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Deutschland / Welt Flughafen-Eröffnung stellt Berliner vor Geduldsprobe
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06:15 03.06.2012
Foto: Voreiliger Dank: Die Stellwände am Flughafen Tegel feiern das Ende des alten Westberliner Airports deutlich verfrüht.
Voreiliger Dank: Die Stellwände am Flughafen Tegel feiern das Ende des alten Westberliner Airports deutlich verfrüht. Quelle: dpa
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Berlin

Schlangenbeschwörer könnten weiterhelfen an Berlins altem Hauptstadtflughafen Tegel. Irgendetwas, um aufgebrachte Passagiere abzulenken. Animateure, Clowns, Servicepersonal mit Gummibärchen und Freigetränken. An diesem Wochenende tritt der Sommerflugplan in Kraft. Ein Flugplan, der für den neuen Großflughafen mit den drei Großbuchstaben „BER“ vorgesehen war und nun, da die Eröffnung des Willy-Brandt-Flughafens ins nächste Jahr verschoben ist, in einem Airport-Museum abgewickelt werden muss, das schon fast geschlossen war. Spätestens in drei Wochen wird es brechend voll, wenn die Sommerferien beginnen und die Berliner und Brandenburger zum Mallorca-Shuttle strömen. Der hebt von ihrem alten, auf Verschleiß gefahrenen City-Airport Tegel ab. Einem Flughafen, der schon jetzt mit 16 Millionen Passagieren im Jahr aus allen Nähten platzt.

„Passagiere in Tegel müssen viel Geduld mitbringen“, warnt Bernhard Alvensleben, Chef von Globe Ground Berlin, dem größten Bodenverkehrsdienstleister an den Berliner Flughäfen. In Tegel fertigt Globe Ground 80 Prozent des Verkehrs ab, alle Flüge von Lufthansa und Air Berlin. 1200 Mitarbeiter sortieren Gepäck, reißen Bordkarten ab, stehen auf dem Vorfeld, fahren Busse und Fluggastbrücken.

Berlin hatte sich auf den neuen Hauptstadtflughafen gefreut. Dann kam das Eröffnungschaos. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Berliner Flughafen-Debakel.

In drei Wochen ist Ferienbeginn. Vor drei Wochen, als feststand, dass der neue Großflughafen nicht pünktlich öffnen wird, begann der Dauerstress für Alvensleben. Lufthansa und Air Berlin, die beiden größten Gesellschaften in Tegel, haben ihren Sommerflugplan für den neuen Airport deutlich aufgestockt. Jetzt bleiben sie an Tegel hängen. Alvensleben hat alles durchgerechnet.

Sein Fazit: „Wir bekommen den verstärkten Flugbetrieb in Tegel hin.“ Der blonde Manager lehnt sich zurück und schiebt ganz ruhig hinterher: „Es wird aber störanfälliger. Wenn sich in den Spitzenzeiten ein Flug verzögert, wirkt sich das auf den ganzen Betrieb aus. Wir brauchen dann länger als heute, um diese Verzögerungen wieder auszugleichen.“

Alvensleben malt Wellen auf ein Blatt Papier. An den Wellenscheiteln ist Stress zu erwarten, in den Wellentälern können seine Leute Verzögerungen aufholen. So sieht es heute aus. Dann malt er neue Wellen: Die Scheitel werden breiter, die Täler verschwinden fast. So ist es ab nächste Woche. Der neue Flugplan stellt das Personal vor extreme Belastungen. Es ist eng, es ist voll, Passagiere müssen länger warten, sind frustriert. Flugkapitäne und Kabinenpersonal trifft es ebenso.

Terminal ist veraltet

38 Jahre alt ist der Terminal des Flughafens Tegel. Ein ästhetischer Albtraum aus Waschbeton, in den die Mehrheit der Berliner unsterblich verliebt ist. Die Taxen fahren direkt am Gate vor, früher bekam man oft noch seinen Flug, wenn man zehn Minuten vor Abflug aus dem Wagen sprang. Diese Zeiten sind ohnehin vorbei. Passagiere der Air Berlin müssen zu einem abgelegenen Baracken-Terminal laufen. Die Gepäckbänder sind alt und lange nicht mehr gewartet worden, das Gepäck für Umsteiger wird von Hand sortiert. Künftig kann es dauern, bis die Koffer auf dem Band auftauchen.

Viel Zeit kann vergehen, bis sich überhaupt die Türen des Fliegers öffnen, bis Treppen und Busse herangefahren sind. Eine Verlagerung von Flügen nach Schönefeld hätte eine Entlastung sein können, doch die Platzhirsche wollten nicht zum Billigflieger-Airport am Stadtrand. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn scheute vor dem „Charme der alten DDR“ am einstigen Ost-Airport zurück.

Bernhard Alvensleben spricht von Prozessen, die optimiert werden müssen. Seine Mitarbeiter sprechen eine andere Sprache. Serhat Karaman hat Feierabend, in seiner Globe-Ground-Arbeitskluft wartet er auf den Bus nach Hause. „Jeder zweite Flug wird verspätet rausgehen“, prophezeit ein Vorfeldmitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Angst vor dem Stress aber hat er nicht. „Ich  schaffe, was ich schaffen kann, mehr geht nicht“, sagt er. Bernhard Alvensleben redet von „Höchstleistungen“, die Karaman und seine 1200 Kollegen jetzt jeden Tag vollbringen müssen. Vielleicht bis März, vielleicht noch länger, wenn der Neubau sich weiter verzögert.

Sechs Busstationen weiter, am Kurt-Schumacher-Platz, hat ein Gastronom  Zelte und Tische auf das windumtoste Parkdeck des Einkaufszentrums gestellt. Hier sitzt Gabriele, Mittvierzigerin, Verwaltungsangestellte, und genießt den Blick auf die Landebahn. Der Nachname tue nichts zur Sache, sagt sie, und beginnt zu erzählen. Sie wohnt ganz in der Nähe, geboren ist sie in Hannover-Langenhagen, direkt am Flughafen. Vielleicht prägt das, jedenfalls schwärmt sie von der Perlenkette der landenden Jets, die sie jeden Abend von ihrer Wohnung aus beobachten kann.

Jedes Jahr fliegt sie nach Sizilien, auf dem Hinflug bucht sie einen Fensterplatz mit Blick auf den Ätna beim Landeanflug, beim Rückflug mit Blick auf ihr Haus. Wenn die rote Werbung des Hähnchengrills am Kurt-Schumacher-Platz ins Flugzeugfenster leuchtet, ist sie zu Hause, in Tegel. Neun Monate mehr Flugbetrieb, für Gabriele ist das ein Versprechen, keine Drohung. Viele Nachbarn sehen das anders, das weiß sie auch. Einer ist umgezogen in die Nähe des neuen Airports, der Arbeit wegen, jetzt muss er vom Südosten Berlins nach Tegel pendeln.

„Ich wäre gern zum neuen Flughafen gegangen“, sagt auch Halise Olucu. Sie arbeitet in Tegel im Restaurant, hatte in Schönefeld eine bessere Stelle bei einem neuen Arbeitgeber in Aussicht. „Ich habe mich sehr gefreut auf die Stelle“, sagt sie, „mit Tegel und Marché, wo ich jetzt arbeite, habe ich eigentlich schon abgeschlossen. Aber vielleicht war die Vorfreude zu groß.“

Unsicherheit für Mitarbeiter

Jetzt hat sie keine Wahl, jetzt macht Halise Olucu in Tegel weiter, bis zum 17. März 2013, dem nun genannten Eröffnungsdatum des „BER“, oder eben länger. So gelassen wie sie gehen nicht alle Airport-Mitarbeiter mit den Unsicherheiten der vergangenen Wochen um. Sie haben Pläne gemacht, Jobs gekündigt, Bewerbungen geschrieben. Sie müssen das Versagen von Planern und Aufsichtsräten ausbaden.

Was aber besonders auffällt im Waschbeton-Achteck, das Tegel heißt, ist die Gelassenheit. Gelassen stehen die Taxifahrer im Stau, ruhig warten die Passagiere in den engen Gängen, lächelnd  sitzt Bernhard Alvensleben in seinem Büro. Als der Regierende  Bürgermeister Klaus Wowereit vergangene Woche hier war, war die Aussichtsterrasse voll mit Menschen, die den A 380 der Lufthansa sehen wollten, der hier nie im Linienverkehr landen wird. Ihrem Bürgermeister haben sie zugewinkt. Zumindest die Terrasse eines seit Januar geschlossenen Restaurants war zugänglich, ohne jede Sicherheitskontrolle. Keine Wut brach sich Bahn, kein einziges Farbei flog.

Je weniger in Berlin reibungslos läuft, desto gelassener scheinen die Menschen zu werden. Vielleicht braucht es gar keine Schlangenbeschwörer in Tegel.

Jan Sternberg/dpa