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Deutschland / Welt Gebirgsjäger-Rekruten mussten rohe Schweineleber essen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Gebirgsjäger-Rekruten mussten rohe Schweineleber essen
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09:54 10.02.2010
Die Edelweiß-Kaserne in Mittenwald/Oberbayern: Dort sind Gebirgsjäger- Einheiten stationiert, die als Elitetruppe gelten. Quelle: dpa
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Rekruten bei den Gebirgsjägern in Mittenwald sind offenbar mit Wissen der Vorgesetzten entwürdigenden Ritualen unterzogen worden. Ein Soldat beschwerte sich beim Wehrbeauftragten des Bundestags, Reinhold Robbe, darüber. Soldaten mussten demnach bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen, um in einer internen Hierarchie aufzusteigen.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der selbst in Mittenwald gedient hat, verlangte im ZDF: „Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen.“ Der Bundeswehrverband forderte am Mittwoch, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

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Robbe berichtete dem Verteidigungsausschuss des Bundestages in einem Brief über die Fälle. Zuvor hatte die „Süddeutsche Zeitung“ über die Vorgänge in der bayerischen Truppe mit Standort nahe der österreichischen Grenze berichtet. Robbe sagte dem Blatt, es gehe um eine „Angelegenheit von offenbar größerer Dimension“, der mit Nachdruck und Priorität nachgegangen werden müsse.

Der Presseoffizier der zehnten Panzerdivision in Sigmaringen, Peter Wozniak, sagte, man nehme den Vorfall sehr ernst und werde „streng und ohne Toleranz gegen Gesetzesverstöße einschreiten“. Unmittelbar, nachdem man am 4. Februar über die Eingabe informiert worden sei, habe man mit den Ermittlungen begonnen. Man prüfe disziplinarische und strafrechtliche Konsequenzen.

Unterschiedliche Angaben über Wissen der Vorgesetzten

Die Beschwerde ging Ende Januar bei Robbe ein und stammt von einem ehemaligen Wehrpflichtigen. Demnach existiert bei den Gebirgsjägern des Bataillons 233 unter den Mannschaftsdienstgraden schon seit den 80er Jahren eine interne Hierarchie, genannt „der Hochzugkult“. In diesem sei man zunächst drei Monate „Fux“ und müsse für die „Cheflage“ spülen und putzen. Aufsteigen könne man nur, wenn man verschiedene Aufnahmerituale bestehe.

So musste sich der Soldat im Sommer 2009 zwei Tage lang außerhalb der Dienstzeit anstrengenden Prüfungen stellen und dabei große Mengen Alkohol trinken. Dabei würden Soldaten auch gezwungen, rohe Schweineleber und Rollmöpse mit Frischhefe zu essen. Die Frischhefe bewirke, dass sich die Betroffenen innerhalb kürzester Zeit heftig übergeben mussten. Auch seien Soldaten gezwungen worden, sich vor Kletterübungen vor den versammelten Kameraden zu entkleiden.

Die Vorgesetzen waren laut der Beschwerde über alles informiert, schritten aber nicht ein. Robbe schreibt an den Ausschuss, erste Informationen des zuständigen Divisionskommandeurs hätten die Eingabe des Soldaten „im Wesentlichen“ bestätigt. Die Rituale hätten sich offenbar über die Jahre herausgebildet und immer weiter gesteigert. Wozniak sagte jedoch, die Vorgesetzten hätten von dem Vorfall vom Juni 2009 keine Kenntnis gehabt. Es seien ältere Mannschaftsdienstgrade beteiligt gewesen, darunter auch ehemalige Soldaten. In seiner Mitteilung an den Verteidigungsausschuss spricht Robbe von Aufgaben, die zum Teil „als erniedrigend und herabwürdigend“ anzusehen seien.

Bundeswehrverband: Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, forderte Konsequenzen. Im Sender N24 sagte er: „Eins ist klar, es muss hier ganz deutlich und auch mit aller Konsequenz gehandelt werden. Wenn sich das alles so bestätigt, wie es sich heute darstellt, dann müssen die zur Rechenschaft gezogen werden, die das gemacht haben, und auch diejenigen, die weggeschaut haben.

apd