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Deutschland / Welt Großbritannien droht nach Wahl eine Hängepartie
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Großbritannien droht nach Wahl eine Hängepartie
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09:31 07.05.2010
Die BBC hat auf den Uhrenturm Big Ben die aktuellen Ergebnisse projiziert. Quelle: dpa
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Der Poker um die Macht in Großbritannien ist eröffnet: Die oppositionellen Konservativen konnten sich nach einer langen Wahlnacht zwar als stärkste Partei positionieren - allerdings kamen sie nach Auszählung der meisten Wahlkreise nicht auf die absolute Mehrheit der Parlamentssitze. Labour klammerte sich derweil an die Macht, obwohl die Partei von Premierminister Gordon Brown auf eines ihrer schlechtesten Ergebnisse in der Nachkriegsgeschichte zusteuerte.

Erstmals seit 36 Jahren könnte es nun im Königreich wieder eine Koalitions- oder Minderheitsregierung geben. Ob dann Tory-Chef David Cameron neuer Premier ist oder Gordon Brown weiter in der Downing Street bleibt, war unklar. Entscheidend sind in jedem Falle die Liberaldemokraten, obwohl die weit hinter den hohen Erwartungen zurückblieben. Sie wollen parteiintern erst am Samstag darüber beraten, wie sie weiter vorgehen.

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Zum Zünglein an der Waage könnten diesmal sogar kleine Regionalparteien, etwa aus Schottland, Wales oder Nordirland werden. Erstmals überhaupt zieht mit der Europaparlamentarierin Caroline Lucas eine Abgeordnete der Grünen ins britische Unterhaus ein. Verstärktes Augenmerk richtete sich auch auf die Rolle der Königin. Sie empfängt normalerweise am Tag nach der Wahl den neuen Premierminister. In der diesmal undurchsichtigen Lage hielt sich Elizabeth II. zunächst betont zurück.

Cameron betonte in der Nacht, dass die Wähler Labour „klar das Mandat zum Regieren“ entzogen hätten. Brown wiederum erklärte, er werde seinen Beitrag zu einer „starken, stabilen und richtungsweisenden“ Regierung leisten.

In Großbritannien hat der amtierende Premierminister das Recht - ja sogar die Pflicht - so lange im Amt zu bleiben, bis feststeht, welche Partei oder Koalition die meiste Unterstützung im Parlament hat. Er darf dabei auch als erster eine Regierungsbildung angehen. Labours Strippenzieher, Wirtschaftsminister Peter Mandelson, sagte: „Die Regel bei einem Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse ist, dass nicht die Partei mit der größten Zahl der Sitze als erstes zum Zug kommt, sondern die amtierende Regierung.“

Unklar war jedoch auch noch, ob Labour überhaupt zusammen mit den Liberaldemokraten auf eine klare Mehrheit kommt. Am Vormittag zeichnete sich ein Patt ab. Der Parteichef der „Lib Dems“ hielt sich am Freitagmorgen noch bedeckt. Er sagte lediglich: „Das war eine enttäuschende Nacht. Wir haben einfach nicht das erreicht, was wir uns erhofft haben.“

Brown ist seit drei Jahren Premier. Er hatte das Amt 2007 von Tony Blair übernommen, der zehn Jahre regiert hatte. Noch in der Nacht wurde spekuliert, wer Brown als Parteichef nachfolgen könnte, falls er gehen müsste. Brown hatte sich am Freitagvormittag mit dem engsten Führungszirkel von Labour zu Beratungen zurückgezogen.

Nach 598 von 650 ausgezählten Wahlkreisen lagen die Konservativen mit 286 Sitzen vorne, Labour erreichte 235 und die Liberaldemokraten 50. Für die absolute Mehrheit sind 326 Sitze im Parlament nötig. Die Wahlbeteiligung wurde bei etwa 65 Prozent erwartet - bei der letzten Wahl 2005 waren 61,4 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne gegangen.

Derweil bahnte sich in einigen Stimmbezirken ein juristisches Nachspiel an. Hunderte Wähler, die sich rechtzeitig in den Schlangen vor den Wahllokalen angestellt hatten, waren nicht mehr zum Zuge weggekommen und wurden weggeschickt. In anderen Wahllokalen gingen wegen des Andrangs die Stimmzettel aus.

dpa

Reinhard Urschel 06.05.2010
Klaus Wallbaum 06.05.2010