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Deutschland / Welt Frankreich ließ eigene Soldaten mit Absicht verstrahlen
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16:47 16.02.2010
Französische Soldaten bei dem Test in den 60er Jahren in der algerischen Wüste. Quelle: afp
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Frankreich hat bei seinen Atomtests in den 60er Jahren in Algerien Soldaten vorsätzlich radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Bei den Manövern sei es darum gegangen, „die körperliche und psychologische Wirkung (...) der Atomwaffe auf den Menschen zu untersuchen“, heißt es in einem geheimen Armeebericht, der AFP am Dienstag vorlag. Dazu mussten Soldaten unter anderem 800 Meter vom Explosionsort entfernt im Sand ausharren.

Frankreich hatte seine erste Atombombe am 13. Februar 1960 in der algerischen Sahara gezündet. Der Bericht bezieht sich auf die vierte oberirdische Zündung einer deutlich kleineren Fünf-Kilotonnen-Bombe, die den Codenamen „Gerboise verte“ („Grüne Wüstenspringmaus“) bekam. Kurz nach ihrer Explosion am 25. April 1961 seien Soldaten zu Fuß oder in Geländewagen auf die Explosionsstelle vorgerückt, heißt es in dem 1998 von Armee-Angehörigen erstellten Bericht über die Atomtests in der Sahara.

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Durch das Manöver „in atomarer Umgebung“ sollten demnach Erkenntnisse für die „körperliche und moralische Ausbildung des modernen Kämpfers“ gewonnen werden. Die Tests sollten Aufschluss über die Möglichkeit geben, „die Zone mit (radioaktivem) Niederschlag zu durchqueren“, und Erkenntnisse über Schutzmöglichkeiten und Dekontaminierung bringen. Die Autoren vermerkten, dass es aus ihrer Sicht „unpassend“ sei, die Ergebnisse des Berichts einer „breiten Öffentlichkeit“ zugänglich zu machen.

Eines der dort beschriebenen Manöver bestand darin, „eine Schlüsselposition zu besetzen, die durch einen Atomangriff getroffen wurde“, heißt es in dem Dokument. 30 Mann, die mit Umhängen, Handschuhen und Masken ausgestattet waren, hätten vor der Explosion 45 Minuten Zeit bekommen, um sich Schutzlöcher in den Sand zu graben. Eine Überprüfung der Soldaten nach der Explosion ergab den Angaben zufolge „keine offensichtlichen Verbrennungen“ oder sonstige Beeinträchtigungen.

„Es erscheint nach diesen Ergebnissen, dass der Kämpfer 800 Meter vom Explosionsort entfernt körperlich in der Lage ist, den Kampf fortzusetzen“, vermerkt der Bericht. Allerdings sei klar, dass auch Schutzkleidung Soldaten in der verseuchten Zone „nur einen relativen Schutz“ geben könnte, weshalb die Aufenthaltszeit der Einheiten dort begrenzt werden müsse.

Verteidigungsminister Hervé Morin kündigte „vollkommene“ Aufklärung über die Strahlenbelastung der beteiligten Soldaten an. Teile des Berichts wurden demnach schon im Januar 2007 veröffentlicht. Morin erinnerte daran, dass Frankreich gerade erst ein Gesetz für die Entschädigung von Strahlenopfern seiner Atomtests verabschiedet habe. Betroffene, die vielfach an Krebs erkrankt sind, hatten jahrzehntelang dafür gekämpft. Das Verteidigungsministerium rechnet nun mit „einigen hundert“ Entschädigungsfällen. Für dieses Jahr wurden dafür zehn Millionen Euro bereitgestellt.

Frankreich hat seit 1960 insgesamt 210 Atombomben getestet, 17 davon bis 1966 in der ehemaligen Kolonie Algerien und den Rest auf französischen Inseln im Pazifik. Der letzte Test fand 1996 statt.

afp