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Deutschland / Welt Große Aufregung um kleine Unterschiede
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Große Aufregung um kleine Unterschiede
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13:41 20.10.2009
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Bislang erkrankten an dem Virus in Deutschland knapp 22.000 Menschen, es gab lediglich zwei Todesfälle. Allerdings läuft eine heftige Diskussion auf Hochtouren: über die Sicherheit und die Notwendigkeit des Impfens – und über die Frage, ob Politiker eine Vorzugsbehandlung genießen.

Gibt es einen Politiker-Impfstoff, der besser ist als andere?

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Die Bundesregierung beteuert: Nein. Es gibt drei verfügbare Impfstoffe (Celvapan, Focetria und Pandemrix) von drei verschiedenen Pharmaherstellern, die von der europäischen Arzneimittelagentur in Deutschland zugelassen sind. Laut Bundesgesundheitsministerium sind sie in der Wirksamkeit und Verträglichkeit vergleichbar. Es gibt keinen weniger guten und keinen besseren Impfstoff.

Warum bekommen dann Mitglieder der Bundesregierung und Bundeswehrsoldaten ein anderes Antigrippemittel als der Rest der Bevölkerung?

Grund sind alte Verträge. Bereits vor über einem Jahr haben sich Bund und Länder darauf verständigt, dass auch die Soldaten der Bundeswehr zu den ersten gehören sollten, die bei einer Pandemiegefahr geimpft werden. Die Bundeswehr sollte selbst vorsorgen, was sie auch tat. Am 14. Oktober 2008 schloss das dem Verteidigungsministerium unterstellte Beschaffungsamt einen Rahmenvertrag mit dem US-Produzenten Baxter. Dieser Vertrag wurde am 11. Juni 2009 wirksam, als die Weltgesundheitsorganisation eine Schweinegrippe-Pandemie ausrief. So ist nun der „Bundesimpfstoff“ für die Bundeswehr, die Bundespolizei, Mitglieder der Bundesregierung und die Krisenstäbe des Staates in der Produktion. Die Länder haben dann 50 Millionen Impfdosen für den Rest der Bevölkerung bei dem britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline geordert. Bei einmaliger Impfung könnten damit rund zwei Drittel der Bevölkerung immunisiert werden.

Unterscheiden sich die Impfstoffe?

Ja. Der „Massenimpfstoff“ Pandemrix enthält Verstärkungsmittel, die eine nur einmalige Verabreichung notwendig machen und womöglich auch gegen sich verändernde Grippeviren schützen. Außerdem können mit einer Charge vier Personen statt nur einer geimpft werden, was bei einer weltweit begrenzten Produktionskapazität auch anderen Ländern zugutekommt. Das Bundeswehrmittel Celvapan enthält keine Wirkungsverstärker und keine Zusatz- und Konservierungsstoffe und gilt deshalb als verträglicher als die beiden anderen Impfstoffe. Es muss aber wahrscheinlich zweimal gespritzt werden.

Was sind Wirkungsverstärker?

Es sind sogenannte Adjuvantien, die zu einer stärkeren Reaktion des Immunsystems führen und sicherstellen, dass der Impfstoff auch gegen genetisch leicht veränderte Viren des gleichen Virusstammes wirkt. Bei den Wirkungsverstärkern handelt es sich um Öl-in-Wasser-Emulsionen, die unter anderem Squalen enthalten, eine aus Haifischleber oder pflanzlichen Ölen gewonnene Substanz. Auch Vitamin E ist enthalten sowie Polysorbat, das aus pflanzlichen Ausgangsstoffen hergestellt wird. Der normale saisonale Grippeimpfstoff kommt ohne diese Verstärker aus.

Ist es richtig, dass Pandemrix stärkere Nebenwirkungen hervorruft als der Bundeswehrimpfstoff?

Dies ist wahrscheinlich. Die Impfverstärker können auch die Nebenwirkungen verstärken. Dabei geht es um Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle sowie Kopfschmerzen, Fieber, Müdigkeit, Gelenk- und Muskelschmerzen. Gelegentlich wurde auch vom Anschwellen der Lymphknoten berichtet. Hauptproblem bleibt, dass der Wirkungsverstärker bislang in keinem Impfstoff verwendet wurde. Die Tests an 5000 Probanden ergaben keine Mängel.

Kann ein Normalbürger auch den Impfstoff Celvapan verlangen?

Nein. Aber die Ständige Impfkommission (Stiko) mahnt aufgrund der begrenzten Datenlage zur Vorsicht und hat empfohlen, für die besonders von der Schweinegrippe gefährdeten Schwangeren einen zusatzfreien Impfstoff vorzuhalten. Die Bundesländer haben dies zugesagt und verhandeln derzeit mit der Pharmaindustrie. Weil es an Tests mangelt, verlangen Kinderärzte auch für Kleinkinder einen solchen Impfstoff.

Wo kann man sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen?

Vorrangig soll dies in der Hausarztpraxis geschehen, weil die niedergelassenen Ärzte nach Ansicht des niedersächsischen Sozialministeriums „ihre Patienten besonders gut kennen und eventuell vorhandene Risiken am besten einschätzen können“. Empfohlen wird zunächst eine Impfung gegen die saisonale Grippe und an einem weiteren Termin eine gegen Schweinegrippe.

Hier finden Sie weitere Informationen der Bundesregierung

Wer sollte sich impfen lassen?

Vor allem Menschen, die im medizinischen und pflegerischen Bereich arbeiten, sowie chronisch Kranken, Immungeschwächten und Schwangeren empfehlen die Gesundheitsbehörden die Impfung.

Werden nur Risikogruppen gegen Schweinegrippe geimpft?

Nein. Ab Mitte November kann sich jeder impfen lassen, der möchte. Eine Impfpflicht besteht aber nicht.

Wie viel kostet die Impfaktion, wer bezahlt sie?

Für die Patienten ist die Impfung kostenlos, es werden auch keine Praxisgebühren fällig. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen; sollten sich aber mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder impfen lassen, muss der Staat einspringen. Die gesetzlichen Kassen wollen auch dann finanzielle Rückforderungen an die Länder stellen, wenn der georderte Impfstoff nicht verbraucht wird und sich nicht weiter verkaufen lässt. Insgesamt kosten die bestellten 50 Millionen Dosen rund eine Milliarde Euro.

Welchen Impfstoff erhalten Privatpatienten?

Denselben wie gesetzlich Versicherte. Es gibt einen Fonds, aus dem die Impfkosten bezahlt werden und an dem sich auch die privaten Krankenkassen beteiligt haben.

Wie machen es die anderen Länder?

In den USA wurde Anfang Oktober mit der Impfung begonnen. Dort sind seit September vier Impfstoffe zugelassen. In Frankreich werden ab nächster Woche zunächst Ärzte und Krankenschwestern gegen die Schweinegrippe geimpft. Einige EU-Länder – unter anderem die drei Baltenstaaten sowie Bulgarien und Malta – haben Probleme, den Impfstoff zu beschaffen. Die EU-Kommission will Gruppenbestellungen bei der Pharmaindustrie auf den Weg bringen.

Ist die Impfung sinnvoll?

Der Virologe Alexander Kekulé warf den Ländern bereits vor Tagen vor, einen Impfstoff geordert zu haben, der „völlig übertrieben“ sei. Das von der Bundeswehr bestellte Serum sei besser geeignet. Gestern befürchtete Kekulé nun, dass viele bislang unentschlossene Menschen aus Verunsicherung gar nicht mehr zur Impfung gehen wollen. „Und das ist eigentlich der höchste Preis, den wir zahlen können, wenn wir nämlich nicht mehr diese Chance haben, diese Pandemie durch eine allgemeine Impfung zu beenden“, sagte Kekulé im NDR.

von Bernd Knebel und Nicola Zellmer