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Deutschland / Welt Glücklichsein in Zeiten des Putsches
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08:29 23.06.2014
„Wir tolerieren kein Unglücklichsein“: Ein Militärpolizist bewacht in Bangkok ein von der Junta verordnetes Fest zur Volksbelustigung. Quelle: Narong Sangnak
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Bangkok

Soldaten beschallen die Menschen am vollen Platz des Siegerdenkmals in Bangkok vom Dach ihres Truppentransporters mit Popmusik. Sie haben die Uniformärmel hochgekrempelt, scherzen mit den Leuten, posieren für Fotos. Auf meterhohen Leinwänden rund um den Platz zeigt die Armee zwischen Werbespots für Bier und Shampoo Kriegsfilmszenen aus dem Militärarchiv und Soldaten im Kriseneinsatz. Die Botschaft: die Armee, dein Freund und Helfer.

Vor einem Monat hat das thailändische Militär geputscht. Ein Machtkampf zwischen der Regierung und ihren Gegnern hatte das Land sechs Monate nahezu lahmgelegt. Eine Lösung schien nicht in Sicht - und Armeechef Prayuth Chan-ocha stürzte die Regierung. Der Putsch war unblutig, ohne Panzer auf den Straßen. Seitdem tut Prayuth alles, um sich beim Volk einzuschmeicheln. Die nächtliche Ausgangssperre wurde nach drei Wochen aufgehoben. Das Motto der Armee lautet offiziell: „Wir machen das Volk wieder glücklich.“

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Am Wochenende sind die Kinosäle zum Bersten gefüllt. Es ist nicht der jüngste Tom-Cruise-Film, der die Leute vor die Leinwand lockt, sondern ein heimischer Historienschinken über glorreiche Schlachten. Der Eintritt ist frei, die Militärjunta lässt grüßen. Bei Musikfestivals im ganzen Land geben Soldaten derzeit die DJs. Doch statt Marschmusik legen sie Populäres auf, Soldatinnen rocken rhythmisch auf der Bühne. „Wie in Nordkorea“, ätzte sogleich ein Twitterer.

Den größten Coup landet die Junta aber anlässlich der Fußball-WM: Alle Spiele werden live im öffentlichen Fernsehen übertragen, was ursprünglich nicht vorgesehen war. Dafür machte sie kurzerhand umgerechnet 9 Millionen Euro locker und zahlte den TV-Anbieter aus, der die Übertragungsrechte eigentlich für kommerzielle Zwecke erworben hatte.

Der Karikaturist Stephff hat dieses Geschäft in einer Zeichnung auf den Punkt gebracht: Sie zeigt Prayuth mit einem Fußball am Band, mit dem er einen Elefanten - das Wahrzeichen Thailands - hypnotisiert. „Du bist glücklich, du bist sehr glücklich ...“, beschwört Prayuth das Tier. Eine andere Karikatur sieht aus wie das berühmte Foto vom Pekinger Tiananmen-Platz 1989, auf dem ein Mann einsam einem Panzer entgegentritt. In der Karikatur-Variante brüllt ein fröhlicher thailändischer Soldat aus dem Panzerausguck: „Wir tolerieren kein Unglücklichsein!“

„Alles nur vorübergehend“, beteuert Prayuth. „Wir werden das Volk nicht total verwöhnen.“ Aber Beobachter wie der Politikprofessor Thitinan Pongsudhirak sind skeptisch: „Das sind typische Methoden aus der Ära des Kalten Krieges, um Leute für sich einzunehmen“, warnt er. „Ob das 2014 fruchtet, wo die Probleme und Erwartungen ganz anders liegen, bleibt abzuwarten.“

Die Armee tischt indes auch Handfestes auf. 2 Milliarden Euro hat sie als Unterstützung für die Reisbauern angekündigt, deren Bezahlung im politischen Machtkampf auf der Strecke blieb. Außerdem sagt sie der Taxi-Mafia mit ihren überhöhten Preisen am Flughafen den Kampf an. Und auch eine Kampagne gegen Drogendealer und Wucherzinsen wurde gestartet.

Westliche Länder und Menschenrechtsorganisationen haben die Militärherrschaft stark kritisiert. Unter anderem seien das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit beschnitten und mehr als 500 Aktivisten teils tagelang festgehalten worden, teilte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International mit. Von einigen fehle bis heute jede Spur.

Die Armee hat es für illegal erklärt, drei Finger in die Höhe zu strecken - denn dies hat sich als Zeichen der Putschkritiker entwickelt. Wer festgenommen wird, landet in einem „Prozess der Einstellungsänderung“, wie ein Vizepolizeichef Reportern erklärt. Natürlich gebe es Widerstand, sagt Pravit Rojanaphruk, ein prominenter Kommentator, der sieben Tage in Militärgewahrsam war. Es traue sich nur noch kaum jemand, dies offen zu zeigen. „Die Junta gräbt ihr eigenes Grab, wenn sie meint, sie könnte Gleichförmigkeit der Gedanken und Gefühle erzwingen“, schrieb die Zeitung „Nation“ in einem Kommentar.

Armeechef Prayuth wagt sich derweil unter die Dichter. Er hat einen Song komponiert, der sein wöchentliches Fernsehprogramm untermalt. „Wir bringen Thailand Frieden zurück“, heißt das Werk, und es ist von jenem Typ Schnulze, wie sie aus dem Lautsprecher in einer Zahnarztpraxis säuseln könnte. Die Charmeoffensive der Militärs trägt offenbar Früchte: In einer unabhängigen Umfrage sprachen sich 41 Prozent der Befragten dafür aus, dass sich Juntachef Prayuth selbst zum Regierungschef ernennt.

Politische Unruhen in Thailand

Vor einem Monat übernahm Armeechef Prayuth Chan-ocha die Macht in Thailand. Ein Rückblick auf die Unruhen im Land:
2006 - Militärputsch gegen Regierungschef Thaksin Shinawatra im September, nach Massenprotesten gegen den umstrittenen Premier.
2007 - Thaksin-Anhänger gewinnen die Wahlen im Dezember.
2008 - Regierungsgegner blockieren den Flughafen in Bangkok, ein Gericht entlässt den Regierungschef. Oppositionsführer Abhisit Vejjajiva übernimmt im Dezember den Posten.
2010 - Thaksin-Anhänger organisieren Massenproteste. Etwa 90 Menschen sterben bei Zusammenstößen. Panzer beenden den Protest im Mai.
2011 - Thaksins Schwester Yingluck gewinnt die Wahl im August.
2013 - Neue Straßenproteste. Yingluck löst im Dezember das Parlament auf.
Januar 2014 - Nach Massenprotesten und vereinzelten Anschlägen verhängt die Regierung den Ausnahmezustand für Bangkok und Umgebung.
Februar: Regierungsgegner stören die Parlamentswahl massiv. Der Wahlgang wird später annulliert. Proteste halten an.
7. Mai: Das höchste Gericht enthebt Yingluck und neun ihrer Minister in einem umstrittenen Urteil wegen Verfassungsbruchs des Amtes.
20. Mai: Nach Anschlägen auf Lager der Regierungsgegner verhängt das Militär Kriegsrecht.
22. Mai: Armeechef Prayuth Chan-ocha putscht nach gescheiterten Vermittlungen zwischen dem Anhängern und Gegnerd der Regierung.
26. Mai: Prayuth lässt sich per königlichem Dekret als Juntachef bestätigen.
30. Mai: Die Militärjunta will frühestens in 14 Monaten demokratische Wahlen zulassen.

dpa