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Deutschland / Welt 3,7 Millionen Menschen gegen den Terror
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21:26 11.01.2015
Zu der Großkundgebung in Paris werden Hunderttausende Teilnehmer erwartet.
Zu der Großkundgebung in Paris werden Hunderttausende Teilnehmer erwartet. Quelle: dpa
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Paris

Mit einer beispiellosen Welle der Solidarität haben am Sonntag in Frankreich mehr als drei Millionen Menschen ein starkes Zeichen gegen den Terrorismus gesetzt. Bei einer der größten Kundgebungen der Nachkriegszeit kamen allein in der Hauptstadt Paris nach Schätzung der Organisatoren bis zu 1,5 Millionen Menschen zusammen, um gemeinsam der jüngsten Opfer des islamistischen Terrors der vorigen Woche zu gedenken. Dutzende Staats- und Regierungschefs aus aller Welt marschierten vorneweg.

Frankreichs Präsident François Hollande und Kanzlerin Angela Merkel starteten am Nachmittag untergehakt zum großen Marsch im Zentrum der Hauptstadt. Spitzenpolitiker aus aller Welt versammelten sich in Paris unweit der von Menschen übersäten Place de la République.

Auch in anderen europäischen Hauptstädten bekundeten Zehntausende ihre Solidarität. In der belgischen Hauptstadt Brüssel demonstrierten rund 20 000 Menschen für Redefreiheit und gegen Hass, in Berlin waren es etwa 18 000. In der britischen Hauptstadt London wurden Wahrzeichen in blau-weiß-rot - den Farben der Tricolore, der Fahne Frankreichs - angestrahlt.

Geeint in Paris (von links): EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Israels Premier Benjamin Netanjahu, Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Malis Staatschef Ibrahim Boubacar Keita, Francois Hollande, Angela Merkel und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas. Quelle: afp

Ein Welle von islamistischen Terroranschlägen und Geiselnahmen hatte in der zurückliegenden Woche das Leben von 17 unschuldigen Menschen gefordert. Allein der Überfall auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" hatte am Mittwoch zwölf Opfer gefordert. An dem Marsch nahmen auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko teil.

Tausende Polizisten und Soldaten waren für die Sicherung des Solidaritätsmarsches im Osten von Paris mobilisiert, außerdem Scharfschützen auf den Dächern und etwa 150 Beamten in Zivil. Zu der Gedenkveranstaltung für die 17 Toten des Anschlags auf "Charlie Hebdo" und zweier weiterer terroristischer Gewalttaten von Islamisten hatten sich aus Deutschland auch Vizekanzler Sigmar Gabriel und die Minister Frank-Walter Steinmeier (Außen) und Thomas de Maizière (Innen) angekündigt. 

Aus Protest gegen terroristische Gewalt gehen die Franzosen zu Hunderttausenden auf die Straße. In Paris treffen Staats- und Regierungschefs aus aller Welt ein, um sich am Solidaritätsmarsch für die Terroropfer zu beteiligen.

Steinmeier zeigte sich "tief bewegt" über den großen Gedenkmarsch. Hunderttausende Menschen seien zu der "gewaltigen Kundgebung" gekommen, "um gemeinsam ein Zeichen der demokratischen Stärke und Einheit der französischen Gesellschaft zu setzen", erklärte Steinmeier. "Wir sind heute nach Paris gekommen, um unsere europäische Solidarität mit Frankreich und den Opfern der brutalen Anschläge der letzten Tage zu zeigen", erklärte Steinmeier. "Das Signal an die Menschen hier in Paris ist: Wir stehen fest und entschieden an der Seite unserer französischen Freunde und Nachbarn." Frankreich könne sich auch in schweren Zeiten auf seine Freunde verlassen. "Heute schlägt das Herz Europas französisch", fügte Steinmeier hinzu.

Staatschef Hollande empfing am Sonntagmittag im Élysée-Palast zunächst die Spitzenvertreter der jüdischen Gemeinde des Landes. Der Großrabbiner von Frankreich, Haïm Korsia, und der Präsident der jüdischen Dachorganisation Crif, Roger Cukierman, führten die Delegation an. Einer der Attentäter hatte am Freitag in einem koscheren Geschäft Geiseln genommen und nach Angaben der Staatsanwaltschaft vier Menschen erschossen. "Wir sind in einer Kriegssituation", sagte Cukierman.

Die Regierung habe zugesagt, jüdische Schulen und Synagogen von Soldaten schützen zu lassen, sollte dies notwendig werden, fügte er hinzu. Dass Juden aus Frankreich wegen der Gewalt nach Israel auswandern, respektiere die Dachorganisation, doch müsse der Terrorismus in Frankreich bekämpft werden. Hollande wollte nach dem Schweigemarsch noch am Abend die Große Synagoge von Paris für eine Trauerfeier aufsuchen.

Nach dem dramatischen Ende der Anti-Terror-Einsätze in Frankreich suchen die Ermittler mögliche Unterstützer der islamistischen Gewalttäter. Auch nach dem Tod der drei Attentäter galt weiterhin die höchste Alarmstufe. Intensiv gefahndet wurde nach der flüchtigen Lebensgefährtin eines der getöteten Terroristen. Die 26-Jährige soll Frankreich aber schon einige Tage vor dem Anschlag auf das Satireblatt "Charlie Hebdo" verlassen haben. Gegen die Welle der Gewalt gingen am Samstag im ganzen Land bereits etwa 700 000 Menschen auf die Straße, bilanzierte Innenminister Bernard Cazeneuve.

Zwölf Menschen starben am Mittwoch beim Anschlag auf das Satiremagazin, eine Polizistin wurde am Donnerstag bei einer Schießerei im Süden von Paris getötet, vier Menschen brachte einer der Terroristen am Freitag bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Laden im Osten von Paris um. Die Terrorgruppe Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) drohte Frankreich mit mehr Anschlägen.

IS droht mit weiteren Anschlägen

Die Brüder Chérif Kouachi (32) und Said Kouachi (34), die in der "Charlie-Hebdo"-Redaktion ein Blutbad mit zwölf Toten angerichtet hatten, riefen dabei "Allah ist groß" und "Wir haben den Propheten gerächt". Sie behaupteten, zur Terror-Organisation Al-Kaida zu gehören. Der jüngere der beiden hatte sich nach Erkenntnissen der Ermittler 2011 im Jemen aufgehalten. Auch die Miliz Islamischer Staat (IS) drohte mit einer größeren Terrorkampagne und weiteren Angriffen in Europa und den USA. "Morgen werden es Großbritannien, die USA und andere sein", sagte der IS-Prediger Abu Saad al-Ansari in der nordirakischen Stadt Mossul. Einen Zusammenhang mit IS behauptete Amedy Coulibaly (32), der dritte der am Freitag getöteten Männer.

Spezialeinheiten hatten am Freitag in Dammartin-en-Goële etwa 40 Kilometer nordöstlich von Paris Chérif und Said Kouachi erschossen, die hinter dem «Charlie-Hebdo»-Anschlag stecken sollen. Fast zeitgleich beendeten sie die Geiselnahme im Pariser Osten.

Die drei Attentäter hatten sich nach einem Bericht des französischen Fernsehsenders BFMTV bei ihren Taten eng abgestimmt. In einem Gespräch sagte Coulibaly, er habe sich mit den Brüdern Kouachi abgesprochen. Die beiden sollten das Satireblatt angreifen, er selbst wollte Polizisten ins Visier nehmen. Die Fahnder wollen herausfinden, woher die Waffen der Terroristen stammten und ob die Männer Anweisungen erhielten, "aus Frankreich, dem Ausland oder dem Jemen", so der Staatsanwalt von Paris, François Molins.

dpa/afp/frs

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