf Polizisten geschossen hatte und in Begleitung von Sonnenberg war, den die Beamten sehr wohl verdächtigten. Stattdessen kam Becker wegen der versuchten Morde von Singen ins Gefängnis. Und dort geschah Erstaunliches.

Verena Becker, die einstige anarchistische Feministin, die bereits mit 19 Jahren in den Untergrund ging, nachts in Berlin die Scheiben von Sexshops einschlug und schließlich zur „Bewegung 2. Juni“ stieß, kooperierte mit dem Verfassungsschutz. 1989 wurde sie von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt. Am 30. November 1989 verließ sie das Gefängnis.

Die jetzige, neuerliche Anklage gegen Becker stützt sich auf DNA-Spuren an Briefumschlägen, in denen das „Kommando Ulrike Meinhof“ damals die Bekennerschreiben zum Buback-Mord verschickte, und auch auf handschriftliche Notizen, die die Ermittler in ihrer Wohnung fanden. Unter dem 7. April 2008, dem Jahrestag des Anschlags, lasen die Beamten: „Nein, ich weiß noch nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll, ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht mehr machen – aber ist das nicht armselig, so zu denken und zu fühlen?! Das ist nicht Heilung, das scheint noch ein weiter Weg zu sein.“

„Spirituell gesehen haben Buback junior und ich einen Konflikt, den es zu heilen gilt“, versuchte Verena Becker dem Haftrichter im August 2009 ihre Notizen zu erklären. So verliest es gestern der Vorsitzende Richter. Buback habe sie seit 2007 öffentlich als Mörderin seines Vaters bezeichnet. Seitdem gebe es da eine Verbindung. Buback würde diese Verbindung sicher nicht spirituell nennen.

Die Zeiten ändern sich. Eine militante Kämpferin wird zur Esoterikerin mit Heilpraktikerausbildung. Und wer hätte gedacht, dass sich eine ehemalige RAF-Terroristin einmal einen Verteidiger mit Ernst August Prinz von Hannover teilen würde? Doch die RAF ist Geschichte, und Hans Wolfgang Euler ist ein hervorragender Strafverteidiger mit Erfahrung in langwierigen Prozessen. Mit Otto Schily soll er gut bekannt sein, was im aktuellen Fall sicher hilfreich ist. Schily war Verteidiger im Prozess gegen die erste Generation der RAF, für die die Stammheimer Gerichtsfestung überhaupt gebaut worden war. Zusammen mit Walter Venedey, der sich in Berlin eine Kanzlei mit Gregor Gysi teilt, hat Hans Wolfgang Euler die Verteidigung Verena Beckers übernommen.

Gestern hat er die Richtung bereits vorgegeben. Die Vorwürfe seien wenig überzeugend, sagte Euler nach der Verhandlung. Spuren an Briefumschlägen und Bereitschaft zur Tat deuteten vielleicht auf eine Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung hin, ein Mordvorwurf lasse sich daraus jedoch nicht ableiten.

Diejenige, die wissen wird, was damals wirklich geschehen ist, ist zu diesem Zeitpunkt längst wortlos durch den Hinterausgang verschwunden. Vermutlich wird sie weiter schweigen. Sie habe zurzeit nicht vor, sich zu äußern, erklärte ihr Verteidiger gestern vor Gericht.

Wiebke Ramm