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Deutschland / Welt Guttenberg nimmt Kapitän der „Gorch Fock“ in Schutz
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22:10 27.01.2011
Von Klaus von der Brelie
Kapitän Michael Brühn (rechts) übergab im Februar 2006 in Elsfleth das Kommando über die „Gorch Fock“ an Kapitän Norbert Schatz. Quelle: dpa
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Ausbildungsfahrten mit dem SegelschulschiffGorch Fock“ sind offenbar nicht nur von harter Arbeit und gefährlichen Klettereien in der Takelage geprägt, sondern auch von recht angenehmen Freizeitbeschäftigungen wie Wasserski-Fahren. Nachdem am Donnerstag dem neuen Kapitän der Dreimastbark, Michael Brühn, vorgeworfen worden war, er habe das Schiff im November 2004 ankern lassen, um sich von einem Beiboot vor der Insel Lanzarote durchs Atlantikwasser ziehen zu lassen, reagierte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit einer Stellungnahme, die einer Ehrenerklärung für Brühn gleichkommt. Es sei „kein vorwerfbares Verhalten“ zu erkennen. „Die Wasserskier wurden seinerzeit aus Betreuungsmitteln beschafft und standen der gesamten Besatzung zur Verfügung.“ Wasserski-Fahren und vergleichbare Betreuungsmaßnahmen für die Besatzungen seien „gängige und erlaubte Praxis in der Marine“.

Kapitän zur See Brühn war der Vorgänger des Ende vergangener Woche abgelösten „Gorch Fock“-Kommandanten Norbert Schatz. Brühn hat jetzt den Auftrag, das ihm bestens vertraute Schulschiff nach Deutschland zurückzuholen. Die „Gorch Fock“ liegt derzeit in der südargentinischen Hafenstadt Ushuaia. Dort untersucht ab heute ein Expertenteam unter Leitung des Chef des Marineamtes aus Rostock, Horst-Dieter Kolletschke, wie es Ende vergangenen Jahres zum Tod einer jungen Offizieranwärterin gekommen ist und ob es Hinweise auf schuldhaftes Verhalten der Ausbilder gegenüber den Kadetten gibt. Offiziersanwärter hatten dem Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) von übermäßigem Druck, Drangsalierungen und sexueller Belästigung berichtet. Auch von einer Meuterei nach dem Tod der jungen Frau war zwischenzeitlich die Rede.

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Dass es Kritik an der Ausbildung auf der „Gorch Fock“ gibt, ist auch dem Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr aufgefallen. Es hat wiederholt über Spannungen zwischen Kadetten und einzelnen Ausbildern berichtet. In mehreren Befragungen gaben Offiziersanwärter an, das persönliche Verhalten von Vorgesetzten sei problematisch, die Art der Dienstführung sei nicht in Ordnung. In der jüngsten Studie von Mai 2010 wurde Kritik am Sicherheitskonzept und an fehlender Erholung laut. 2007 wird über schlechte Ernährung geklagt und beanstandet, dass es nicht genug Trinkwasser an Bord gebe.

Unterdessen wachsen die Vorbehalte gegen den weiteren Einsatz des Segelschulschiffes. Der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz erklärte, angesichts der Sparbemühungen bei der Bundeswehr, „wäre es unverständlich, ausgerechnet die ,Gorch Fock’ unbedingt weiter in Betrieb zu halten“. Es müsse geprüft werden, ob die Ausbildung an Bord des Segelschulschiffs weiter verpflichtend für sämtliche Offiziersanwärter der Marine sein müsse. Es sei richtig, dass der Verteidigungsminister das Schiff vorläufig aus dem Verkehr gezogen habe. Unions-Verteidigungspolitiker Ernst-Reinhard Beck (CDU) und SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold hatten sich am Mittwoch für einen Verbleib des Schulschiffes in der Bundeswehr stark gemacht.