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Deutschland / Welt Hans-Christian Ströbeles großer Coup
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21:54 01.11.2013
Das Dokument: Hans-Christian Ströbele zeigt den Brief von Edward Snowden an die Bundesregierung: „Ich freue mich auf ein Gespräch.“
Das Dokument: Hans-Christian Ströbele zeigt den Brief von Edward Snowden an die Bundesregierung: „Ich freue mich auf ein Gespräch.“ Quelle: dpa
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Berlin

Fast eine Stunde läuft die Hans-Christian-Ströbele-Show in der Berliner Bundespressekonferenz nun schon, da klingelt plötzlich sein Handy. „Oh, das ist wohl meins“, grinst der 74-Jährige vor über 200 Journalisten. Und schaltet das Gerät auf stumm. Um nachzuschieben: „War das vielleicht die Kanzlerin? Kennt hier jemand ihre Nummer?“ Die Lacher lassen nicht lange auf sich warten. Die beiden hätten sicher einiges zu bereden. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete ist bestens gelaunt nach seiner spektakulären Reise nach Moskau. Drei Stunden hat er dort mit Edward Snowden gesprochen. Und tatsächlich: Der meistgesuchte Mann der Welt ist unter bestimmten Bedingungen bereit, nach Deutschland zu kommen und mitzuhelfen, die Spionage-Affäre aufzuklären.

Es ist eine Nachricht, die das politische Berlin beben lässt – nicht aber die Stimme von Hans-Christian Ströbele. Dafür hat das Grünen-Urgestein wohl auch zu viel erlebt in seiner politischen Karriere. „Ich dachte mir, der Snowden ist ja nicht aus der Welt“, sagt der ergraute Politiker. Es klingt wie der erste Satz aus einem Agententhriller. Und es folgen einige Kapitel, die tatsächlich ein Buch ergeben könnten und schon jetzt den Schluss zulassen: Ströbele hat einen Coup gelandet, der die Bundesrepublik noch sehr beschäftigen wird.

Da ist das Telefon. Wer Hans-Christian Ströbele in diesem Sommer anruft, erlebt einen irgendwie unruhigen Mann, der trotz gerade erst überwundener Krebserkrankung erneut für den Bundestag kandidiert und noch nicht einmal richtig Urlaub macht. Was auch daran liegt, dass Ströbele ständig auf gepackten Koffern sitzt. Schon im Juni hat er Kontakt nach Russland aufgenommen, wo Snowden noch auf dem Flughafen festsitzt. Jeden Tag könnte der Flieger nach Moskau gehen. Doch der erste Anlauf Ende Juli schlägt fehl, die Verbindung bricht sogar ab. Als vor ein paar Tagen dann plötzlich doch grünes Licht kommt, muss es schnell gehen: Ströbele ruft zwei Journalisten seines Vertrauens an und fliegt nach Moskau. Ein silberner Van kutschiert die kleine Delegation quer durch Moskau. Ströbele hofft und glaubt, dass kein Geheimdienst folgt. Denn: Bis auf wenige enge Mitarbeiter in seinem Büro weiß niemand Bescheid.

Nach ein bisschen Hin und Her in der Millionenstadt sitzt er schließlich vor ihm: der berühmte Ex-Agent: „Edward Snowden ist ein junger Mann, der gut drauf ist“, berichtet Ströbele. Und ergänzt: Sehr kompetent, ernsthaft und überlegt. Die Papiere, die vor ihnen auf dem Tisch liegen, enthalten zumeist kryptische Zahlenketten, die Ströbele und den Journalisten völlig unverständlich sind. Nicht so Snowden: „Er versteht das alles“, sagt Ströbele. Die Augen leuchten. „Ich kann nur sagen: Das wäre ein sehr bedeutender Zeuge für Deutschland.“ Ströbele will in dieser Moskauer Mission wissen, ob Snowden den Deutschen bei der Aufklärung der Späh-Affäre helfen würde. Ob deutsche Ermittler ihn befragen dürfen, vielleicht auch die Mitglieder des geplanten Untersuchungsausschusses. Doch Snowden zögert. Schnell wird klar, dass sich das Interesse seiner russischen Gastgeber an einem deutschen Generalbundesanwalt, der in Moskau einen amerikanischen Ex-Agenten verhört, in Grenzen hält. Also ist Ströbele schnell bewusster denn je: Wenn überhaupt, dann muss Snowden nach Deutschland.

„Er kann sich vorstellen, nach Deutschland zu kommen. Wenn gesichert ist, dass er danach in Deutschland oder einem anderen vergleichbaren Land bleiben kann“, sagt Ströbele und jetzt bebt die Stimme doch ein bisschen. Er weiß: Dies ist die bislang heißeste Botschaft im Spionagethriller. Sie eröffnet das nächste Kapitel. Dabei ist die Nachricht selbst ein wenig wackelig. Ströbele präsentiert einen Brief Snowdens an die Bundesregierung, den Bundestagspräsidenten und an die Bundesanwaltschaft.

Er liest sich weniger konkret, als man vermuten würde. Es fehlt die Adresse, noch nicht einmal Deutschland wird explizit erwähnt. „Wie ein Formschreiben“, spottet ein amerikanischer Journalist. Und doch steht am Ende ein wichtiger Satz: „Ich freue mich auf ein Gespräch mit Ihnen in ihrem Land, sobald die Situation geklärt ist und danke Ihnen für ihre Bemühungen, das internationale Recht zu wahren, das uns alle beschützt.“

Von Patrick Tiede

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