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Deutschland / Welt Go East – wenn du Zukunft willst
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Go East – wenn du Zukunft willst
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14:00 02.03.2019
Der Osten muss ein eigenes Selbstbewusstsein finden, das die Menschen für die Zukunft begeistert. Denn der demografische und der technologische Wandel sind eine große Chance für den Osten. Quelle: Montage: RND, Fotos: bgblue/iStock
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Berlin

Ach, der Osten! Ökonomisch immer weiter abgehängt, politisch bald unregierbar. 30 Jahre nach dem Mauerfall und wenige Monate vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen scheint der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland größer denn je. Der Strukturwandel beutelt die neuen Länder stärker als die alten. Von 26 abgehängten Regionen liegen 24 im Osten. Die AfD ist im Osten stärker als im Westen.

Stimmt alles. Ist aber noch lange nicht die ganze Wahrheit. Denn ausgerechnet der Beschluss der Kohlekommission zum Ausstieg aus der Kohle kann zur zweiten Chance für die östlichen Bundesländer werden.

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Eine der zentralen Ursachen für das im Osten verbreitete Gefühl, Verlierer der Vergangenheit zu sein, ist die historisch einmalige Abwanderung von Talenten. Fast zwei Millionen junge Fachkräfte sind von Ost nach West gezogen, um sich dort eine sichere Zukunft aufzubauen.

Die Abwanderung nach Westdeutschland geht zurück

Nur: Seit zehn Jahren kehrt sich der Trend um. Die Abwanderung nach Westdeutschland geht zurück. Jüngst gab es zum ersten Mal sogar einen positiven Saldo von Zuzügen aus dem Westen. Gewinner des demografischen Trends sind bislang „Schwarmstädte“ wie Leipzig, Dresden, Chemnitz, Erfurt, Jena und Potsdam.

Sie ziehen Zuwanderer aus Westdeutschland und dem europäischen Ausland an. Vor allem Studenten. Mieten und Lebenshaltungskosten sind in diesen Städten niedriger, die Hochschulen persönlicher und Kindergärten haben länger auf.

Für viele innerdeutsche Migranten sind die ostdeutschen Mittelstädte höchst attraktiv. Angesichts der steigenden Mieten und Immobilienpreise in den Großstädten werden in den nächsten Jahren Zehntausende von Familien, Älteren und Kreativen umziehen. Von diesem Trend können die Städte und Kommunen im Osten profitieren. Wenn sie umdenken.

Innovative Firmen machen einen Bogen um Regionen, in denen Mitarbeiter nicht willkommen sind

Es geht um die Zukunftsthemen nachhaltige Mobilität, Gesundheit, Tourismus und künstliche Intelligenz. Entscheidend für die Ansiedlung von neuen Unternehmen werden drei Standortfaktoren sein: Talente, Toleranz und neue Technologien. Den Wettbewerb machen jene Regionen und Städte unter sich aus, die in Bildung und Arbeitnehmer investieren, gegenüber Fremden offen eingestellt sind, Innovationen und Technologien positiv sehen.

Beim Faktor Talente gehören die Freistaaten Sachsen und Thüringen im nationalen Vergleich zu den Spitzenreitern, beim Faktor Toleranz sind die neuen Länder aber Schlusslicht. Der Mangel an Offenheit gegenüber Fremden und Neuem hat erhebliche Folgen für die Faktoren Technologien und Talente. Innovative Firmen machen einen großen Bogen um Regionen, in denen ihre Mitarbeiter nicht willkommen sind.

Schon jetzt sucht die große Mehrheit der ostdeutschen Unternehmen, viele von ihnen im ländlichen Raum ansässig, händeringend nach Arbeitskräften. Viele könnten in Asien, Afrika, besonders in Indien rekrutiert werden. Sie werden aber nur dann kommen, wenn sie an eine sichere Zukunft glauben, angefangen von der Kinderbetreuung und Bildung über schnelles Internet, funktionierenden Nahverkehr, ärztliche Versorgung – bis zu einer neuen Nachbarschaft, die sie freundlich aufnimmt, als Bereicherung ansieht.

Ständiger Wandel ist für die Menschen in Ostdeutschland seit Jahrzehnten Alltag

Wollen sie Talente gewinnen und halten, müssen die neuen Länder eigene Leitbilder und Strategien entwickeln. Ein nachhaltiger Kulturwandel ist gefragt. Statt dem Westen hinterherzurennen, muss der Osten ein eigenes Selbstbewusstsein finden, das die Menschen für die Zukunft begeistert. Denn der demografische und der technologische Wandel sind eine große Chance für den Osten.

Für die dort Beschäftigten ist die neue Arbeitswelt genauso wie die der letzten 30 Jahre: volatil, unsicher, komplex und ambivalent. Der ständige Wandel ist für die Menschen in Ostdeutschland seit Jahrzehnten Alltag. Sie können damit umgehen – und die Erfahrung zu ihrem Vorteil drehen.

Dazu kommt: Die nächste Etappe der Globalisierung ist die „Glokalisierung“. Wachstum und Wohlstand orientieren sich zunehmend an Regionen und Clustern und weniger an Nationalstaaten. Vernetzung und Kooperationen über die eigene Branche hinweg werden wichtig. Die großen Unternehmen haben dies längst erkannt und schicken ihre Führungskräfte und Mitarbeiter in Co-Working-Plätze.

Den Unterschied macht das Engagement der Bürger

Was für etablierte Unternehmen gilt, ist auch für Start-ups, Künstler und Selbstständige im ländlichen Raum eine Chance. Auch die kleinsten Dörfer wachsen, wenn die Bedingungen stimmen. Den Unterschied macht dabei meist das Engagement der Bürger vor Ort.

Pflegenetzwerke, Bürgerbusse, Carsharing, Kulturscheunen: Der ländliche Raum mit seinen Baudenkmälern und seiner Kultur verfügt in Ostdeutschland über ein Kapital, das viele Städte nicht mehr haben. Im Wettbewerb um neue Einwohner, Touristen und Arbeitskräfte bieten sie ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal: Entschleunigung.

Der Ausstieg aus der Kohle kann also zum Einstieg in eine neue Standortpolitik werden, wenn der Strukturwandel mit einem Kulturwandel einhergeht. Neue Technologien, Forschungseinrichtungen, Start-ups und Unternehmen, die Ansiedlung von mehr Behörden und Bundeswehr sind notwendig, aber noch nicht hinreichend, um aus strukturschwachen Gebieten Zukunftsregionen zu machen.

Teamdenken jenseits alter Lager

Nachhaltige und neue Wertschöpfung entsteht vor allem aus der Vernetzung und Kooperation von kreativen und innovativen Unternehmen, Kommunen und Bürgern vor Ort. Aus neuen Bundesländern müssen und können innovative Hubs und Regionen für neues und nachhaltiges Wachstum werden.

Die smarten, sauberen und sicheren Technologien und Services müssen hier entstehen. Vernetzte und emissionsfreie Mobilität, moderne Gesundheitsversorgung, exzellente Bildung, Kulturevents und Partnerschaften mit dem Ausland sind die beste Standortwerbung. Dann wird der Osten zur ersten Adresse für junge Köpfe und junge Unternehmen aus dem In- und Ausland.

Am Ende entscheidet aber auch Teamdenken jenseits alter Lager. Das Leit- und Vorbild für die Integration der neuen Bundesländer war bislang immer der Westen. Damit wird es bald vorbei sein. Nach den Landtagswahlen wird es zu neuen und bunten Bündnissen kommen. Die Linkspartei ist im Osten pragmatischer und progressiver, die SPD ist mittelstandsfreundlicher und die Grünen weniger moralische Verbotspartei – da ist sogar ein Bündnis zwischen Union und Linken denkbar. Vielleicht lernt dann der Westen vom Osten.

Dr. Daniel Dettling Quelle: privat

Zur Person: Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts (www.zukunftsinstitut.de). Zuletzt von ihm erschienen: „Wie wollen wir in Zukunft leben?“

Von Daniel Dettling