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Deutschland / Welt Georg Leber ist gestorben
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21:29 22.08.2012
Von Klaus von der Brelie
Bundespostminister Georg Leber (l) stellt im März1971 beim Fernmeldetechnischen Zentralamt in Darmstadt die erste Bildfernsprechversuchsanlage in der Bundesrepublik vor. Quelle: dpa
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Hannover

„Schorsch“ Leber, wie ihn seine Freunde stets nannten, war über die Parteigrenzen hinweg ein geschätzter Politiker, bei den Soldaten der Bundeswehr war er so beliebt wie kaum ein Minister vor und nach ihm. Gleich mehrfach ist gestern daran erinnert worden, dass Leber sich sehr persönlich um das Wohlergehen der Soldaten gekümmert hat. In Lebers Amtszeit als Verteidigungsminister (1972 bis 1978) fallen die Gründung der Bundeswehruniversitäten in Hamburg und München, die Aufnahme von Frauen in den Sanitätsdienst der Armee und auch die Vergrößerung der Truppe auf zeitweilig mehr als 500.000 Soldaten.

Doch nicht nur in der Bundeswehr hat Leber Spuren hinterlassen. Als Verkehrsminister (1966 bis 1969) in der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) engagierte er sich für mehr Verkehrssicherheit und führte Tempo 100 auf Bundes- und Landstraßen ein, zudem setzte er die 0,8-Promillegrenze durch. 1969 übernahm er in der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt zusätzlich das Amt des Postministers. 1972 trat er als Nachfolger von Helmut Schmidt das Amt des Verteidigungsministers an.

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Vermutlich hat Leber nie angestrebt, politische Verantwortung für eine Armee zu tragen. In der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges war er verwundet worden, nachdem er fast sechs Jahre lang als Luftwaffensoldat die Grausamkeiten des Krieges kennengelernt hatte. Doch er identifizierte sich mit der Aufgabe, die ihm Kanzler Schmidt angetragen hatte, und gab von Anfang an zu erkennen, dass er für alte Nazis keinen Platz in der neuen deutschen Armee sah. Dies bekamen auch zwei hohe Luftwaffengenerale zu spüren: Als sie gegen eine entsprechende Weisung handelten und einen rechtsextremen Piloten zu einem  Traditionstreffen einluden, folgte die Entlassung auf dem Fuße.

Leber, als Sohn eines Maurers 1920 in Obertiefenbach bei Limburg in Hessen geboren, pflügte immer eine gerade Furche, in der Maurerlehre genauso wie nach dem Krieg als hauptamtlicher Funktionär der IG Bau-Steine-Erden. Von 1957 bis 1966 war er Bundesvorsitzender dieser Gewerkschaft.

1951 trat Leber in die SPD ein, 1957 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt. Hier schloss er sich den „Kanalarbeitern“ an, die unter dem Hannoveraner Egon Franke den rechten Flügel der Partei repräsentierten. Auch als Abgeordneter arbeitete Leber sehr erfolgreich, zum Beispiel für die Vermögensbildung der Arbeiterschaft.

Lebers Karriere als Minister endete am 1. Februar 1978 auf eigenen Wunsch und gegen den Willen von Helmut Schmidt. Leber übernahm die Verantwortung für mysteriöse Lauschangriffe des Militärischen Abschirmdienstes, der unter anderem Lebers Sekretärin fälschlicherweise als Agentin der DDR verdächtigte.  Bis 1983 blieb Leber im Bundestag, dem er zuletzt als Vizepräsident diente. Leber war katholisch; 1967 wurde er für vier Jahre in das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gewählt.

Nach dem Tod seiner ersten Frau im Jahre 1984 heiratete Leber ein zweites Mal und zog sich nach Schönau an den Königssee im Berchtesgadener Land zurück. Seinen letzten großen Auftritt hatte Leber im Oktober 2000, als er seinen 80. Geburtstag mit vielen prominenten Gästen im Frankfurter Palmengarten feierte, darunter Bundespräsident Johannes Rau, Kanzler Gerhard Schröder und Helmut Schmidt. Zehn Jahre später ließ Lebers Erkrankung eine solche Veranstaltung nicht mehr zu. Zurückgezogen lebte er zuletzt mit seiner Frau in einem Pflegeheim in Schönau. Vergessen haben ihn aber weder seine Gewerkschaft noch die Bundeswehr und auch nicht seine Partei. In Nachrufen wurde Leber gestern als „Vorkämpfer der Arbeiterbewegung“ gewürdigt, als „Soldatenvater“ und als „eine der ganz großen politischen Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte“.