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Deutschland / Welt Straßenschlachten kurz vor WM-Anpfiff
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Straßenschlachten kurz vor WM-Anpfiff
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18:01 12.06.2014
Polizisten schossen mit Tränengas, um die Demonstration aufzulösen. Quelle: Reuters
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Sao Paulo

Gummigeschosse, Tränengas, Blendgranaten: Die Illusion eines friedlichen Fußball-Fests in Brasilien ist schon vor dem ersten Anstoß bei der WM geplatzt. Am Mittag vor dem Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien lieferten sich Demonstranten und die Polizei zahlreiche Auseinandersetzungen. Steine, Bierflaschen und Gummigeschosse flogen, die Polizei löste die Proteste gewaltsam auf.

Die Demonstranten hatten ein Transparent mit der Aufschrift „Wenn wir keine Rechte haben, wird es keine WM geben“ ausgerollt. Ein Mann, der sich widersetzte, wurde mit Gummigeschossen beschossen und festgenommen. Mindestens eine weitere Frau wurde verletzt, Berichte über zwei verletzte Journalisten wurden zunächst nicht bestätigt. Ein Demonstrant sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass das Ziel der Demo die Besetzung des Stadions sei. Die Aktivisten wollen den WM-Start verhindern. „Brasilianer lieben den Fußball, aber wir brauchen diese WM nicht. Alle Brasilianer sollten sich erheben.“

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Vor der Arena feierten derweil schon Stunden vor dem Anpfiff Tausende Fans friedlich und bunt gegen die Krawalle und schlechten Nachrichten an. Schon die kleinsten Kinder trugen Trikots von Superstar Neymar, fliegende Händler verkauften gefälschte Trikots, extravagante Hüte, Schals und Duplikate des WM-Pokals. Viele Fans sangen und tanzten, das Verhältnis zu den kroatischen Anhängern wirkte ausgesprochen freundschaftlich.

Bei einer Protestaktion von WM-Gegnern ist es  wenige Stunden vor Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft in São Paulo zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen.

Die Behörden der Stadt hatten sich auf Proteste und Straßenblockaden rund um das erst kürzlich fertiggestellte WM-Stadion eingestellt. Die Arena de Sao Paulo ist mit Baukosten von 525 Millionen Dollar ein Symbol für die Ausgabenexplosion rund um die WM geworden ist. Ein weiterer Streik der U-Bahnfahrer in Sao Paulo wurde abgewendet. Die dortige Gewerkschaft entschied sich am Mittwochabend, ihren Ausstand nicht fortzusetzen und das Angebot für ein Gehaltsplus von knapp neun Prozent wohlwollend zu prüfen. Der Umfang des geplanten Flughafenstreiks ließ sich zunächst nicht abschätzen. Die nationale Gewerkschaft der Flughafenmitarbeiter SNA distanzierte sich von dem Aufruf der kommunalen Arbeitnehmervertretung SIMARJ. Diese fordert mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und Bonuszahlungen wegen der Fußball-WM.

Die WM in Brasilien ist die teuerste in der Geschichte des Weltfußballverbands Fifa. Das Schwellenland lässt sich das Ereignis umgerechnet mehr als acht Milliarden Euro kosten. Viele Bürger sind der Ansicht, dass die Regierung das Geld lieber für Gesundheit und Bildung hätte ausgeben sollen. Der Unmut war bereits im vergangenen Jahr in Massenprotesten und teilweise heftigen Straßenschlachten eskaliert.

Die brasilianische Regierung setzt darauf, dass mit dem WM-Anpfiff und möglichst vielen Erfolgen der Mannschaft rund um den 22-jährigen Torjäger Neymar die Fußballbegeisterung Kritiker verstummen lässt. „Was ich mehr und mehr sehe, ist das Willkommenheißen der Teams und die Freude der brasilianischen Bevölkerung über unsere Mannschaft“, sagte Präsidentin Dilma Rousseff. Sie selbst begrüßt in den kommenden Tagen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Bundesregierung gab am Donnerstag bekannt, dass die Kanzlerin ab dem 15. Juni Brasilien besuchen und dort das erste Gruppenspiel der deutschen Mannschaft am Montag gegen Portugal sehen wird.

Präsidentin Rousseff stellt sich im Oktober zur Wiederwahl und hofft auf einen WM-Bonus. Sollte die brasilianische Mannschaft dagegen schlechter abschneiden als erwartet, könnte dies auch Rousseffs Pläne für eine zweite Amtszeit zunichtemachen.

rtr/sid/frs