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Deutschland / Welt Falun-Gong-Anhänger erinnern an Repressionen
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08:40 21.07.2009
Falun Gong Peking Volksrepublik Ersatzreligion Meister Li
Erinnerung an die Opfer: Falun-Gong-Anhänger protestieren in vor dem chinesischen Konsulat in Chicago gegen die Verfolgung durch die chinesische Regierung. Quelle: Scott Olson/afp
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Kürzlich klopfte bei Frau Li wieder einmal das Nachbarschaftskomitee. Vor der Tür standen drei Männer mit roten Armbinden, die höflich fragten, ob die Familie schon gegessen habe, um dann nach kurzem Geplauder auf ihr eigentliches Anliegen zu kommen. Es sei nämlich so, dass man sich an höherer Stelle ein wenig Sorgen mache, sagten sie. Wegen „dieser Sache“, sie verstehe schon.

So geht das nun seit zehn Jahren. Genauer gesagt seit dem 20. Juli 1999, dem Tag, an dem Chinas Regierung Menschen wie Frau Li zu Staatsfeinden erklärte. Denn die Kassiererin praktiziert Falun Gong, jene Heilslehre, von der die Kommunistische Partei sich so sehr bedroht fühlt, dass sie ihre Anhänger bis heute konsequent verfolgt. Tausende - nach einigen Schätzungen sogar Hunderttausende - Anhänger wurden festgenommen und zur „Umerziehung“ in Arbeitslager geschickt, als hätten sie Gewaltverbrechen begangen oder einen Putsch geplant. Dabei hatten die meisten nie etwas anderes getan, als sich morgens mit Nachbarn im Park zu treffen und die Übungen zu absolvieren, die ihr „Meister“ Li Hongzhi ihnen auf Kassette gesprochen hatte: Meditationspraktiken, Gymnastikabfolgen und moralische Unterweisungen für ein besseres Leben. „Unsere Grundsätze sind Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Toleranz“, sagt Frau Li. „Ich weiß nicht, warum das gefährlich sein soll.“

Wer wie sie in China noch heute Falun Gong betreibt, muss dies heimlich in seiner Wohnung tun - und aufpassen, nicht verpfiffen zu werden. Für westliche Kritiker gehört die Kampagne gegen Falun Gong zu Chinas größten Menschenrechtsverbrechen. Peking besteht dagegen darauf, dass es sich bei Falun Gong um einen „bösen Kult“ handle, der die Stabilität des Landes bedroht und die Regierung unterwandert habe. Zwar ist es der Partei gelungen, Falun Gong in China zu zerschlagen, doch dafür hat sie sich im Ausland einen neuen Feind gemacht. Denn dort hat sich die Organisation neu erfunden, als Mischung aus spiritueller Bewegung und Aktivistengruppe, die vor chinesischen Botschaften demonstriert. „Die Welt darf nicht vergessen, dass in China noch immer Tausende Falun-Gong-Anhänger im Gefängnis sind und zum Teil gefoltert werden“, sagt Sharon Xu, Sprecherin von Falun Gong in Hongkong, wo die Gruppe frei agieren kann.

Doch Glauben ist in der Volksrepublik keine Kleinigkeit. Schließlich sind auch die Kommunisten traditionell im Gewerbe der Heilsversprecher unterwegs - und wenn sie sich seit Anfang der achtziger Jahre weitgehend daraus zurückgezogen haben, dann nur unter der Voraussetzung, dass kein anderer die Lücke füllt. Doch genau das tat der selbsternannte „Meister“ Li Hongzhi - und führte der Pekinger Führung drastisch vor Augen, wie viele Chinesen im Reformzeitalter die Orientierung verloren hatten, und wie leicht es ist, sie mit spirituellen Versprechen an sich zu binden.

Begonnen hatte alles mit Frühsport. Da die Partei nach der Kulturrevolution ihre Fundamentalopposition gegen alle Traditionen aufgegeben hatte, bekamen jahrhundertealte Körperschulen wie Qigong oder Taichi plötzlich wieder großen Zulauf. Die Regierung unterstützte den Trend sogar. Zu den Gruppen, die in Parks und auf Plätzen zum Mitmachen einluden, gehörte ab Anfang der Neunziger auch eine, die sich auf Falun Gong berief, die „Lehre von den großen Gesetzen des Rades“, eine Neuerfindung des Meisters Li Hongzhi. Diese verband einfache Bewegungsabläufe mit leicht verständlichen buddhistischen Meditationen. Das war für Anfänger ideal und obendrein auch technisch modern, denn die Anweisungen kamen von Kassetten, die man sich überspielen und mit nach Hause nehmen konnte. 1995 veröffentlichte Meister Li zusätzlich ein Buch, das vor allem den Reformverlierern aus der Seele sprach.

So wurde Falun Gong schnell zum Massenphänomen - und mit dem Erfolg stieg auch das Selbstbewusstsein von Meister Li, der als Wanderprediger in eigener Sache durchs Land reiste. Es ist leicht, in ihm die Züge eines Wahnsinnigen auszumachen, eines Möchtegern-Messias, der Menschen mit aberwitzigen Heilsversprechungen verführt und seine Lehre darauf zugeschneidert hat, das Leben seiner Anhänger ganz und gar zu kontrollieren. „Aberglaube, Abhängigkeit und Weltentzug“ seien ihre Grundlagen, urteilte der deutsche Politologe Thomas Heberer in einer Analyse.

Li schuf die größte Organisation, die es in der Volksrepublik je außerhalb des Parteiapparates gegeben hatte. Er gründete 39 Studienzentren, 1900 Unterzentren und insgesamt 28.000 Gebetszirkel, alle straff organisiert. Geld verlangte er nicht, Spenden nimmt er aber gerne an und finanzierte damit seinen Wohnsitz in New York, wo er heute lebt. Seine Umtriebigkeit erregte bald Aufsehen und Argwohn. Staatsmedien begannen, vor Lis Ersatzreligion zu warnen. Die Falun-Gong-Anhänger demonstrierten friedlich dagegen - und wurden eingesperrt.

1999 suchte Li die Machtprobe: Am 25. April ließ er über 10.000 seiner Anhänger nach Peking reisen und 13 Stunden lang das Regierungsviertel umstellen. Eine Delegation seiner Anhänger - darunter berühmte Professoren und hohe Beamte - überbrachten dem Premierminister eine Petition, in der sie forderten, Falun Gong offiziell anzuerkennen. Li selbst hatte am Vortag sicherheitshalber das Land verlassen und lebt heute versteckt in den USA.

Der minutiös organisierte und diszipliniert durchgeführte Aufmarsch, der Peking völlig überraschte, ließ bei der Parteiführung die Alarmglocken läuten. Staatspräsident Jiang Zemin warf seinem Sicherheitsapparat vor, ihn dem „Gelächter der ganzen Welt“ preisgegeben zu haben. Hatte er zuvor selbst öffentlich mit dem Buddhismus sympathisiert, befahl er nun, Falun Gong ganz und gar auszumerzen. Parallel zu den Polizeieinsätzen starteten die Medien eine Propagandakampagne, die Falun Gong als eine Sekte darstellte, die ihre Mitglieder dazu trieb, sich selbst zu verbrennen oder sich den Bauch aufzuschneiden, um dort nach dem „Rad des Gesetzes“ zu suchen.

Doch so einfach es ist, Li als Verrückten abzustempeln, so schwierig ist es, das Gleiche für seine Anhänger zu tun. „Wir sind ganz normale Leute“, sagt die Hongkonger Falun-Gong-Sprecherin Sharon Xu, die bei einer Bank arbeitet. „Wir verlangen von niemandem, dass er unseren Glauben teilt und unsere Gründe versteht.“ Aber es gibt diese Gründe.

von Bernhard Bartsch