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Deutschland / Welt Für die Rolle des Kandidaten fehlt ihm der Text
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Für die Rolle des Kandidaten fehlt ihm der Text
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20:11 18.05.2009
Von Stefan Koch
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„Neues Deutschland“? Das gibt es tatsächlich noch. Der Verlag ist am Berliner Ostbahnhof ansässig und stemmt sich unverdrossen gegen den Auflagenschwund. Aus dem einstigen Massenblatt der SED hat sich eine kleine, aber kämpferische Zeitung entwickelt, die hartnäckig gegen den gesamtdeutschen Strom schwimmt.

Während rundherum das moderne neue Berlin heranwächst, werden dort, in einem altersschwachen Gebäude, die Erinnerungen an die einstige „Hauptstadt der DDR“ gepflegt. Jüngst setzte sich ein prominenter Besucher mit den Redakteuren zusammen: Peter Sodann, der Mann, der im Westen Deutschlands eher als TV-Kommissar Bruno Ehrlicher bekannt ist, im Osten als anerkannter Theatermann gilt und nun als Kandidat der Linkspartei zur Wahl des Bundespräsidenten antritt.

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Dass Sodann keine nennenswerten Chancen haben würde, lag von Anfang an auf der Hand. Es reiche ihm schon, so sagte er, dass er für die „Liebhaber des Kapitalismus“ eine Provokation sei. Überraschend ist aber, dass die Kandidatur Sodanns inzwischen von vielen in der Linkspartei als Fehlentscheidung gewertet wird, sogar vom Kandidaten selber: „Nein, das würde ich mir nicht noch einmal antun“, stellt der 72-Jährige ohne Umschweife fest.

In den vergangenen Monaten sei er auf zu viel Dummheit gestoßen. Er fühle sich angefeindet: „Diese ganze Journaille, die müsste man doch verbieten!“

Tatsächlich hatten die Medien es ihm nicht leicht gemacht. Seine Popularität als Schauspieler und Kabarettist vermochte ihn zwar für kurze Zeit vor scharfen Angriffen zu schützen. Doch dann geriet der politische Sodann in den Blick – und sorgte für eine Seltsamkeit nach der anderen. Mal wollte er Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann am liebsten verhaften, mal rügte er das Überangebot an Meinungen an einem modernen Zeitungsstand: „Wie sollen sich die jungen Leute da eigentlich zurechtfinden?“. Ob es nicht schön sei, dass heute viele Meinungen kursierten, fragte ihn der Fernsehmoderator Johannes B. Kerner. Kühl konterte Sodann: „Es gibt auch viele dumme Meinungen – und das ist gefährlich.“

Zur Enttäuschung seiner Gäste hält er sich an diesem Abend beim „Neuen Deutschland“ zurück. Immerhin, so witzelt er, sei „der Ackermann“ jetzt wenigstens einer, „der davor Angst hat, dass ich zum Bundespräsidenten gewählt werde“. Die überwiegend älteren Gäste lachen ein bisschen. Doch schon bald ist zu spüren: Sodann macht es auch den Wohlwollenden schwer.

Natürlich teilen sie mit dem Kandidaten die DDR-Vergangenheit. Sie zollen dem Mann Respekt, der unter schwierigsten Bedingungen Theater gespielt und mehrere Monate in DDR-Untersuchungshaft gesessen hatte. Und sie sind ein bisschen stolz darauf, dass er nach der Wende den Sprung in die gesamtdeutsche Fernsehwelt schaffte. Seine politischen Provokationen aber greifen kurz. Sehr kurz sogar. Ein übergreifender intellektueller Kontext ist hinter seinen eigenwillig aneinandergereihten Anekdoten nur schwer auszumachen. Er gefällt sich in der Rolle dessen, der mal eben „denen da oben“ die Meinung sagt, Aber was kommt dann? Für eine Beschreibung dessen, was in der Wirtschafts- und Finanzpolitik zu geschehen hätte, damit sich die Dinge zum Guten wenden, reicht es nicht. Das hat er dann lediglich Schlagworte parat. Es scheint, als sehe er bei allem, was schwer verständlich ist, schlicht und einfach böse Kräfte am Werk.

Andererseits: Der Künstler kann provozieren und griffig formulieren. „Ich bleibe dabei: Deutschland ist doch keine echte Demokratie, solange die soziale Ungerechtigkeit wohltätige Einrichtungen wie die sogenannten Tafeln erforderlich macht.“ Will man aber etwas tiefer pflügen, flüchtet sich der Kandidat auf einmal in Einlagen aus dem Kabarett: „Égalité, Fraternité, Pfefferminztee.“

Immerhin, Sodann zieht sein Ding durch, er schmeißt jetzt nicht hin, trotz aller Kritik von außen und auch aus dem eigenen Lager. Es sind ja auch nur noch ein paar Tage bis zum 23. Mai. Ein Ehrenbürger der Stadt Halle und Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Doch das Rennen um das Amt des Bundespräsidenten macht ihm sichtlich zu schaffen, auch physisch. Sodann freut sich augenscheinlich schon auf den 24. Mai, wenn der Rummel um seinen Ausflug in die Politik vorbei ist.

Die Fragen der rund 70 Gäste beim „Neuen Deutschland“ beantwortet er nur kurz, geradezu abwehrend. Der anfängliche Genuss, vor neugierigem Publikum zu sprechen, ist längst verflogen. An diesem Abend wirkt er unkonzentriert. Mehrfach verliert er den Gesprächsfaden, um dann kurzerhand abzubrechen. „Ich bin ein bisschen abgeschweift. Aber macht nichts.“ Der bald 73-Jährige wirkt erschöpft. Rebell zu sein und sich für den Einzug ins Schloss Bellevue zu bewerben, ist eine doppelte Anstrengung.

Wofür genau tritt Sodann ein? Für den Sozialismus? „Das Wort Sozialismus klingt stark verunsichernd“, befindet er. „Vielleicht ist es im Moment besser zu sagen, man wolle ein besseres, anderes Zusammenleben der Menschheit, was mit dem Kapitalismus nicht geht. Sozialismus in anderen Händen könnte eine Variante sein.“ Wie aber dieser Sozialismus aussehen soll, was genau die anderen Hände besser machen würden, dazu sagt er nichts.
Die Antworten, die er auf drängende Probleme dieser Zeit gibt, liegen sogar der Linkspartei quer im Magen. Fraktionschef Gregor Gysi, der Sodann für seine Partei gewonnen hatte, gestand gestern vor Journalisten in Berlin ein: „Er ist ein Provokateur. Aber er ist sicherlich kein Repräsentant der Linken.“

Es ist kein Geheimnis, dass Sodann nicht die erste Wahl der kleinen Partei war. Anfangs tendierte die Linkspartei dahin, bei der Bundesversammlung von vornherein stramm für die SPD-Kandidatin Gesine Schwan zu stimmen. Als die streitbare Professorin jedoch in einem „Spiegel“-Interview Oskar Lafontaine einen „Demagogen“ nannte, war es aus mit der öffentlichen Hilfestellung. Der Linksparteichef drängte auf einen eigenständigen Bewerber – egal, wer ins Rennen geht.

Gysi und Lafontaine verfielen auf eine perfide Idee: Sie benutzten den Schauspieler Sodann wie eine Marionette. Von dieser umstrittenen Methode hat sich die Partei mittlerweile verabschiedet und deutlich bekundet, dass sie sich im zweiten Wahlgang am Sonnabend nun doch hinter der SPD-Kandidatin sammeln will. Das wirre Spiel um diese Kandidatur ist zu einer innerparteilichen Belastung geworden. So meldete sich Sodann beim Europaparteitag der Linken im Februar nicht ein einziges Mal zu Wort, obwohl er in der ersten Reihe saß. Und die oberste Riege der Partei blendete ihn in ihren Reden vollständig aus. Ein merkwürdiges Bild prägte sich den Beobachtern ein: Sodann saß inmitten der Parteiprominenz und war eigentlich gar nicht vorhanden.

Der Kandidat habe nicht reden wollen, betonten später die Parteisprecher. Er habe nicht gedurft, sagten andere. Ganz gleich, was sich nun wirklich hinter den Kulissen des Parteitags abgespielt hatte: Die Linken haben sich innerlich von ihrem eigenen Mann verabschiedet. Zu allem Unglück hält die Zustimmung für seine pauschale Demokratiekritik aus einer anderen Ecke unvermindert an: „Danke für den Tabubruch, Herr Sodann!“, verkündet die NPD seit Monaten. Die Rechtsextremen in Ostdeutschland lachen sich ins Fäustchen, dass die Bundesrepublik mit dumpfen Sprüchen ausgerechnet von einem Mann angegriffen wird, der an die höchste Stelle strebt.